Afghanistan: Ein Krieg in der Sackgasse
Dieses Buch setzt sich mit dem Afghanistan-Krieg unter Beteiligung deutscher Soldaten auseinander.
Der ‘Bart’ am Hindukusch ist lange ab
Die Sicherheitslage in Afghanistan wird immer prekärer, Politiker in Deutschland übertrumpfen sich mit Beileidsbekundungen für Hinterbliebene getöteter deutschen Soldaten. Was mit einer völkerrechtswidrigen Intervention der Vereinigten Staaten und ihrer Verbündeten als ‘Krieg gegen den Terror’ begann, konnte in neun Jahren nicht zur versprochenen Stabilisierung und Demokratisierung Afghanistans geraten. Daran ändert der „Truppenbesuch“ des Verteidigungsministers mit Ehefrau rein gar nichts.
In dem soeben von Johannes M. Becker, Marburg, und Herbert Wulf, Essen und früher SIPRI Stockholm, herausgegebenen Sammelband mit Beiträgen von 9 Experten und Kennern der Verhältnisse beschreiben und analysieren diese Geschichte des Krieges, völkerrechtliche Konsequenzen, militärische Strategien und entwicklungspolitische Konzepte. Ein Ende des Desasters ist nicht in Sicht.
“Eine Niederlage in Afghanistan wäre sowohl das generelle Eingeständnis, im Krieg gegen den Terror mit militärischen Mitteln wenig ausrichten zu können und darüber hinaus das Konzept zur Stabilisierung schwacher Staaten aufgeben zu müssen”, formuliert Herausgeber Johannes M. Becker in Vorwort. Nach seiner Einschätzung ist die Afghanistanpolitik gescheitert. “Die Doppelstrategie militärischer Intervention von außen und ziviler Aufbau innen ist misslungen; denn die Kampfhandlungen führen zu immer stärkerer Ablehnung bei der Bevölkerung. Militärische Aufstandsbekämpfung und Schutz der Bevölkerung schließen sich aus.”
In Afghanistan als Britisch-Russischer Staaten-Schöpfung des 19. Jahrhunderts und verklärtem Reiseziel von Hippies in den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts, schließt sich längst die eigene, hier deutsche Bevölkerung aus. Eines Diktum eines Verteidigungsministers wonach deutsche Sicherheitsinteressen am Hindukusch zu verteidigen seien, hat sich längst als doppelbödig erwiesen, indem es einen Bundespräsidenten zum Amtsverzicht veranlasste. Sicherheitspolitik, und mit ihr längst aufs Engste verknüpft Auslandseinsätze der Bundeswehr, würde nationalen Interessen wie Zugang zu Rohstoffen oder freien Handelswegen zu dienen haben. Globale Intervention im vergehenden Reich einer Pax Americana ist hoffähig gemacht worden. Gesucht ist eine Exit-Strategie.
Die Stärke dieses Lesebuches liegt in der vielseitigen Autorenschaft mit unterschiedlichen Blickwinkeln, angefangen mit der Geschichte des Krieges (Matin Baraki), Fragen der völkerrechtlichen Bewertung (Norman Paech) bis schließlich zur zivil-militärischen Zusammenarbeit als Teil einer “eurozentrischen Strategie” eines “Nation-Building”, die zugleich zivilen Aufbau und Entwicklungsförderung dem Primat des Militärisch-Politischen (Thomas Gebauer) unterwerfen will.
Johannes M. Becker, Herbert Wulf (Hg.) Afghanistan: Ein Krieg in der Sackgasse
Schriftenreihe zur Konfliktforschung, Bd. 25, 224 Seiten, broschiert, 2010, 2. Auflage
LIT Verlag ISBN 978-3-643-10460-1, 24,90 Euro.
