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Vita Dubia – Sonderausstellung zum Scheintod im Kasseler Sepulkralmuseum


Ein Seilzug aus dem Sarg hin zur Glocke der Friedhofskapelle – ein Modell aus der Ausstellung >Vita Dubia< im Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Ein Seilzug aus dem Sarg hin zur Glocke der Friedhofskapelle – ein Modell aus der Ausstellung >Vita Dubia< im Museum für Sepulkralkultur in Kassel. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Marburg 4.11.2016 (red) Dass zum Leben der Tod gehört ist ebenso selbstverständlich wie es gemeinhin gerne lange Zeit verdrängt wird. Zum Ableben eines Menschen kommt hinzu, dass es Zweifelsfälle gibt. Dafür wurde der Begriff Scheintod geprägt. Damit werden bereits Kinder im Märchen konfrontiert. Indem Schneewittchen leblos im gläsernen Sarg liegt – bis das Stolpern eines Zwerges ihm den vergifteten Apfel aus dem Hals befördert– wurde das Erwachen aus einem Zustand scheinbaren Todes bereits im Märchen Thema. Dem Phänomen des Scheintods in seiner Komplexität widmet sich die neue Sonderausstellung >VITA DUBIA. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden< im Kasseler Museum für Sepulkralkultur auf dem Weinberg.

Im Märchen von Schneewittchen spielt der Scheintod eine wichtige Rolle – als Erzählung für Kinder. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Im Märchen von Schneewittchen spielt der Scheintod eine wichtige Rolle – als Erzählung für Kinder. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Wann ist der Mensch tot? Wo liegt die Grenzlinie zwischen Leben und Tod? Wie wandelt sich diese Definition in der historischen Entwicklung? Diese und andere Frage umkreist die Sonderausstellung und bietet verschiedene Zugänge und Inszenierungen, mit besonderem Blick auf die Epoche in der Thema im Kontext sich entwickelnder Naturwissenschaften in den Fokus kam, ja sogar ‚Mode’ wurde.

Um 1800 begann die Wissenschaft, die Eindeutigkeit des Todes in Zweifel zu ziehen. In ganz Europa hatten Menschen Angst davor, lebendig begraben zu werden – bald entstand eine regelrechte Hysterie um den »Scheintod«. Die Ausstellung vita dubia zeigt, wie Ärzte und Naturwissenschaftler die Grenze von Leben und Tod neu zu bestimmen suchten. Sie vollzogen bizarre Experimente mit Elektrizität und konstruierten mechanische Rettungsapparate für Grab und Sarg. In eigens errichteten Leichenhäusern wartete man so lange auf Lebenszeichen der Aufgebahrten, bis Fäulnis Sicherheit über den Tod brachte.

Flaumfeder, Spiegel und Instrumente
Von der Antike bis ins 18. Jh. galten gemeinhin sehr einfache Zeichen als Indizien für den Eintritt des Todes. War kein Herzschlag und kein Puls mehr zu fühlen, blieb eine Flaumfeder bewegungslos auf dem Mund liegen oder beschlug ein Spiegel nicht durch die Atmung, wurde der Betreffende für tot gehalten. Im Zuge der Aufklärung entbrannte in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Furcht der Menschen davor, lebendig begraben zu werden. Neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse und technische Errungenschaften brachten alte Gewissheiten über die Grenze zwischen Leben und Tod ins Wanken. Es folgte eine weit über die Fachkreise hinausgehende gesellschaftliche Diskussion über den Zwischenzustand, den »Scheintod«.

Zahlreiche Bücher wurden zum Thema Scheintod veröffentlicht und finden sich in Faksimile-darstellung in der Sonderausstellung. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Zahlreiche Bücher wurden zum Thema Scheintod veröffentlicht und finden sich in Faksimile-Darstellung in der Sonderausstellung. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Grassierende Angst vor dem Lebendig-begraben-Werden 

Eine der Folgen war die Errichtung des ersten Leichenhauses auf dem Jacobskirchhof in Weimar 1792 mit der Inschrift »Vitae dubiae asylum«, Haus des zweifelhaften Lebens. Die zutiefst beunruhigende Problematik des Scheintods regte nicht nur Ärzte und Wissenschaftler zu bizarren Experimenten an und veranlasste skeptische Erfinder zum Bau skurriler Rettungsapparate. Es entfachte sich beispielsweise eine Debatte darüber, welche Hinrichtungsmethode humaner sei: Köpfen oder Hängen? 
Gleichzeitig löste die weit verbreitete Verunsicherung einen kreativen Impuls aus. Auch Schriftsteller und Dichter beschäftigten sich intensiv mit dem Thema. Besonders faszinierend beschreibt Edgar Allen Poe (1809–1849) seine Scheintod-Ängste.

Fünf Themenräume mit Geschichten rund um den Scheintod präsentiert das Museum für Sepulkralkultur

  • Die große Angst Einführung und Beginn der Scheintoddebatte
  • Gestatten, Hufeland!« Über den Arzt und Wortführer der Debatte Christoph Wilhelm Hufeland 1762–1836
  • Dem Leben auf der Spur« Experimente und Forschung, Vermittlung der Hauptaspekte
  • Dem Scheintod entkommen« Leichenhaus, skurrile Rettungsapparate und andere Erfindungen
  • Ausblick

Die Räume sind facettenreich inszeniert und machen mit Installationen, Hörstationen, historischen Grafiken/Kupferstichen und Exponaten, historischen Quellen und Groß-Projektionen das komplexe Phänomen rund um die Scheintod-Debatte erlebbar und werfen dabei Fragen bis in die heutige Zeit auf.

Skalpelle, Zangen und andere Werkzeuge und Gerätschaften wurden eingesetzt, um Untersuchhungen zum Scheintod zu bewerkstelligen. sternbald-Foto Hartwig Bambey

Skalpelle, Zangen und andere Werkzeuge und brachiale Gerätschaften wurden eingesetzt, um Untersuchhungen zum Scheintod zu bewerkstelligen. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Archäologen als Vampirjäger
Was treibt Menschen an, Gräber zu öffnen und Leichnamen den Kopf abzuschlagen? Welche Schicksale stehen hinter Menschen, die – angeblich – nicht sterben können? Am 11. November erfahren Besucher bei einer Führung durch die Ausstellung »Vita Dubia. Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden« im Museum Erstaunliches über die Grenze zwischen Leben und Tod und können anschließend der Lesung der von Angelika Franz und Daniel Nösler, Autoren des Buches »Geköpft und gepfählt. Archäologen auf der Jagd nach den Untoten« lauschen. Die Autoren machen sich auf eine kulturgeschichtliche Spurensuche in der Welt der Untoten und Wiedergänger.
Freitag, 11. November – 19 Uhr

VITA DUBIA Über die Ungewissheit des Todes und die Angst, lebendig begraben zu werden

8. Oktober 2016 bis 16. April 2017
Museum für Sepulkralkultur
Weinbergstraße 25–27 | Kassel
Tel 0561 91893-0 | www.sepulkralmuseum.de
Di 10–17 Uhr | Mi 10–20 Uhr | Do bis So 10–17 Uhr
Mittwochs um 18 Uhr öffentliche Führung