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Bewegung als Herausforderung und Kunstform

Traceur im Stadtraum (Foto Jon Lucas cc)

Frankfurt, Marburg 18.9.2010 (wm/red)  Der Sport verlässt seine traditionellen Spielstätten: Turnhallen, Fußballplätze, Leichtathletikstadien passen nicht mehr zu den modernen Trendsportarten wie Inlineskating, Skateboarding, Mountainbiking und City-Marathon. Natur und Stadt sind die bevorzugten Aktionsfelder. Das ist auch in Marburg zu beobachten.  Das jüngste und spektakulärste Beispiel ist „Le Parkour“: Dabei überwinden die Akteure jedes Hindernis, das sich ihnen in der Stadt stellt, springen über Mauervor-sprünge, Bänke und Mülltonnen. Der Sportsoziologe Prof. Robert Gugutzer hat diese Kunst der Fortbewegung unter die Lupe genommen.

David Belle und die Traceure

Traceur in Aktion (Foto Benjamin Hell-pixelio.de)

Für die Sportsoziologen ist „Le Parkour“ „eine subkulturell entstandene, innovative Körperpraxis mit unkonventioneller Raumnutzung“. Die „Traceure“, wie die Akteure sich selbst nennen, nutzen ausschließlich ihren Körper als „Sportinstrument“, um so schnell und zugleich so sicher wie möglich von A nach B zu kommen. Sie bewältigen ihren Weg laufend, springend, kletternd, wie es ihre eigenen Fähigkeiten erlauben, ohne an den Hindernissen, die ihnen die Stadtlandschaft bietet, etwas zu verändern. Bis sich aus der ersten „Parkour“-Gruppe, die der Franzose David Belle Ende der 1990er Jahre gründete, eine global verbreitete und vernetzte Szene entwickelte, dauerte es einige Jahre. Videoclips auf „youtube“, Spielefilme wie „Casino Royal“ und Musikvideos von Madonna oder Tina Turner machten diese Sportart der Städter immer populärer.

„Le Parkour“  ist längst eine Bewegung

Le Parkour - Saut de Précision, ein Präzisionssprung (Foto Marco Gomes cc)

Inzwischen wachsen die „Parkour“-Communities insbesondere in den Großstädten: Junge Männer zwischen 18 und 25 Jahren, die häufig vorher geturnt oder Kampfsportarten trainiert haben, treffen sich irgendwo an Baustellen, Parkgaragen oder den Orten bürgerlicher Kultur wie vor der Alten Oper in Frankfurt und nehmen es mit den Hindernissen auf, die die urbane Lebenswelt prägen. Gugutzer sieht darin die Chance, dass Menschen sich ihren in der Stadt verbauten und zugebauten Lebensraum wieder aneignen und auf neue Weise wahrnehmen. Ein Mauervorsprung oder ein Holzpfosten, die von den meisten Passanten übersehen werden, nehmen Traceure als eine sportive Bewegungsoption wahr, etwa für einen „saut de précision“, einen Präzisionssprung. „Der städtische Raum wird aber nicht nur anders oder neu gesehen, er wird auch differenzierter gespürt“, ergänzt Gugutzer. „Durch wiederholtes Training an unterschiedlichen Übungsplätzen, ‚spots’, auf unterschiedlichen Belägen wie Teer, Gras, Sand oder Pflaster und zu unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten entwickeln die Traceure neben ihrem kinästhetischen Sinn ebenso ein leibliches Gespür für die Materialität des Urbanen.“

Bewegungskompetenz als Markenzeichen

Der Frankfurter Sportsoziologe hat sich die „Le Parkour“-Szene in Frankfurt und München angeschaut und dabei unter anderem festgestellt, dass Traceure ihr Bewegungsrepertoire enorm erweitern und eine ganz besondere Bewegungskompetenz entwickeln: „Die Akteure haben gelernt, ihr Bewegungskönnen genauer einzuschätzen, und sie entwickeln ein implizites Bewegungswissen, eine Art ‚leibliche Intelligenz’, die es ihnen erlaubt, spontan, intuitiv und situationsangemessen auf Hindernisse zu reagieren.“

Urbane Bewegungskunst schafft Lebens-Fitness

Darüber hinaus fördert „LeParkour“ die Kompetenz, Probleme zu lösen, die weit über die sportliche Praxis in das alltägliche Leben der Traceure reichen. So äußerten sich auch die Traceure, mit denen sich Gugutzer in seiner Untersuchung beschäftigte; der Sportwissenschaftler fasst ihre Statements zusammen:
„Für die Lösung von Problemen im Alltag ist jeder selbst verantwortlich; Lösungswege muss man suchen, statt sie von anderen zu übernehmen; und um Hindernisse zu bewältigen, ist es wichtig, auch mal neue Wege zu gehen.
‚Le Parkour’ ist in diesem Sinne eine urbane Bewegungskunst, die jenseits traditioneller Bildungsinstitutionen den städtischen Raum als körperlich-sinnlichen Bildungsraum nutzt.“
Eindrücke und Beobachtungen dazu lassen sich in Marburg im Georg-Gassmann-Stadion sammeln. Skater, Inliner und Fahrradakrobatern nutzen dortige Möglichkeiten mit Rampe und anderen Einbauten.