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Malerei und Fotografie im Dialog – Großartige Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt

Marburg 25.10.2012 (red) Leserinnen und Leser von das Marburger. sind es gewohnt, bei der Lektüre in vielen Beiträgen über den Tellerrand des Lahntales blicken zu können. So veröffentlicht die Redaktion mit Freude den bereits zweiten Gastbeitrag von Ursula Wöll aus Wetzlar. Dieses Mal berichtet die Kollegin von dem Besuch einer besonderen Austellung in der Frankfurter Schirn und ihren Eindrücken – das Ganze zugleich in kunstgeschichtliche Kontexte anschaulich eingeordnet.

Gustave Caillebotte Les raboteurs de parquet, 1875. —>für Großdarstellung anklicken

Gustave Caillebotte malte 1875 drei Arbeiter, die über den glänzenden Boden robben und mit dem Hobel das Parkett abschleifen. Das durch die Fenstertür einfallende Licht lässt auch die nackten Rücken hell glänzen, weil sie in Schweiß gebadet sind. Die drei werden ihren Arbeitsrhythmus wohl bald unterbrechen und das gefüllte Glas neben der Rotweinflasche leeren. Solche Mühsal der körperlichen Arbeit darzustellen, das war neu. So neu, dass das Bild von der Jury des Pariser Salons abgewiesen wurde. Die Tänzerinnen auf den Bildern des Malerfreundes Edgar Degas leisten zwar ebenfalls Schwerarbeit, aber dies bemerkt man nicht, denn sie wirken leicht und schwerelos. Caillebotte dagegen zeigt nicht nur den Schweiß, sondern auch die Muskeln der Arbeiter. Er gibt ihren Armen eine leichte Überlänge, kein Irrtum sondern Absicht, denn er hatte sich mit Körperstudien sorgfältig vorbereitet.

Gustave Caillebotte: Rue de Paris, temps de pluie (übersetzt: Straße in Paris an einem regnerischen Tag) 1877 ->für Großdarstellung anklicken

„Die Parkettschleifer“ (Orignaltitel Les raboteurs de parquet)  sind mein Lieblingsbild unter den 50 Gemälden der Caillebotte-Ausstellung in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle. Der Maler bevorzugt hier klare Konturen, so dass die Komposition fast fotografisch wirkt. Doch Gustave Caillebotte zählt zu den Impressionisten, weil das Licht auch bei ihm eine Hauptrolle spielt. Vor dem faszinierenden Gemälde, das dem Musée d’Orsay gehört, wurde mir erneut klar, dass alle Abbildungen nicht an das Original heranreichen. Es lohnt sich, ins Museum zu gehen. Zumal in der Schirn die Ölbilder und Pastelle mit über 100 frühen Fotografien in einen Dialog treten. Gemälde und Fotos hängen gemischt, um zu unterstreichen, dass das damals noch junge Medium eine ebenbürtige Kunstgattung ist. Wie viele andere Maler soll auch Caillebotte eine fotografische Sammlung besessen haben. Bei seinen Werken fällt es besonders auf, dass sich der Blick auf die Dinge veränderte und schärfte. Das neue Medium bewirkte ein neues Sehen. Häufig wählte Caillebotte die Draufsicht oder andere ungewöhnliche Perspektiven und Ausschnitte, wie sie auch auf den Fotos auftauchen. Der begüterte Künstler konnte sich leisten, als erster neue Wege zu proben. Er war nicht auf Verkäufe angewiesen, ja er unterstützte noch seine armen Kollegen.

Gustave Caillebotte – Le Pont de l´Europe 1876 —Großdarstellung per anklicken

Sein Atelier, das er als Ambiente für die Parkettschleifer wählte, befand sich in einem der prächtigen großbürgerlichen Häuser entlang der neuen Pariser Boulevards. Baron Haussmann hatte sie wie Schneisen durch das alte verwinkelte Paris schlagen lassen. Die Alleen wurden zu Flaniermeilen und ein beliebtes Sujet der Impressionisten. Auch Caillebotte malte sie, mal aus der Vogelperspektive seines Ateliers, mal auf dem Pont de l’Europe stehend.

Für die Fotografen war das neue Paris ebenfalls eine Fundgrube. Ist der Schuhputzer auf der Daguerreotype anno 1838 aufgrund seiner Bewegungen noch verwischt, so ermöglichten die verbesserten Kameras bald kurze Belichtungszeiten. Fast nebenher vermittelt die Schirn auch eine Geschichte der Fotografie in ihrer Rotunde. Man kann sogar durch ein Stereoskop blicken, damals le dernier cri, weil es die Aufnahmen dreidimensional sichtbar macht.

Neben die „Parkettschleifer“ sind die „Asphaltierer“ gehängt, auch sie auf den Knien rutschend. Der berühmte Fotograf Eugène Atget hat sie um 1900 aufgenommen. Viele weitere Straßenszenen sind zu bewundern, auf denen vor allem die ärmeren Schichten abgelichtet sind, weil sie das Straßenbild dominierten. Caillebotte war ein zögerlicher Neuerer, er malte zwar einen Anstreicher auf der Stehleiter, doch meist Flaneure seiner eigenen Klasse mit Zylinder, mal mit, mal ohne Dame im langen Kleid. Der Blick der Kamera bricht radikaler mit Tabus.

Atget etwa nimmt 1912 ein Schaufenster voller Korsetts auf, Alfred Stieglitz nennt seine Pariser Straßenszene mit Dienstmädchen von 1911 ‚Ein Schnappschuss‘ und Louis Vert fotografiert um 1900 Obdachlose und Clochards. Ab 1888 wohnte Gustave Caillebotte mit seiner Freundin Charlotte Berthier überwiegend auf dem Land, in seinem Haus in Petit Gennevilliers an der Seine, gegenüber von Argenteuil und neben dem Gelände des Pariser Segelclubs. Der Maler war begeisterter Wassersportler und sogar Konstrukteur von Segelschiffen. Er entwarf das Boot für Claude Monet, das dieser zum Malen nutzte.

Schon 1877 hatte er selbst die Kanus auf der Yerre gemalt, ein atmosphärisch dichtes, lichtüberflutetes Bild, das den Bewegungsablauf der Paddel exakt fixiert. Daneben hängen Fotos von seinem Bootssteg in Gennevilliers. Häufig besuchte Renoir den Maler hier draußen, bis dieser 1894 mit 46 Jahren an einem Gehirnschlag starb. Er ruht auf dem Friedhof Père-Lachaise. Die Ausstellung ‚Gustave Caillebotte – Ein Impressionist und die Fotografie‘ in der Schirn auf dem Frankfurter Römerberg läuft bis 20. Januar 2013. Ursula Wöll

Caillebottes radikale, präzise konzipierte Kompositionen und sehr modernen und fotografisch anmutenden Darstellungen eröffnen höchst eigenständige Perspektiven innerhalb der Kunst des Impressionismus. Nicht unerheblich für seine Bildfindungen ist dabei das neue Medium der Fotografie. Auf überzeugende Weise erschließen Caillebottes Bildwelten den Zusammenhang von Fotografie und Malerei in der Herausbildung eines neuen Sehens. Viele seiner Gemälde und Zeichnungen folgen gestalterisch ähnlichen Darstellungen des Mediums Fotografie, dessen Ästhetik in Caillebottes Kompositionen seinen spürbaren Widerhall findet. Der Katalog ‚Gustave Caillebotte. Ein Impressionist und die Fotografie‘ wird herausgegeben von Karin Sagner und Max Hollein in Zusammenarbeit mit Ulrich Pohlmann.
Vorwort von Max Hollein, Essays von Claude Ghez, Ulrich Pohlmann und Karin Sagner, 20 Kurztexte von Milan Chlumsky, Karin Sagner und Kristin Schrader sowie eine Biografie von Gilles Chardeau.

Englische Sprachausgabe, 24 x 27 cm, 248 Seiten, circa 260 farbige Abbildungen, Hardcover, Gestaltung Stephan Fiedler,
Hirmer Verlag, München 2012, ISBN 978-3-7774-5921-9
Ladenpreis 39,80 Euro.