Zum 150. Geburtstag von Otto Ubbelohde Ausstellung im Marburger Kunstverein

Marburg 16.9.2017 (pm/red) Anlässlich des 150. Geburtstags von Otto Ubbelohde in Jahr 2017 bietet der Marburger Kunstverein zusammen mit der Otto Ubbelohde-Stiftung und dem Kunstmuseum Marburg eine Ausstellung. Otto Ubbelohdes Werk als Landschaftsmaler und Graphiker …

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Die falsche Fährte von 1834

Wilhelm Schulz um 1820. Bleistiftzeichnung eines unbekannten Künstlers. Quelle Wikipedia

Marburg 23.12.2016 Gastbeitrag von Ursula Wöll Als ich hörte, dass der mutmaßliche Mörder von Berlin eine Börse mit Papieren im Lastauto zurückließ, dachte ich spontan an eine Geschichte, in der ein Brief absichtlich verloren wurde, um eine falsche Fährte zu legen. Die Geschichte handelt von einem Gefängnisausbruch. Dessen Gelingen erfreut allerdings, denn der Gefangene war ein demokratischer Oppositioneller. Was fast märchenhaft klingt, hat sich im Vormärz tatsächlich zugetragen, und zwar vor 182 Jahren, in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1834.
Wilhelm Schulz war wegen seiner demokratischen Meinung zu 5 Jahren Festungshaft verurteilt und saß seit etlichen Monaten im Babenhausener Schloss, das als Gefängnis diente.

Ein Jahr Untersuchungshaft in Darmstadt hatte er schon hinter sich und bereits 1819/20 war er ein Jahr lang eingelocht gewesen. Nun machte er sich „ein Loch in sein Loch“. In der Nacht vom 30. auf 31. Dezember 1834 sägte er die in vielen vorausgegangenen Nächten angesägten Fenstergitter endgültig durch und seilte sich aus dem 3. Stock ab. Er kletterte über die innere Mauer, lief über den zugefrorenen Wassergraben und verlor absichtlich einen Brief, der die Verfolger nach Offenbach wies. Mit einem achtstündigen Fußmarsch nach Frankreich brachte er sich in Sicherheit.

Ein so ausgefuchstes Unternehmen bedarf logistischer Hilfe von außen. „Die Ehen sind selten, in denen die Frau dem Manne die Freiheit nicht nimmt, sondern gibt“, schreibt Wilhelm später. Denn ohne Caroline Schulz, geborene Sartorius, wäre sein kühner Ausbruch nicht möglich gewesen. Und die beiden wären nicht über Straßburg in Zürich gelandet, dem Ziel vieler Emigranten im Vormärz. Dort wohnten sie in der Spiegelgasse, Wand an Wand mit Georg Büchner auf demselben Flur. Sie holten seine Braut an das Krankenbett des Dichters und standen ihm bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1837 bei. Caroline beschrieb Büchners letzte Tage in ihrem Tagebuch. Sie schickte Auszüge an die Familie Büchner in Darmstadt, die dadurch erhalten blieben. Später wohnte das Paar in Zürich-Hottingen, gegenüber dem geflüchteten Ferdinand Freiligrath und dessen Frau.

Caroline muss eine bemerkenswerte Frau gewesen sein, mutig, intellektuell, belesen und fröhlich. Doch über sie ist nichts archiviert, nicht einmal ein Bildnis oder ein Schattenriss. Sie starb bereits 1847 mit nur 47 Jahren. So erlebte sie nicht mehr, dass Wilhelm Schulz 1848 als Abgeordneter in die Paulskirche einzog. Nach ihrem Tod war er so hilflos, dass ihm der junge Gottfried Keller ein halbes Jahr lang den Haushalt führte und er erneut heiratete. Die zweite Ehefrau vernichtete nach dem Tod Wilhelms den Nachlass, vielleicht auch ein Porträt Carolinens?

Fest steht, dass Caroline als Tochter des Gymnasiallehrers Sartorius in Darmstadt aufwuchs. Sie besuchte öfter den konspirativen demokratischen Zirkel, der sich beim Bäcker Wilhelm Kahl traf, um über die Zensur zu klagen und Reformen zu diskutieren. Mehrmals war auch Friedrich Ludwig Weidig aus Butzbach zu Gast, der mit Büchner den ‚Hessischen Landboten‘ verfasste. Auch Wilhelm gehörte dem Zirkel an, Caroline und er verliebten sich. Erst nach neunjähriger Verlobung heirateten beide am 27. März 1828. Er war da 31 Jahre alt. Nach dem Ausscheiden aus dem Militär hatte er Jura in Giessen studiert und mit einer philosophischen Arbeit in Erlangen promoviert. Sie war bei der Hochzeit bereits ein „spätes Mädchen“ von 28 Jahren.

Sie kam in ein unruhiges Leben, Berufsverbote, Ausweisungen und nun die Haft des publizistisch tätigen Mannes. Besuchen durfte sie ihn nicht, ihm aber schreiben. Beide platzierten zwischen die von der Zensur lesbaren Texte Botschaften mit Tinte aus aufgelöstem Alaun, die erst bei Erwärmung sichtbar wurden. Caroline, die sich zwei Stübchen in Babenhausen gemietet hatte, wusste so, was sie als nächstes einschmuggeln sollte und machte selbst Vorschläge. Feile und Sägen erreichten den Häftling in einem Koffer mit doppeltem Boden und im Fuß einer Lampe. Die durfte sie abgeben, weil der Gemahl so schlecht sah. „Wir geben unseren Gegnern die Lampe in die Hand und führen sie damit hinters Licht“, so ihr Kommentar. Sie gab auch Teppiche und Pelze ab, schließlich war es Winter. Sie dienten als Draperien, um das Geräusch des nächtlichen Sägens zu dämpfen. Am Ende wurde ein ganzes Sofa bewilligt, dessen Unterseite mit 66 Ellen sehr starken Gurten zum Herablassen präpariert war.

Wegen der Kälte war die Wache in der Fluchtnacht in ihrer Stube geblieben. Wilhelm rutschte zwar immer schneller nach unten, doch holte er sich nur blutige Hände dabei. Der absichtlich verlorene Brief, der die Verfolger auf eine falsche Fährte nach Offenbach lockte, tat seine Wirkung. Auch gaben die Babenhausener keines ihrer Pferde heraus.

Über das Wiedersehen mit seiner Befreierin am 2. Januar im Elsass schrieb Wilhelm: „Das war einer jener seltenen Augenblicke, die ein ganzes Leben hindurch nachglänzen“. Zu lesen im „Briefwechsel eines Staatsgefangenen mit seiner Befreierin“, der allerdings erst 1846 bei Bassermann in Mannheim verlegt wurde, wo man etwas freier atmen konnte. Weil etliche Originalbriefe da schon verloren waren, dichtete sie Wilhelm aus seinem Gedächtnis nach.