Von der Vormundschaft zum selbstbestimmten Betreuungsverhältnis: Informationen zur Entwicklung des Betreuungsrechts

Marburg 21.11.2017 (pm/red) In einer Gesellschaft mit wachsendem Anteil älterer Menschen erwachsen neue Aufgabenfelder und deren rechtliche Gestaltung. Dazu gehört das Betreuungsrecht für Menschen, die ihre Angelegenheiten nicht mehr (alleine) selbst regeln können. Eine Würdigung …

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Die Blockade von Leningrad 1941-44 oder Lenas Tagebuch als Lamento des Hungers

cover-lenas-tagebuchMarburg 16.11.2016 Gastbeitrag von Ursula Wöll „Heute habe ich Geburtstag. Ich bin 17 geworden“, notiert Lena Muchina am 21. November 1941 in ihr Tagebuch. „Aka hat mir meine 125 g Brot und 200 g Bonbons gegeben. Das Brot habe ich schon fast ganz gegessen, was sind schon 125 g, das ist eine kleine Scheibe.“ Die Schülerin Lena wohnt in Leningrad, das seit dem 8. September 1941 von der Nazi-Wehrmacht  eingekesselt wurde. 1962 erst wurde ihr Tagebuch gefunden, das uns fast Tag für Tag über das erste Jahr der Blockade ihrer Heimatstadt informiert. Obwohl es schwer zu glauben ist: 125 g Brot auf Marken war die tägliche Ration für nicht arbeitende EinwohnerInnen, weil kaum Nachschub in die belagerte Stadt gelangte.

Am 22. Juni 1941 war die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion eingefallen und stieß in dem riesigen Land nach Osten vor. Das kam völlig überraschend für die Überfallenen, hatten beide Diktatoren doch den Hitler-Stalin-Nichtangriffspakt geschlossen.

Auch wenn Leningrad – das heutige St. Petersburg – nun unter beständigem Beschuss lag und bombardiert wurde, sollte die Dreimillionenstadt nicht erobert, sondern durch Verhungern ausgelöscht werden. Hitler entschied sich für diese grausame Variante, weil dafür weniger Soldaten nötig waren. Fast 900 Tage lang dauerte die Blockade, bis zum 27. Januar 1944. Über eine Million Leningrader verhungerten und erfroren in der belagerten Stadt, die nur zeitweise und ungenügend über den Ladoga-See versorgt und evakuiert werden konnte.

Lena Muchina und eine Seite ihres Tagebuchs. Quelle Ullstein Verlag

Lena Muchina und eine Seite ihres Tagebuchs. Quelle Ullstein Verlag

Hat es der Kalte Krieg verhindert, dass dieses monströse Verbrechen der Nazis kaum in unserem kollektiven Gedächtnis präsent ist? In den Blockadejahren wurde ich in einem Wehrmachts-Urlaub gezeugt, alles liegt also gar nicht so weit zurück. Ich nehme Lenas Geburtstag zum Anlass, um an diesen Massenmord zu erinnern. Für mich steht das Mädchen für ihre MitbürgerInnen, die unvorstellbare Qualen und Ängste durchlebten, bevor sie verhungerten oder erfroren. Man hat ihr Tagebuch mit dem der Anne Frank vergleichen, das die Vernichtung der Juden bezeugt.

Lena Muchina begann ihr Tagebuch einen Monat vor dem überraschenden Einfall der Wehrmacht in die Sowjetunion. Wie es ihrem Alter entsprach, dreht sich zunächst alles um ihre erste Verliebtheit und die Erlebnisse mit SchulfreundInnen. Ab dem 22. Juni 1941 und endgültig seit der Einkesselung ab dem 8. September wird das Tagebuch zu einer Chronik des immer schrecklicher werdenden Lebens und Sterbens in der Stadt.

Obwohl es schlicht berichtet und mit Emotionen spart, ist die Lektüre kaum erträglich. Der erste Blockadewinter war besonders früh und heftig hereingebrochen. An Neujahr 1941/42 ist der Tod der 76jährigen Aka durch Entkräftung verzeichnet. Sie wohnte gemeinsam mit Lena und ihrer geliebten Ziehmutter im gleichen Zimmer einer Kommunalwohnung. Aka war beim Lebensmittel organisieren gestürzt und so entkräftet, dass sie daran starb. Wie täglich hunderte anderer Leningrader ihre Lieben, so schleiften auch die beiden Frauen den Leichnam mühsam auf einem Schlitten oder einem  Stück Blech zur Sammelstelle mit Massengrab.

Am 10. Januar 1942 notiert Lena: „Wir werden von Tag zu Tag schwächer. Mama und ich bemühen uns, möglichst wenig Energie zu verbrauchen, wir sitzen und liegen viel.“ Da essen sie  bereits Tischlerleim, denn „bester Tischlerleim wird aus Hufen und Hörnern von Hausvieh gemacht“. Die Platten in Wasser aufgelöst schmecken fast wie Fleischbrühe, vermerkt Lena ironisch. Doch zumindest retten sie Leben. Ein Satz wiederholt sich nun öfter: „Gestern haben wir ausschließlich Sülze aus Tischlerleim gegessen“. Der nachbarliche Kater war da bereits geschlachtet und zur Basis für drei Mahlzeiten geworden.

Zwar erhielt Lenas Mutter als Arbeitende eine etwas größere Brotration. Maximal 600 g pro Tag bekamen Arbeiter, wenn Nachschub von Mehl über den Ladoga-See, die „Straße des Lebens“, kam. Das war möglich, wenn der See gut zugefroren war und die Rote Armee die an ihn schließende Bahnlinie freigekämpft hatte. Doch oft war das Brot gestreckt mit Strohhäcksel oder ähnlichem. Wer seine Marken für das bißchen Brot, die wenigen Gramm Fett, Erbsen oder Marmelade einlösen wollte, musste stundenlang Schlange stehen. Leicht konnte es vorkommen, dass die Vorräte zu Ende waren, bevor man an der Reihe war. Und das alles in der barbarischen Kälte. Am 12. Januar etwa notiert Lena: „Jetzt ist es im Zimmer 5 Grad warm, draußen ist Frost. Gestern waren es 31 Grad Kälte und heute nicht weniger.“

Das Tagebuch wird zu einem Lamento des Hungers. Man lebt unterernährt, und weiß nicht, ob man am nächsten Tag etwas auftreiben kann, was die Wassersuppe ergänzt. Alles Denken dreht sich nur noch um die Stillung des Hungers und die Beschaffung von Feuerholz. Es gibt zwar noch kulturelle Angebote. So wurde etwa die Siebte, die Leningrader Symphonie von Schostakowitsch teilweise in der eingekreisten Stadt komponiert und dort auch  aufgeführt. Doch viele Menschen haben nicht einmal mehr Kraft, bei Bombenalarm in den Keller zu gehen.

Oft muss Lenas Mama zum Arbeitsplatz laufen, da die Straßenbahnen stillstehen, weil kein Strom da ist. Und oft ist sie so schwach, dass ihr der weite Weg zu viel ist. Wenn Lena ihr Tagebuch nicht gerade mit Überlegungen füllt, wie sie ihre winzige Brotration auf den Tag verteilen soll, träumt sie mit ihrer Mama, was sie alles an Köstlichem  essen werden, wenn diese Hororrzeit einmal vorüber ist.

Auch die Mama stirbt, und Lena muss die Schrecken des Alltags nun allein meistern. Viel Solidarität kann sie nicht erwarten, denn die Nachbarn sind zu kraftlos zum Helfen und haben nichts zum Teilen. Kriminalität und Diebstähle nahmen sogar zu, worüber aber nichts im Tagebuch vermerkt wird. Lena gelingt es schließlich, im Juni 1942 evakuiert zu werden, Sie kam bei einer entfernten Tante unter und verstarb 1991. Ihren Jugendtraum, Zoologin zu werden, konnte sie nicht realisieren, da war Hitler, vielleicht auch noch Stalin vor. Ihr spät gefundenes Tagebuch wurde 2013 ins Deutsche übersetzt und erschien unter dem Titel „Lenas Tagebuch“ im Graf-Verlag München, 2014 auch als Taschenbuch für 9,99 Euro.

Man hat im nachhinein viel Kritik an den Entscheidungen Stalins und der sturen Bürokratie geübt, etwa an den Prioritäten, die bei Evakuierungen gesetzt wurden. Diese Fragen klammere ich aus. Nicht weil ich Stalin verharmlosen will, sondern weil ich an die menschenverachtenden Blockierer und die Gräuel von Kriegen erinnern wollte. Das waren unsere Vorfahren. Das ist unsere Geschichte.