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„Denkt immer daran, wir kämpfen nicht ohne Grund“

Marburg 10.6.2010 (red) Am Tag des zweiten Bildungsgipfels in Berlin wird an dieser Stelle die Ansprache von Julian Wolff bei der  gestrigen Demonstration in Marburg wiedergegeben. Als Mitglied der Stadtschülerrates  engagiert sich Julian Wolff für seine eigene Ausbildung und dafür, dass Schüler und Studierende selbst sich nachhaltig für die Bildung und deren angemessene Ausstattung stark machen. An der Demonstration in Marburg am 9. Juni haben sich Schüler, Studierende, Lehrende und Eltern beteiligt. Der Text der Ansprache ist geringfügig gekürzt.

„Ich bedanke mich bei allen, die heute hier sind und für ein gerechteres Bildungssystem demonstrieren.
Ich bin stolz auf jeden einzelnen der hier erschienen ist, jeden einzelnen der sich für ein besseres Bildungssystem einsetzt und jeden einzelnen der damit Teil unserer Bildungsprotestbewegung ist.

Denkt immer daran, wir kämpfen nicht ohne Grund.
Durch unseren gemeinsamen Widerstand, unsere kämpferische Solidarität und dadurch, dass wir uns nicht haben unterkriegen lassen, haben wir erreicht, dass in diesem Land keine Studiengebühren mehr zu zahlen sind, und darauf können wir stolz sein!!

Aber das ist nur ein kleiner Schritt auf einem langen Weg, den wir zusammen zu gehen haben. Einen Weg, den wir selbst bestimmen werden und auf dem wir uns nicht durch Politiker bevormunden lassen.
Ein Weg, gesäumt von katastrophalen Problemen und Missständen dieser Bildungspolitik.
Und wisst ihr was? Wir dürfen keins dieser Problem und keinen dieser Missstände weiterhin widerstandslos hinnehmen.
Wir dürfen es nicht hinnehmen, dass der Chefkoch des Restaurants Hessen sich so einfach aus dem Staub macht, und alles was er uns hinterlässt, eine widerlich versalzene Sparsuppe namens Bildungspolitik ist.

Wir dürfen es auch nicht hinnehmen, dass noch immer nach der 4ten Klasse entschieden wird, ob man zur sogenannten Elite dieses Landes gehört, oder auf das Abstellgleis Hauptschule geschickt wird, um dann womöglich mit Hartz 4 im sozialen Abseits zu landen.
Genauso wenig dürfen wir es weiter widerstandslos hinnehmen, dass die jüngeren Schülerinnen und Schüler wegen der der Wirtschaft zu liebe verkürzter Schulzeit G8 ihrer Freizeit beraubt werden.

Wir dürfen es nicht weiter hinnehmen, dass die Schwächeren bei dieser Schulzeitverkürzung auf der Strecke bleiben und wir dürfen es erst recht nicht hinnehmen, dass unsere Schulen Stück für Stück zu Lernfabriken umgewandelt werden.
Und deshalb bitte ich an dieser Stelle die Schülerinnen und Schüler unter euch, die unter G8 zu leiden haben, macht eurem Ärger Luft, zeigt, dass ihr euch das nicht weiter gefallen lasst und seid jetzt einmal so richtig laut!

Ebenso wenig hinnehmbar ist, dass durch eine von gierigen und egoistischen Finanzjongleuren verursachte Wirtschaftskrise letzten Endes dazu führt, dass z.B. durch den Hochschulpakt jetzt wir dafür leiden müssen und an der Bildung gespart wird.
Die Universitäten müssen jetzt für ein Versagen des Casinokapitalismus leiden und deshalb bitte ich an dieser Stelle die Studentinnen und Studenten, lasst euch das nicht weiter gefallen, setzt euch zu Wehr und zeigt was ihr davon haltet indem ihr jetzt einmal so richtig laut seid!!

Es ist nicht so einfach hinnehmbar, dass ein selbstbestimmter Weg mehr und mehr angepasst wird, an einen einheitlichen Weg, der jede Individualität vermissen lässt.
Es ist nicht hinnehmbar, dass dieses Bildungssystem desolat und ungerecht ist, und es ist erst recht nicht hinnehmbar, dass die Politik sich nicht bemüht es zu verbessern!
All das betrifft uns alle gleich und  all das dürfen wir gemeinsam nicht weiter hinnehmen!
Und soll ich euch mal was sagen? Wir werden es nicht weiter hinnehmen!

Deswegen bitte ich euch alle: Lasst uns dafür sorgen, dass uns die Politik nicht überhören kann, lasst uns dafür sorgen, dass der Politik klar ist, dass wir das nicht weiter hinnehmen werden.
Ich fordere euch alle auf, verschafft euch Gehör und seid heute alle verdammt nochmal so richtig laut!!

Vor einem Jahr stand ich an der selben Stelle, damals hielt ich eine Rede mit dem Traum, die Politik würde uns hören, Ernst nehmen und etwas ändern.
Seitdem ist nichts passiert. Wir haben der neuen Regierung die Chance gegeben etwas zu verändern, aber dem war nicht so.
Wir sind an dem gleichen erbärmlichen Stand wie noch vor einem Jahr.

Aus diesem geplatzten Traum entstand aber die Erkenntnis, dass wir niemanden in der Politik dazu bringen werden, etwas zu verändern, sondern dass wir selber die Veränderung machen müssen.
Alleine können wir nur kleine Dinge bewirken, aber gemeinsam können wir etwas Großes verändern.

Ich habe vor der Demo oft als Kritik gehört, an der Demo würden linksextreme Gruppen  teilnehmen. Heute sind wir nicht linksextreme Gruppen, Jusos, Studenten, Schüler und Lehrer. Heute sind wir alle vor allem eins: Gemeinsame Kämpfer im Kampf für ein besseres und gerechteres Bildungssystem!

Und deshalb habe ich bei dieser Demo den Traum, dass in uns allen ein Bewusstsein dafür entsteht, welche Macht wir haben, wenn wir uns zusammen für etwas einsetzen.
Und ich habe den Traum, dass unser Kampf erfolgreich ist, dass wir etwas bewirken und dass jeder von euch in sich einen kleinen Revolutionär entdeckt, der sich nicht alles gefallen lässt, der sich gegen Unrecht zur Wehr setzt und der nicht aufgibt, bis sich etwas verändert hat.
Die anderen sitzen am längeren Hebel, aber wir haben die Solidarität. Solidarität ist ein Waffe und jeder von euch ist ein Teil davon.

Darum bitte ich euch, lasst uns darum kämpfen, dass dieser Traum wahr wird, lasst uns darum kämpfen, dass wir endlich bekommen was uns zusteht, lasst uns darum kämpfen, dass sich etwas verändert!
Wir werden nicht aufgeben und wir werden uns nicht klein kriegen lassen, denn eins muss ein für alle mal klar sein:
Wessen Bildung? – Unsre Bildung.

Lasst uns dafür sorgen, dass es auch unsere Bildung wird.
Ich rufe euch hiermit zu einem kämpferischen Bildungsstreik, in diesem und jedem weiteren Jahr auf und rufe euch zu:
Lasst uns dafür sorgen, dass die Politik die Jugend nie wieder ignorieren wird.“ (Anprache Julian Wolff, Schüler im Stadtschülerrat Marburg)

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