Einsamkeit im Alter: Eine Bratwurst beim Stadtfest mitzuessen, wäre schon schön gewesen

Marburg 15.07.2019 (pm/red) „Wir haben Dich nicht gefragt, ob Du zum Stadtfest mitkommen willst, es ist doch zu beschwerlich für Dich“. Es stimmt, denkt die angesprochene, ältere und behinderte Person. Es wäre zu beschwerlich, aber …

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Don Juan – ein großer Wurf des Marburger Sommertheaters

Marburg 28.6.2011 Theaterrezension von Jürgen Neitzel. Text und Fotografien. Ist das Hessische Landestheater Marburg auf dem besten Weg, ein eigenes Traditions-Theaterfest in der Art des Salzburger Jedermann zu erschaffen? Die Opulenz und die Verankerung des Opus Magnum des diesjährigen Theatersommers könnten vielleicht dazu führen.
Don Juan oder Der steinerne Gast von Molière gewann in der kraftvollen Regie von Intendant Matthias Faltz Strahlkraft aus vielen Komponenten. Artistik, aufregende Kostüme, tolle Musik, ein grandioses Lichtdesign und hohe schauspielerische Leistung wirken wie aus einem Guss. Entstanden ist ein Musiktheater-Freiluftspektakel auf dem Marburger Marktplatz, das die Zuschauer mitreißt und nachhaltig im Gedächtnis bleibt.
Bereits vor Beginn der Aufführung am Mittwoch (22. Juni) verbreiteten die zahlreichen, in lockeren Gruppierungen über den Platz verteilten Nebendarsteller in sinnenfreudigen Kostümen Vorfreude und atmosphärische Spannung. Nahezu alle 400 Plätze sind ausverkauft.

In der zweiten Hauptrolle als Don Juans Diener Sganarelle zieht der Schauspieler Ogün Derendeli gekonnt die Aufmerksamkeit auf das Bühnenzentrum. Von ihm stammt auch die Degenkampf-Choreografie. Als hochkomischer  Moralist und bekennender Feigling bietet er einen probaten Kontrast zur Hauptfigur.
Martin Maecker als langhaariger Don Juan in legerem Italowestern-Langmantel überzeugt mit lässigem Charme und durchtrainierten Bewegungen. Dem einfallsreichen Mundwerk dieses Wüstlings vom Dienst im Ensemble sind weder die Gläubiger noch die Damenwelt gewachsen.
Die Geschichte zeigt Don Juan auf der Flucht vor seinen Verfolgern. Er hat Elvira geheiratet, aber dann rasch bemerkt, dass ihm die Sesshaftigkeit des Ehelebens nicht gefiel und sich davongemacht. Geprellte Geldgeber, sein eigener Vater, seine verlassene Gattin sowie der Vater Elviras mit einer Schar Schergen holen ihn ein und stellen ihn zur Rede.
Er windet sich aus allen Moralappellen heraus – und verliebt sich auf Schritt und Tritt in weitere Frauen. Die Dorfschönen machen es seinen Avancen leicht. Sein Diener sieht es mit Bangen und appelliert – auch er – vergeblich.
In seinem Übermut lässt sich Juan auf einen Teufelspakt mit dem Gespenst eines von ihm Getöteten ein. Dieser würdevolle Gevatter Tod – großartig gespielt von niemand geringerem als dem Marburger Oberbürgermeister Egon Vaupel – holt in ihn schließlich in einem dramatischen Finale zu sich ins Jenseits.
Ohne diese metaphysischen Anklänge humorlos ernst zu nehmen, ergibt das sinnenfreudige Theater Sinn in sich selbst. Die Geschichte ist turbulent und trägt mit Bravour 90 Minuten. Die Dialoge sitzen, Handgemenge sind geschickt choreographiert.
Die fünf tragenden Nebenrollen-Darsteller übertrafen die Erwartungen. Ihre Auftritte sind von der Regie bemerkenswert ausgearbeitet. Besonders die schauspielerischen Leistungen von Walter Schmuck als Pierrot, Stallmeister und Bettler, sowie Victoria Schmidt als Charlotte nahmen ein.
Die ausgesprochen passende Musik wird von der vierköpfigen Band Hurensöhne – live auf der Bühne – beigesteuert. In klassischer Rockband-Besetzung plus Jazz-Posaune sind sie ebenso in der Poptradition wie im Hardrock zuhause.
Die sparsam aber wirkungsvoll eingestreuten Songs – darunter eine kongenial von Faltz und Barbara Kuch eingedeutschte Fassung von Let it be der Beatles – sind nie musicalmäßig überzuckert. Wenn da ein Gianna Nannini-Titel interpretiert wurde, klingt das – statt nach Operette – zum Glück ganz wie im 21. Jahrhundert angekommen.
Der sehr beweglich agierende Chor aus knapp dreißig Bürgerinnen aller Altersgruppen, die sich freiwillig meldeten und nun herrlich verkleidet Abend für Abend im Stück brillieren, verdiente besonderes Lob.
Die ganz unkonventionell individuell in lange oder kurze weiße Gewänder – Reifröcke wie Minirock – gekleideten Damen trugen durch ihre unaufdringliche Präsenz auf und vor der Bühne enorm viel zur Ästhetik und Wirkung des Stücks bei.
Ihre weiß geschminkten Gesichter und gepuderten Haarteile zeigten in den Fenstern angrenzender Gebäude durch besondere Scheinwerfer unheimlich eingefärbt ständige Präsenz. Ihr junger Dirigent wirkte ein wenig wie der zauberstabschwingende Harry Potter-Darsteller.
Als wenn es gar nicht genug Bildmächtigkeit geben kann, waren zusätzlich noch die sehenswerte Vertikaltuch-Artistin Antje Mertens sowie die beiden Kletterer Tom Eckert und Jörn Eigmüller als zusätzliche Blickfänge ins Geschehen integriert. In weiße Chorfrauen-Kluft verkleidet ließen sich die beiden aus dem Obergeschoss des Rathauses – senkrecht die Wand herunter laufend – auf die Bühne hinab.
Gespielt wurde übrigens nicht nur auf der eigens errichteten Bühne vor dem Rathaus sondern weit in den Marktplatz-Raum hinein. Die Licht und Tontechnik machten es möglich. Eine Art Konfetti-Kanone sorgte je nach Anlass für rote Liebes- oder schwarze Todes-Papierregen. Der Himmel aber blieb ansonsten nachtblau.
Das überwältigend gut ausgearbeitete Lichtdesign von René Liebert, Andreas Mihan und Anne Kuhn verdient besonders hervorgehoben zu werden. Mit aus bald hundert Metern Entfernung aus einem Obergeschoss im oberen Marktplatz projezierten teils bunten Mustern verwandelte sich das Rathaus in einen mythischen Theaterort. Die überaus gelungene Einbeziehung der Örtlichkeit, des Oberbürgermeisters und der Bürger-Statisten machte den Don Juan des Hessischen Landestheaters zu einem unnachahmlichen großen Wurf! Es wird schwer werden, solche bildmächtige, theatralische Wucht in folgenden Jahren zu übertreffen.

Weitere Aufführungen am Dienstag 28. Juni, Mittwoch 29. Juni, Freitag 1. Juli und Samstag 2. Juli – jeweils 21.00 Uhr auf dem Marktplatz.  Zur fotografischen Revue der Aufführung in das Marburger.