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Marburg 2808.2019 (pm/red) Wo verdienen die Menschen am meisten? Wie unterscheidet sich regional die Lebenserwartung von Neugeborenen? Wo ist der Weg zum Arbeitsplatz für Beschäftigte besonders weit? Und wie gut sind kleine und mittelgroße Zentren …

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Autorin fordert Auseinandersetzung weißer Menschen mit dem eigenen Rassismus

Marburg 10.05.2019 (pm/red)  Mehr als 100 Zuhörer*innen sind zu einer  Lesung der Autorin Tupoka Ogette ins Rathaus gekommen. Sie las im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus aus ihrem Buch „Exit RACISM. Rassismuskritisch denken lernen“ und forderte dazu auf, sich mit dem eigenen Rassismus auseinanderzusetzen.
In Marburg stellen sich überdurchschnittlich viele Menschen gegen Rassismus und Diskriminierung, hob Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies in seiner Begrüßung zur multimedialen Lesung der Autorin Tupoka Ogette hervor. Das habe sich unter anderem nach den Ereignissen von Chemnitz gezeigt, als 7500 MarburgerInnen unter dem Motto „Wir sind mehr“ auf die Straße gingen. Auch habe die Stadtverordnetenversammlung ein umfassendes Handlungskonzept gegen Rassismus und Diskriminierung in Auftrag gegeben.

Doch das Stadtoberhaupt gab auch zu bedenken, dass alle Menschen „von den Bildern der Kindheit geprägt“ seien. Für sich selbst stehe da etwa Karl May, „bei dem Menschen aus dem arabischen Raum Schurken oder auch geschickte Puppenspieler sind, aber irgendwie nie die Helden der Geschichte“. Als weiteres Beispiel nannte Spies die Darstellung von Sinti und Roma in älteren Heimatfilmen als „Zigeuner“. „Und es besteht immer die Gefahr, diese Stereotypen weiterzugeben“, so Spies. Deshalb seien Überlegungen zu rassismuskritischen Denken wichtig, und dabei helfe Tupoka Ogette den Menschen.

Zu ihrer Lesung hatten die Koordinierungsstelle Bürger*innenbeteiligung der Universitätsstadt Marburg und das Interkulturelle Begegnungszentrum „Kerner“ eingeladen. Mitveranstalter war der Ausländerbeirat der Stadt. Das Interesse war groß und der Historische Saal im Rathaus bis auf den letzten Platz gefüllt. Es war keine gewöhnliche Lesung, denn die studierte Afrikanistin und Wirtschaftswissenschaftlerin, die in Leipzig geboren wurde und in Berlin lebt, ergänzte die Texte durch Anekdoten. Zudem wurden Audioaufnahmen mit Erfahrungsberichten von Seminarteilnehmer*innen eingespielt und auch die Gäste konnten sich zu Wort melden.

Seit 2012 leitet Ogette Workshops zum Thema, zunächst für weiße Menschen mit dunkelhäutigen Kindern, heute vorwiegend für Weiße, die sich mit ihrem eigenen Rassismus auseinandersetzen. Ihre Lesung begann die Autorin mit dem einzigen autobiografischen Teil ihres Buches. Als kleines Kind auf dem Spielplatz habe sie gehört, wie ein Mann sagte: „Hier stinkt es nach ‚N‘“. „Ich wusste, dass ich gemeint war“, so Ogette – und es habe sie getroffen.

Ihrer Ansicht nach brauchen Menschen Wissen ebenso wie Begleitung und den Wunsch „weiter auf rassismuskritische Reise zu gehen“. Daher habe sie das Buch geschrieben. Auf dem Weg, den eigenen Rassismus zu hinterfragen, gebe es fünf Phasen, so die Autorin. Am Anfang stehe die Abwehr. „Weiße leben in einer Welt, in der Rassismus das Problem der anderen ist.“ Denn Rassismus bedinge für sie Vorsatz, den nur schlechte Menschen haben könnten. Dann folge die Abwehr. „Es besteht mehr Sorge, rassistisch genannt zu werden, als der Wunsch, sich kritisch damit auseinanderzusetzen“. Damit einher gehe meist die Scham für die Geschichte und auch dafür, weiß zu sein.

Setze das Gefühl der Schuld ein, sei es wichtig, in der Folge anzuerkennen, dass Rassismus real da ist. „Es ist ein System, nicht eine einzelne schlechte Tat“, betonte die Autorin und ergänzte: „Du begreifst, dass Rassismus die Norm und nicht die Abweichung ist“. Weiße müssten sich klarwerden, dass ihre Hautfarbe ein Privileg sei, denn sie sei nie der Grund für Benachteiligung – etwa bei der Suche nach einer Wohnung oder Arbeit. Andersfarbige Menschen müssten sich aber durchaus damit auseinandersetzen. „Woher kommst du?“ oder „Sie sprechen aber gut Deutsch“ müssten sie sich oft anhören. Daher hätten nicht-weiße Menschen oft das Gefühl, nicht zur Gesellschaft zu gehören, weil sie anders als Weiße durch ihre Hautfarbe, nicht aber in ihrer Persönlichkeit wahrgenommen würden.

Im Sinne eines rassismuskritischen Alltags sollten sich Weiße klar, laut und deutlich gegen Rassismus positionieren und immer dazulernen. Komme es zu rassistischen Äußerungen, so Ogette, sollten sie nicht wegsehen und schweigen, sondern sie benennen und ansprechen, schloss die Autorin ihre Lesung.