Zum 150. Geburtstag von Otto Ubbelohde Ausstellung im Marburger Kunstverein

Marburg 16.9.2017 (pm/red) Anlässlich des 150. Geburtstags von Otto Ubbelohde in Jahr 2017 bietet der Marburger Kunstverein zusammen mit der Otto Ubbelohde-Stiftung und dem Kunstmuseum Marburg eine Ausstellung. Otto Ubbelohdes Werk als Landschaftsmaler und Graphiker …

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Vom Geschichtenschreiben und Märchenerzählen

Das Marmorzelt von Rebecca Belmore. Werk zur documenta 14, nach der Präsentation auf einem Nebenhügel der Akropolis inzwischen auf dem Weinberg in Kassel zu erleben. Foto Valerija Levin.

Marburg 24.8.2017 Gastbeitrag von Valerija Levin. In einem düsteren Wald verirrt sich das kleine Rotkäppchen, hinter einer Dornenhecke fällt Dornröschen in einen hundertjährigen Schlaf, Rapunzel lässt ihr Haar vom hohen Turm herunter…Wer den Grimms Märchen aufmerksam gelauscht hat, der wird sich bestimmt fragen, wo all diese gewaltige Inspiration ihren Ursprung fand. Wo haben die talentierten Brüder Jacob und Wilhelm Grimm gelebt und gewirkt? Die Antwort lautet: Kassel.

Kassel – Auf dem Weg in die Museums- und Kulturstadt, in der 1798 noch die Brüder Grimm zur Schule gingen, sehe ich grüne Landschaften und kleine Dörfer mit Fachwerkhäusern vorbeiziehen. Fast so wie noch zu „alten Zeiten“ der „Märchenbrüder“. Doch wer von Kassel eine prächtige Altstadt erwartet, mit Rokoko- und Renaissance-Bauten, der wird bei der Ankunft vielleicht ein klein wenig enttäuscht sein. Denn hier liegt das Augenmerk auf etwas ganz anderem. Architektonisch wild zusammengewürfelte Bauwerke und Kunst, wohin das Auge blickt. Fast eine Million Besucher werden dieses Jahr zu der weltweit wohl bedeutendsten Präsentationen für zeitgenössische Kunst erwartet – der documenta 14. Und hier, im Zentrum dieser wundervoll-chaotischen monumentalen Kulturstätte stehe ich am Bahnhof Wilhelmshöhe und warte darauf, eines der wohl ungewöhnlichsten Bewerbungsgespräche meines Lebens führen zu dürfen.

Als ich mich vor fast einem Monat für einen Praktikumsplatz beim Sternbald-Verlag bewerbe, bin ich darauf gefasst, ein Angesicht-zu-Angesicht-am-Tisch-Gespräch führen zu dürfen, so wie es eben sonst oft der Fall ist. Doch es kommt ganz anders. Der Inhaber des Verlages, freiberuflicher Journalist, Fotograf und Galerist überrascht mit dem Vorschlag, mir während des Vorstellungsgesprächs die Stadt zu zeigen, während wir über Journalismus, PR und Kunst reden.

Nun bin ich gespannt und aufgeregt und frage bei Ankunft nach dem Willy-Brandt-Platz und dann…
werde ich auch schon mit einem freundlichen Lächeln und einem etwas verdutzten Blick begrüßt. „Nanu, heute ohne Brille?“
Ich nicke, und hoffe insgeheim, er fragt nicht weiter, denn meine Brille dient dann doch meistens eher der Förmlichkeit der Dinge.

Kaum versehen, da sitzen wir auch schon nach einem kurzen Rundgang über den Bahnhofsvorplatz in seinem Auto und fahren Richtung „Herkules“ mit einem kleinen Stopp am Weltkulturerbe Bergpark Wilhelmshöhe. Der Verleger offenbart, was man wortwörtlich einen „rasenden Reporter“ nennen könnte, zumindest was seinen Fahrstil anbelangt. Er drückt kräftig aufs Gas und dann wiederum auf die Bremse, als ein Auto im Weg stehen bleibt, reißt das Steuer rum und schon sind wir wieder auf der Wilhelmshöher Allee Richtung Weltkulturerbe. Mir bleibt nur übrig, mich festzuhalten und darauf zu hoffen, dass dieses außergewöhnliche Bewerbungsgespräch nicht mein letztes wird. „Keine Angst, ich bin ausgebildeter Krankenwagenfahrer“, erklärt er gelassen…Na dann, bin ich ja beruhigt!

Während der Fahrt und unserem 2-stündigen Spaziergang durch Kassel erzählt er mir von der Geschichte Kassels, dem Wiederaufbau, den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm, die hier mit der ganzen Familie wohnten und er erzählt auch von seinem Weg zum freiberuflichen Journalisten und Verleger, er klärt mich über kritischen Journalismus auf und zeigt mir ein beeindruckendes Bauwerk nach dem anderen, während etliche Zigarillos aus seiner Jackentasche wandern. Als Verleger eines gerade erschienenen Reiseführers von Kassel weiß er viel über Kassel und mit viel meine ich „sehr viel“. Ein unglaublicher Wissensschatz an Fakten, Geschichten und aktuellen Bezügen überrollt mich im Zuge der kurzen Zeit und ich beginne Kassel mit anderen Augen zu sehen.

„Kassel ist hässlich“ – diese Aussage kenne ich von früher
Aber Kassel ist auch Parthenon of Books, mit seinen Säulen aus verbotenen Büchern, in denen ich eine Ausgabe von „Onkel Toms Hütte“ entdecke; Kassel ist die Weltmarke Grimm mit der „GRIMMWELT Kassel“, in der man die Märchen auf eine innovative Art und Weise erleben kann; es sind die breiten weißen Steinstufen vor dem Museum, auf denen Kinder aus Langeweile rappen; Kassel ist die „documenta-Halle“ mit der kilometerlangen Schlange; Kassel ist eine Rohrinstallation von Hiwa K, in der sich kleine Behausungen eine auf der anderen türmen; Kassel ist ein Flüchtlingszelt aus Marmor im Park, an dem Touristen unbehelligt Fotos für ihr Album schießen können; Kassel ist die endlose Wilhelmshöher Allee, die sich in Wellen zu beiden Richtungen erstreckt, um im Nebel zu versinken; Kassel ist Weltkulturerbe und Kassel ist zeitgenössische Kunst; Kassel ist Film, Szene und Multi-Kulti.

Während des Krieges wurde die Stadt fast komplett zerstört und musste von neuem aufgebaut werden. „Das macht die Stadt aus“, und als Vertiefung, „sie ist nicht altertümlich, sondern wurde rekonstruiert und neu erbaut. Deshalb gibt es hier so viele verschiedene Viertel. Man findet alles: Von Stuckdecken bis Skelettbauweise, von Porticus bis modernes Ausstellungshaus, Was zählt, ist der moderne und kreative Geist.“

Ich stehe auf dem Friedrichsplatz, umgeben von hunderten herumschwirrenden Kulturtouristen. Rechts vor mir steigt Rauch von einem Turm auf. Dies lässt daran denken, dass die Welt gerade in Flammen steht – kritisch und geradeaus. Ohne Verschönerungen. Ohne Wording.

„Ist es auch das, was sie später mal später machen wollen?“, werde ich gefragt.
Ich muss kurz grübeln. Ja, ich denke schon.
Ich will kritisch und genau berichten, aber auch vor allem ehrlich. Das ist schwer – natürlich.
„Wir lieben es“ für Massentierhaltung oder „Geiz ist geil“ für moderne Sklavenarbeit zu kreieren ist bestimmt einfacher, als sich mit unangenehmen und investigativen Themen zu beschäftigen und sich für sein Wort einzusetzen. Aber was wäre unsere Welt ohne einen Reinhold Lenz, einen Thomas Mann, ohne einen Kurt Tucholsky oder Erwin Kisch?

Ich glaube, ich will etwas verändern. Voranbringen, prägen.
Noch einen Moment verweilen wir im Parthenon of Books, zwischen Tausenden von Büchern – hier steht die Zeit still. Oder die Geschichte. Und die umherwandernden staunenden Touristen irgendwo dazwischen, auf einem neuen Weg in einen öffentlichen Raum, wo es vielleicht noch mehr Platz für ehrliche Worte und Freiheit der Gedanken geben wird.
„…Hier wäre ich gern geblieben…“, denke ich noch kurz, denn kaum habe ich mich versehen, da sind schon die zwei spannenden Stunden vorbei und ich sitze wieder im Zug mit einer Handvoll wuchtiger Eindrücke und einem neuen Verständnis von der Stadt Kassel.