Oberhessisches Mundart-Wörterbuch
Dieses Buch ist bereits in 2009 erschienen und ist vor allem ein besonderes Wörterbuch.
„Doas win mer nit vergèasse“
Bereits 2009 ist im Marburger Tectum Verlag das von Ortwin Koch erarbeitete idiomatische Mundart-Wörterbuch „Doas win mer nit vergèasse“ (Das wollen wir nicht vergessen) erschienen. In gediegener Ausstattung und Bindung mit Lesefaden ausgestattet, liegt ein nachgerade „anachronistisches“ Werk und Kompendium vor, das, wenn nicht wissenschaftlichen Ansprüchen, so doch Interessen der Sprachforschung weit entgegen geht.
Das Werk schmeichelt der Hand, lässt sich vorzüglich blättern und ist in der Gestaltung des Schriftbildes bei über 5.000 alphabetisch strukturierten Worteintragungen und -erläuterungen gut lesbar. Dies ist in Zeiten nach dem Verlust des typografischen Handwerks und althergebrachter Regeln und darauf fußender Lesegewohnheiten wahrlich keine Selbstverständlichkeit mehr. Gekonnt und plausibel ist dabei der Wechsel zwischen Normalschrift für hochdeutsch und Kursivschrift für die idiomatischen Wörter, Phrasen oder Beispielsätze. Auf Lautschrift wurde zu Gunsten einer Lesbarkeit für Laien verzichtet.
Lokale und kleinregionale volkstümliche – in der Bedeutung des Wortes – Sprachüberlieferungen gehen zusammen mit guter handwerklicher Buchmacherkunst.
Das ist rar in Zeiten sich mehr durchsetzender elektronischer Kommunikationskulturen und erfüllt die Aufgabe eines Sprachbewahrens.
Es ist klar, dass es sich um ein spezielles Buch handelt, keine leichte Kost oder Dutzendware. Für ältere Bewohner der Dörfer nahe zur Amöneburg in Oberhessen und für Bewohner des Ortes Niederklein im Besonderen, die sich darin als Sprecher untergehender Dialektausprägungen ihres Dorfes wiederfinden können und sollen, dürfte das Kompendium von großem Interesse sein.
Eingeleitet von 14 oberhessischer Sagen und Spukgeschichten in Dialekt, synoptisch gegenübergestellt in Hochsprache, wächst das Werk auf ein 380 Seiten starkes Lesebuch und Nachschlagewerk. Eingestreut in die sich über mehr als 350 Seiten erstreckenden Worterklärungen und Ableitungen finden sich zahlreiche historische Fotografien aus dem Dorfleben lange vergangener Tage. Dies gibt Lebendigkeit und Anschauung und weitet den Horizont dieses Heimatbuches in unverdächtigem Sinne.
Es geht los mit Aa. Das steht für die Flurbezeichnung Aue, aber als aa zugleich für auch.
Der letzte Eintrag ist die Zwoagg für Astgabel, Steinschleuder, volkstümlich auch Zwille.
Die Buchstaben X und Y sind in der Mundart nicht vorhanden, wohl aber ein Eintrag über Ibbe(r)n. Meint die belgische Stadt Ypern, ergänzt um den Ausspruch Dèr seht aus wai der Duut voo Ibbe(r)n – Der sieht aus , wie der Tod von Ypern, d. h., der ist totenbleich.
Man braucht nicht zu spekulieren, wo das herkommt. Hier bilden sich dorfeigene, wahrscheinlich eher mündlich importierte Erfahrungen und Beobachtungen aus dem 1. Weltkrieg ab, in dem der belgische Ort Ypern zum sprachlichen Synonym für den berüchtigten grausamen Gaskrieg wurde. Eine halbe Million Menschen mussten als Soldaten dort ihr Leben geben und begegnen uns als tradierter und insoweit verbrämter idiomatischer Ausspruch in Oberhessen.
Vermutlich stirbt auch dieser Dorf-Dialekt aus, so wie ländlich-dörfliche Volkskultur nach Verlust ihrer agrarökonomischen Grundlagen immer mehr verdrängt worden ist, ohne dass Leitkultur-Apologeten dies überhaupt interessiert hätte.
Ortwin Koch setzt das alleinige Mittel des Bewahrens dieser sprachlichen Klein-Welt dagegen. Er hat gesammelt, zusammengestellt und ediert. Der Wissenschaftsverlag Tectum hat es verlegt. Beides sind Leistungen, die in Zeiten zunehmender Globalisierung Würdigung verdienen. So wie das Buch für 24,90 Euro nicht nur den Kaufpreis, sondern auch den Erwerb wert ist.
Ortwin Koch, Doas win mer nit vergèasse, Ein Wörterbuch zur Mundart eines oberhessischen Dorfes
- Unter besonderer Berücksichtigung der gebräuchlichen Redensarten und Sprichwörter
380 Seiten mit zahlreichen s/w-Fotografien, gebunden
Tectum Wissenschaftsverlag, Marburg 2009,
ISBN 978-3-8288-9812-7; 24,90 Euro
