Online-Atlas INKAR wurde aktualisiert und erweitert – bessere Abbildung der Lebensverhältnisse in Deutschland

Marburg 2808.2019 (pm/red) Wo verdienen die Menschen am meisten? Wie unterscheidet sich regional die Lebenserwartung von Neugeborenen? Wo ist der Weg zum Arbeitsplatz für Beschäftigte besonders weit? Und wie gut sind kleine und mittelgroße Zentren …

Lesen Sie den gesamten Beitrag »
Philipps-Universität

Stadt Marburg

Verkehr

Kultur

Wohnen

Home » Gastbeitrag, Kultur

Das Hambacher Schloss verbindet Geschichte und Gegenwart

Hambacher-Schloss-©-Foto-Stefan MuellerLogo GastbeitragMarburg 17.3.2013 (red) Dieser Gastbeitrag von Ursula Wöll über das berühmte Hambacher Schloss und ebenso berühmte Hambacher Fest ist sehr spannend. Es geht darin nicht alleine um den Umgang mit Demokratiegeschichte und gebauter Kulturgeschichte in Gestalt dicker Mauern. UNESCO-Kulturerbe ist dabei ein Stichwort hin zu Fragen heutigen Bauens im Umgang mit Kulturdenkmälern. Nicht irgendwie, sondern ganz bestimmt ist das für Marburg / er ein hochinteressantes und topaktuelles Leseangebot, bis hin zur Debatte um einen Schlossaufzug in Marburg.

Erweiterung-Hambacher-Schloss-Foto-S.MuellerDie Wände des Festsaals im umgebauten Hambacher Schloss bei Neustadt an der Weinstraße sind aus Sandsteinquadern. Die dunkle Decke ist übersäht mit unregelmäßig gesetzten Leuchten, als säßen die tafelnden Gäste unter dem Sternenhimmel. Auf so schlichte Weise erinnert das Architekturbüro Dudler daran, dass das Hambacher Schloss eine Ruine war, als es 1832 durch das Hambacher Fest berühmt wurde.

Der Aus- und Weiterbau des historischen Gemäuers im Pfälzer Wald ist abgeschlossen, und das neben der Paulskirche wichtigste Denkmal unserer Demokratiegeschichte kann auch für Veranstaltungen genutzt werden.

Erweiterung-Hambacher-Schloss_Foto-S.MuellerFür die Planung erhielt Max Dudler nun den 1. Preis vom Deutschen Architekturmuseum Frankfurt. Die Jury lobte das Projekt als den 2012 am besten gelungenen Bau, und zwar wegen seiner „von den Moden des Tages unabhängigen Form“ und dem gelungenen Umgang mit der alten Bausubstanz. Es sei etwas Neues entstanden, das „weder Rekonstruktion noch Reparatur ist und den geschichtlichen Ort würdigt“.
Wie sensibel der preisgekrönte Architekt vorging, kann man im Frankfurter Architekturmuseum am Schaumainkai bewundern. Es zeigt bis zum 21. April großformatige Fotos, Modelle und Zeichnungen der Pfälzer Gedenkstätte in einer Sonderausstellung.
Außerdem präsentiert es 19 weitere Bauten von 2012, die der Jury positiv auffielen. Darunter das Mehrgenerationenhaus in Böblingen, auch es mit klaren zeitlosen Formen.

„Die Zeit der Effekthascherei ist vorbei“, kommentiert das begleitende Architektur-Jahrbuch den Trend. Die neuen Tendenzen setzen auf natürliche Materialien. „Eine dicke Mauer ist für mich das ökologischste und vermutlich auch das ökonomischste, was es gibt. Die Substanz bleibt über hunderte von Jahren erhalten“, so Preisträger Max Dudler.

An dicken Mauern hat er jedenfalls nicht gespart. Er ergänzte die Ruine Hambacher Schloss mit heimischem Sandstein, der nur wenig heller in der Farbe als der historische ist. Das geschichtliche Denkmal beherbergt nun Säle für Veranstaltungen neben der neu und spannend gestalteten Dauerausstellung zur deutschen Demokratiegeschichte im oberen Stock.
Die Sandsteintreppe wurde durch einen gläsernen Fahrstuhl ergänzt, ein Restaurant neu erbaut. Es nimmt die Form der alten Ringmauer auf und umschließt einen Innenhof sowie einen Vorplatz, von dem man weit über die mit Wein bewachsene Ebene blickt. Wie alles, besteht auch es innen und außen aus unverputztem Sandstein, mit Böden und Möbeln aus edlem Kirschholz.

Die vielen Besucher und Schulklassen gelangen mit dem Bus ab Bahnhof Neustadt oder mit dem Auto durch die Kastanienwälder bergauf bis zum Eingang. So bequem hatten es die 30.000 Demonstranten nicht, die am 27. Mai 1832 vom Neustädter Marktplatz kilometerweit bis zur Ruine zogen. Die einen wollten eine konstitutionelle Monarchie, die anderen gleich eine Republik. Einig waren sich die Männer und Frauen in der Forderung nach nationaler Einheit, einer demokratischen Verfassung und vor allem nach Presse- und Meinungsfreiheit.

Die Glocken läuteten, und 300 Handwerksgesellen sangen ihr vorher geübtes Lied ‚Hinauf, hinauf zum Schloss‘. Vorangetragen wurde die schwarz-rot-goldene Fahne, die die Neustädter Frauen und ihre Töchter bestickt hatten und die heute im Original, wenn auch verschlissen, in der Dauerausstellung gezeigt wird. Viele Weinbauern liefen im Zug mit, ihnen brannten die Zölle auf den Nägeln, durch die der Export ins Ausland erschwert wurde. Ausland, das war damals schon das preußische Koblenz oder das badische Heidelberg, die Pfalz selbst gehörte zu Bayern. 34 Fürstentümer und 4 Reichsstädte waren im Deutschen Bund zusammengeschlossen. Die Untertanen wurden durch absolutistische Herrscher drangsaliert, allein in der Pfalz waren etwa 100.000 Verfahren wegen Holzfrevel anhängig. Die Menschen hatten das satt, sie wollten auch keinen Maulkorb mehr tragen.

So forderte der Hauptredner Dr. Johann Georg August Wirth immer wieder Meinungsfreiheit, als Journalist sprach er aus eigener leidvoller Erfahrung mit der strengen Zensur. Einen Monat lang war er sogar in Haft gewesen und nur freigesprochen worden, weil der Proteststurm wuchs. Selbst das anfängliche Verbot des Hambacher Festes musste zurückgenommen werden. Doch die auf Leiterwagen aus Butzbach, Heidelberg oder anderswo anreisenden Besucher schikanierte man an den Grenzen, und viele Festredner mussten später nach Frankreich oder die Schweiz fliehen, um der Haft zu entgehen.

Hambacher_Fest-teilkolor.FederzeichnungTrotz alledem: Das Hambacher Fest hatte die Menschen weit über die Pfalz hinaus ermutigt. Es wurden Vereine für Pressefreiheit gegründet und Nachfolgefeste in anderen Kleinstaaten veranstaltet. Bis 1848 wurde die Bewegung für ein einiges demokratisches Deutschland so stark, dass im Mai die verfassungsgebende Versammlung in die Paulskirche einziehen konnte.

Viele der mutigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Festes von 1832 hatten noch weitergehende Träume, sie dachten bereits europäisch. Neben der deutschen wurde die polnische Fahne mitgetragen, um an den Freiheitskampf in Polen zu erinnern. Und Dr. Wirth beendete seine Rede vor der Hambacher Ruine mit einem Hoch auf „das conföderierte republikanische Europa“.

->Ausstellung im Architekturmuseum Frankfurt – bis 21. April: Telefon 069 212-388 44
->Besuch Schloss Hambach, täglich ab 11 Uhr geöffnet: Telefon 06321-926 290

Ursula Wöll