Die Brüder Klibansky und Marburg

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Woyzeck als Graphic Novel – Georg Büchners Drama visualisiert

Szene aus „Woyzeck“ von Andreas Eikenroth © Andreas Eikenroth

Marburg 05.07.2019 | Gastbeitrag von Ursula Wöll „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht“, so Franz Woyzeck angesichts der Untreue seiner Freundin Marie, die er, der Zartbesaitete, umbringen wird. Georg Büchners berühmtes Dramenfragment „Woyzeck“ ist jetzt als Graphic Novel erschienen, das Zitat ziert den rückseitigen Hardcover-Einband. Andreas Eikenroth hat dem Personal des Büchner-Textes ein Gesicht gegeben. Er wohnt und arbeitet in Giessen, wo Büchner einst studierte.
Auf der Deckseite des Buches prangt der Giessener Stadtkirchenturm. Daneben der Hochzeitsturm in Darmstadt, Büchners Heimatstadt. Durch die Comic-Tableaus in ansprechenden, schönen Farben wurde mir erst klar, wie spannend die erzählte Geschichte ist. Als Urlaubslektüre unbedingt geeignet! Auch wenn die Mordgeschichte eigentlich die Rätsel unseres Lebens und Verhaltens thematisiert und die Welt eher düster malt.

Menschliche Dramen in einer Klassengesellschaft

Georg Büchner starb 1837 einen frühen Tod. Das Drama blieb daher unvollendet, denn es bleibt offen, wie der Dichter die einzelnen Szenen schließlich aneinandergereiht hätte. Andreas Eikenroth arbeitet beim Giessener Stadttheater. So nennt er sein Werk „eine grafische Inszenierung nach den Fragmenten von Georg Büchner“ und verzichtet auf die comic-üblichen Panele. Er hat die eingebürgerte Szenenfolge leicht verändert, um einen größeren Spannungsbogen zu erzielen. Auch verlegt er alles in die Weimarer Republik, in der Nazismus und ein zweiter Weltkrieg geboren wurden.

Die historische Schiebung erkennt man an der saufenden Burschenschaftsrunde und auch an Anleihen am Zeichenstil von George Grosz. Den Text Büchners hat Eikenroth gottlob so gut wie unverändert übernommen. So sprechen der Soldat Woyzeck, sein Kollege Andres und seine Freundin Marie auch in der Graphic Novel hessisch gefärbt, denn sie sind allesamt arme Schlucker auf der unteren sozialen Leiter, gehetzt von inneren Zuständen und äußeren Umständen. „Ich glaub‘, wenn wir in den Himmel kämen, so müssten wir donnern helfen“, überlegt Woyzeck, den der fette Hauptmann auf Trab hält.

Szene aus „Woyzeck“ von Andreas Eikenroth © Andreas Eikenroth

Auch der Doktor verfügt über den armen Soldaten, er hat ihm eine dreimonatige Erbsendiät verordnet. Das dadurch gesparte Geld liefert Woyzeck bei Marie ab, um zum Unterhalt des kleinen Sohnes beizutragen.Doch Woyzeck bekommt  von der Mangelernährung Wahnvorstellungen. Sie lassen ihn wohl überreagieren, als Marie mit dem Tambourmajor in seiner prächtigen Uniform anbändelt. Eikenroth zeichnet den Woyzeck schmächtig und dünn, mit großen Augen, aus denen die Angst vor dem Verlust des einzig Schönen in seinem Leben spricht.

Ein gehetzter Mensch also, dessen seelischen Verletzungen die vielen bettelnden Krüppel entsprechen, die auf den Tableaus zu sehen sind. Die zahlreichen giftigen Fliegenpilze weisen wohl ebenfalls auf die kranke Gesellschaft hin, in der die Armen missachtet und ausgenutzt werden. Eikenroth hat zeichnerisch viele solcher Hinweise gesetzt. Dem Tambourmajor verpasst er eine hohe Haartolle, dass man an den Spruch denkt: ‚Dem schwillt aber der Kamm!‘ So aufgeblasen verfällt ihm Marie, in deren Augen der Gockel  klein eingezeichnet ist.

Ich entdecke immer neue Feinheiten, weil ich immer wieder ins Buch schaue. Da ich noch keine Bühnenaufführung sah, auch nicht den Film ‚Woyzeck‘ von Werner Herzog mit Klaus Kinski, fand ich durch Eikenroths Bilder erst einen Zugang zu dem berühmten Drama. Vielen mit dem Text gequälten SchülerInnen wird es ähnlich ergehen.

Büchner greift real existierende Verrücktheiten auf

Der berühmte Justus von Liebig machte 1833 Menschenversuche mit einer Erbsendiät, also just als Büchner in Giessen studierte. Er wollte herausfinden, ob sich die Soldaten und die Armen billiger verköstigen lassen, wenn sie nur noch Erbsen essen. Dieses fehlgeschlagene Experiment wird in die Dramenhandlung eingearbeitet. Der Doktor schimpft mit Woyzeck, weil dieser seinen Harn nicht mehr halten kann und an die Wand anstatt in ein Reagenzglas pisste.

Sogar die Titelfigur selbst hat eine reale Entsprechung. In Leipzig wurde 1824 ein Mann namens Woyzeck öffentlich auf dem Marktplatz hingerichtet. Er hatte seine Geliebte aus Eifersucht erstochen. Auch ein armer Kerl. Wie Woyzeck, den Büchner und Eikenroth sagen lassen: „Aber wenn ich ein Herr wär‘ und hätt‘ ein‘ Hut und eine Uhr und einen Frack und könnt‘ vornehm reden, ich wollt schon tugendhaft sein. Es muss was schönes sein um die Tugend. Aber ich bin ein armer Kerl.“

Andreas Eikenroth, Woyzeck, Verlag edition52, Juni 2019, 60 Seiten, Hardcover, Großformat, 15 Euro.