Kaiser-Wilhelm-Turm: Panoramaansicht aus dem Jahr 1890 wiederentdeckt

Marburg 2.12.2018 (pm/red) Turm-BesucherInnen des  können sich jetzt orientieren. Die 2005 gefundene, handgemalte und aus dem Eröffnungsjahr des Kaiser-Wilhelm-Turmes stammende Rundumsichtskarte, wurde von Lutz Götzfried überarbeitet und am 1. Advent 2018 im TurmCafé veröffentlicht. In …

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Hören trotz Taubheit auf beiden Ohren

Wolfgang Kutsche, Privatfoto

Marburg 6.2.2018 (red/sr) Serie: Wir wollen Hilfe, wir sind Hilfe. Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es mehr als einhundert Selbsthilfegruppen. Ihre Themen sind so vielfältig wie ihre Schicksale. In den kommenden Wochen berichten wir über einige Gruppen und ihre Mitglieder.
Wolfgang Kutsche ist vollständig ertaubt. Trotzdem kann er seine Umwelt hören. Das verdankt er der Unterstützung und Bekräftigung seiner Selbsthilfegruppe; und einem kleinen Gerät in seinem Kopf.
Von Schwerhörigkeit sind nicht nur alte Menschen betroffen. Bereits im Grundschulalter hörte Kutsche auf dem rechten Ohr immer schlechter. Gerade auf dem Schulhof, wo viele Kinder durcheinanderlaufen und -reden, war das eine Herausforderung für ihn. Bis zur vollständigen Ertaubung seines rechten Ohres dauerte es noch bis zur Volljährigkeit. Das linke Ohr des Lahntalers konnte glücklicherweise noch normal hören.

Kutsche wurde Bauingenieur, lebte ein relativ normales Leben, 30 Jahre lang. Dann schlich sich auch auf dem linken Ohr die Schwerhörigkeit ein. Dieses Mal dauerte es nur halb so lange bis er auch auf diesem Ohr nichts mehr hören konnte. 2007 war es so weit: Kutsche war auf beiden Ohren taub.

„Ich hatte massive Ängste, meinen Beruf nicht mehr ausüben zu können und aus meinem sozialen Umfeld ausgeschlossen zu werden“, erzählt der heute 68-Jährige. Baustellen besuchen, Gespräche mit Kunden führen, das Besprochene in Pläne umwandeln: Kann das ein Gehörloser? „Ich war Ende 50 als ich komplett ertaubte. In diesem Alter noch eine Umschulung zu machen und einen neuen Job zu finden, ist schwierig, selbst für Menschen ohne Behinderung.“ Frührente kam für ihn nicht in Frage.

Kutsche wollte mit seinen Fragen und Ängsten nicht alleine bleiben. Der Lahntaler besuchte eine Selbsthilfegruppe von Menschen, die ein Cochlea-Implantat tragen.

Die Innenohrprothese ermöglicht hörgeschädigten Menschen wieder das Hören. Es besteht aus einem Sprachprozessor und einem Implantat. Der Prozessor sitzt außen am Kopf und nimmt die Geräusche aus der Umgebung auf. Dann wandelt er sie in elektrische Signale um und leitet sie über eine Sendespule an das Implantat weiter. Dieses stimuliert über mehrere Elektroden unterschiedliche Hörnerven und erzeugt so verschiedene Töne.

Für das Einsetzen des Cochlea-Implantats ist ein chirurgischer Eingriff notwendig. Um damit anschließend hören zu können, ist zum einen die Feinabstimmung des Sprachprozessors nötig, zum anderen ein Lernprozess des Hörgeschädigten. Denn: Mit Cochlea-Implantat hören bedeutet anders hören.

Die Mitglieder der Selbsthilfegruppe erzählten Kutsche von ihren Erfahrungen mit dem Implantat und bestärkten ihn in der Überlegung, sich selbst eines einsetzen zu lassen. Noch im Jahr 2007 ließ er sich das kleine Gerät auf der linken Seite einsetzten. Ein Jahr später folgte das Implantat auf der rechten Seite. Jetzt kann er wieder hören, allerding mit Einschränkungen.

Je mehr Menschen um ihn herum sind und sprechen, desto schwerer fällt es ihm, das Gesagte zu verstehen; zum Beispiel bei einer Besprechung. Umso wichtiger ist es, dass die Teilnehmer sich gegenseitig ausreden lassen und dass immer nur einer spricht. Hohe Stimmlagen versteht Kutsche besser als tiefe. „Mittlerweile kann ich auch recht gut Lippen lesen“, verrät er, „aber bei Schnurr- und Vollbärten ist auch das nicht immer so einfach.“

Heute bereitet Kutsches Schwerhörigkeit ihm keine Ängste mehr: „Als Bauingenieur bin ich weiterhin selbstständig tätig. Ich habe gelernt, meine Schwerhörigkeit zu akzeptieren und mit ihr umzugehen. Allerdings wünsche ich mir manchmal mehr Verständnis für Hörgeschädigte in akustisch schwierigen Situationen.“

Dieser Wunsch richtet sich nicht nur an Kutsches Mitmenschen, auch an öffentliche Einrichtungen, Versammlungsräumen und Servicestellen. Diese könnten durch die Installation von Ringschleifenanlagen barrierearm gestaltet werden. Solche Anlagen senden das Tonsignal eines Mikrofons direkt an Hörgeräte und Cochlea-Implantate. Somit kommt das Gesprochene ohne störende Nebengeräusche direkt bei den hörgeschädigten Menschen an.

In der Selbsthilfegruppe ist Kutsche mittlerweile als Leiter der Erwachsenengruppe aktiv. Denn auch mit Cochlea-Implantat gibt es noch genug Probleme und Geschehnisse im Alltag, über die er sich mit den Gruppenmitgliedern austauschen möchte. Die Gruppe trifft sich etwa alle zwei Monate, die Erwachsenengruppe im Uniklinikum auf den Lahnbergen, die Eltern-Kind-Gruppe in Goßfelden. Termine werden auf der Internetseite der Selbsthilfegruppe angekündigt.

1. Marburger Selbsthilfetag
Am 7. April, dem Weltgesundheitstag, findet ab 13 Uhr der 1. Marburger Selbsthilfetag im Erwin-Piscator-Haus statt. Neben einer offenen Podiumsdiskussion zum Thema Selbsthilfe werden zahlreiche Selbsthilfegruppen über ihre Angebote informieren. Die Veranstaltung richtet sich an alle, die sich für Selbsthilfe interessieren, unabhängig davon, ob sie selbst eine persönliche Verbindung zum Thema haben.
Bei der Podiumsdiskussion wird eine Ringschleifenanlage für Hörgeschädigte vorhanden sein.

Kontakt zur Gruppe
Wolfgang Kutsche
Cochlea-Implantat Selbsthilfegruppe Mittelhessen
Telefon: 0 64 23 / 96 90 324
E-Mail: wolfgang.kutsche@arcor.de
www.ci-shg-mittelhessen.com