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Peter Handke – ‚Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte‘ startet am 10. November im Kino

filmplakat-handkeMarburg 10.11.2016 (pm/red) Zum Kino gehören wie selbstverständlich Literaturverfilmungen. Ohne sie gäbe es viele große Filme nicht, vielleicht gäbe es ohne die filmische Inszenierung von Romanen, Erzählungen und anderen literarischen Vorlagen überhaupt nicht das Kino, so wie wir es heute kennen. Am heutigen Tag läuft ein Film an, der sich als ‚Literatenverfilmung`bezeichnen ließe. Dabei steht ein großer deutschsprachiger Schriftsteller unserer Tage im Fokus der Kamera. Peter Handke ist einer der bekanntesten zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren. Der österreichische Schriftsteller veröffentlicht seit Ende der 1960er Jahre seine oftmals radikalen und unbequemen Texte. Seinem Leben und seiner Person ist der Dokumentarfilm ‚Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte’ gewidmet.

Darin beschäftigt er sich unter anderem mit der Entfremdung des Menschen von der Welt, in der er lebt. Eine zentrale Frage seiner frühen Schriften ist diese: „Wie soll man leben?“ In ihrem Dokumentarfilm besucht die Filmemacherin Corinna Belz den berühmten Künstler, der zurückgezogen in Frankreich auf dem Lande lebt, in seinem Zuhause. Sie begleitet ihn beim Durchwandern seines Gartens, beim Putzen der Pilze für das Abendbrot, beim Bummel durch die angrenzende nächstgrößere Stadt, beim Essen mit seiner Tochter.

Dazwischen immer wieder historisches Bildmaterial, Interviews mit dem Meister selbst, Fotografien aus der Vergangenheit, Ausschnitte aus seinen Texten, gelesen von ihm, in dieser typisch langsamen, immer etwas versetzt nuancierten Art. Belz‘ Film setzt dabei nie den Anspruch, den „wahren“ Peter Handke zu zeigen. Der Film macht ganz im Gegenteil auf kluge Weise deutlich, wie sehr ein Künstler, der etwas erschafft, auch selbst zu etwas Künstlichem wird.

Gleich zu Beginn akzeptiert Handke dieses Schicksal. Er wisse, eine Rolle zu spielen, er wisse nur nicht, welche. Und so inszeniert Handke sich. Belz lässt ihn dabei gewähren, fängt aber genau diese Inszenierung mit ruhigen und exakt komponierten Bildern ein, hält sich im Hintergrund. Nur manchmal sind ihre Fragen zu hören. Die meiste Zeit aber dominiert der Autor, der als Enfant Terrible der Literatur bekannt wurde.

Nun aber, und dies macht PETER HANDKE – BIN IM WALD. KANN SEIN, DASS ICH MICH VERSPÄTE klar, scheint er selbst eine seiner wichtigsten Fragen beantwortet zu haben. „Wie soll man leben?“ Peter Handke zeigt in seinem Zuhause in Frankreich jedenfalls, wie er leben möchte. Ein kluger und reflektierter Film über einen großen Künstler. Und einen Menschen, der die Kunst auch dazu nutzt, sein eigenes Ich zu schützen.

Jury-Begründung zum Prädikat besonders wertvoll
Seit den 60er Jahren ist Peter Handke nicht nur einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller, er spielt seitdem auch seine Rolle so souverän wie nur wenige. Wer sich also wirklich private Einblicke von diesem Porträt des 73 Jahre alten Künstlers erhofft, wird enttäuscht sein, denn Handke inszeniert sich darin immer selbst. Er weiß genau, wie er sich vor der Kamera positionieren, wie er wirken, was er sagen und wie er sich bewegen muss, um dem Bild, dass er von sich erschaffen hat, zu entsprechen. Immerhin hat er selber ja auch als Filmregisseur gearbeitet.

Corinna Belz hat diese Bedingungen akzeptiert und hinterfragt sie nicht. Doch sie und Handke legen sie auch offen. So sagt Handke in die Kamera, er habe immer darauf bestanden, diese Rolle zu spielen und in einer offensichtlich gestellten häuslichen Szene mit Handke und seiner Tochter fragt diese, wie man unter diesen Umständen natürlich sein kann. Ihr Vater antwortet darauf, dies sei natürlich unmöglich. Aber auch die Selbstinszenierung eines Menschen sagt ja vieles über diesen aus und auf dieser Ebene lernt man Peter Handke dann doch überraschend gut kennen.

Handke sieht und zeigt sich in den Aufnahmen in seinem Haus in Frankreich als einen Müßiggänger, der seinem eigenen elften Gebot „Du sollst Zeit haben“ folgt. So gibt es Sequenzen, in denen er langsam einen Pilz aufschneidet, kleine Muscheln als Wegbegrenzung in die Erde seines Gartens drückt oder lange versucht, einen Faden durch ein Nadelöhr zu ziehen. Die entscheidenden Momente in Handkes Karriere wie etwa die Uraufführung seiner „Publikumsbeschimpfung“, seine Kollegenschelte beim Treffen der Gruppe 46 in Princeton oder der Skandal um seinen Text über Serbien werden durch Archivaufnahmen dokumentiert.

Eine weitere Ebene bekommt der Film dadurch, dass eine ehemalige Lebenspartnerin von Handke zu Worte kommt. Und mit seiner Tochter fährt Corinna Belz in ein Literaturarchiv in Wien, wo sie zusammen alte Fotos von Handke ansehen und darüber sprechen. Corinna Belz hat den Film in einem angenehm langsamen und so seinem Protagonisten angemessen Tempo geschnitten. Wenn sie den Umfang von Handkes Werk darstellen will, bewegt sie die Kamera an den gestapelten Buchrücken mit den Titeln entlang und dazu hört man den kultivierten Kammerjazz eines Klaviertrios.

Handke liest selber einige Auszüge aus seinen wichtigsten Werken vor und dabei folgt die Kamera den einzelnen Worten, wie er sie in seinen Notizbüchern aufgeschrieben hat. So erhalten auch Handkes Texte das ihnen gemäße Gewicht.

Dokumentarfilm, Regie und Drehbuch Corinna Belz, Kamera Axel Schneppat; Piotr Rosolowski; Nina Wesemann

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