„Kassel als junge Großstadt“  – Ein Bildband zeigt die verschwundene Pracht der Nordhessenmetropole

Kassel 01.12.2019 (yb) Von Kassel ist allgemeinhin bekannt, dass die Stadt zum größten Teil in Zweiten Weltkrieg zerstört worden ist. Im Oktober 1943 wurden die umfangreich vorhandenen Anlagen der Rüstungs- und Kriegsindustrie in Kassel Ziel …

Lesen Sie den gesamten Beitrag »
Philipps-Universität

Stadt Marburg

Verkehr

Kultur

Wohnen

Home » Denkmäler Marburg, Gastbeitrag, Hessen, Hessische Geschichten

Die Brüder Klibansky und Marburg

Portraitfoto Dr. Erich Klibansky

04.11.2019 | Gastbeitrag von Klaus-Peter Friedrich Im Vergleich mit anderen Universitätsstädten (wie etwa Göttingen) wird im Marburger Stadtbild wenig an allgemein durchaus bekannte Personen erinnert, die hier studierten. Ein Beispiel dafür ist der Historiker Erich Klibansky (1900–1942), der zu Beginn der 1920er-Jahre prägende Jahre seines beruflichen Werdegangs in Marburg verbrachte. In Frankfurt am Main geboren, wo er das Goethe-Gymnasium besuchte, hatte der Lehrersohn sein Studium dort begonnen, ehe er sich im Mai 1920 in Marburg für die Fächer Deutsch und Geschichte einschrieb. Er wechselte dann für ein Semester nach München, kehrte aber 1921 an die Philipps-Universität zurück. Hier bildete sich sein besonderes Interesse für die Regionalgeschichte des Marburger Landes am Übergang vom Mittelalter zur Frühneuzeit heraus, und bald darauf zählte er zu den begabtesten Studenten des Mittelalter-Historikers Prof. Edmund Ernst Stengel (1879–1968), der Klibansky als Doktorand annahm.

Die schon Ende 1922 abgeschlossene Dissertation mit dem Thema „Die topographische Entwicklung der kurmainzischen Ämter in Hessen“ benotete Stengel mit einem „sehr gut“, und er lobte in seinem Gutachten, es sei Klibansky „vortrefflich gelungen, seinen Stoff zu gestalten“. Die Dissertation erschien im Jahr 1925 – mit einem „Geleitwort“ des Doktorvaters (der 1942 in die NSDAP eintreten sollte) – bei Elwert in Marburg. Bis heute ist diese Arbeit grundlegend auch für die Geschichte eines Teils des derzeitigen Marburger Stadtgebiets – die traditionell katholischen Dörfer Bauerbach, Ginseldorf und Schröck; sie wurde vor einigen Jahren mit Unterstützung der Deutschen Forschungsgemeinschaft sogar digitalisiert und ins Netz gestellt: http://archiv.ub.uni-marburg.de/eb/2011/0441. Die Ausfertigung der Promotionsurkunde erfolgte am 9. März 1925.

Dr. phil. Erich Klibansky war unterdessen für das Schuljahr 1924/25 als Studienreferendar an die Helmholtz-Oberrealschule in seiner Heimatstadt gegangen. 1925 wechselte er als Studienassessor an das Jüdische Realgymnasium in Breslau. Der Familienlegende zufolge entstammten die Klibanskys einem ursprünglich im litauischen Kaunas ansässigen Rabbinergeschlecht. Erichs Großeltern Bertha und Elias Meyer Klibansky hatten sich zwischen 1860 und 1870 aus Russland kommend in Frankfurt niedergelassen. Dort gründete einer der fünf Söhne, Erichs Vater Pinkus Klibansky, im Jahr 1895 ein Israelitisches Knabenpensionat.

Erich Klibansky heiratete die Hamburgerin Meta David, sie hatten drei Söhne: Hans-Raphael (*1928), Alexander (*1931) und Michael (*1935). Im Frühjahr 1929 siedelte Klibansky mit seiner Familie nach Köln über, um Direktor des zehn Jahre zuvor gegründeten privaten Realgymnasiums Jawne – des ersten jüdischen Gymnasiums im Rheinland – zu werden.

Foto Dr. Erich Klibansky

Nebenbei verfolgte Erich Klibansky im Auftrag der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck, deren Vorsitzender Stengel war, ein Editionsprojekt: Er sollte aus dem 14. Jahrhundert überlieferte Aufzeichnungen aus Amöneburg übertragen und in einem Buch herausgeben. Klibansky arbeitete mehrere Jahre daran. In Marburg wurde er in Anerkennung seiner Leistungen im Jahr 1930 in die Historische Kommission für Hessen und Waldeck aufgenommen (und er war dort eines von nur zwei jüdischen Mitgliedern). Drei Jahre später wäre dies wohl nicht mehr möglich gewesen.

Auch nach dem Machtübergang an die Nationalsozialisten blieb der Kölner Schulleiter auf seinem Posten. Die Gymnasiasten sollten nun gute englische Sprachkenntnisse erwerben, um für eine Emigration bereit zu sein. Bis zur Schließung der Grenzen bei Kriegsbeginn 1939 konnte Klibansky in Kooperation mit Partnern in Großbritannien fünf Klassen mit insgesamt 130 Schülern nach Großbritannien schaffen.

Sich selbst und seine eigene Familie vermochte der Schulleiter nicht zu retten. Die Nationalsozialisten deportierten sie im Sommer 1942. Am Ende des Transports zu einem ihnen unbekannten Ziel wurden sie am 24. Juli in einem bei Minsk gelegenen Waldstück alle erschossen, die Ermordeten in vorbereitete Gruben geworfen. Auch Erichs Mutter Jenny (Jendel) geb. Bergfeld wurde 1942 ermordet.

Erst 1990 richtete die Stadt Köln in der Altstadt den kleinen Erich-Klibansky-Platz ein. Für die Angehörigen der Familie verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig vor dem Haus in der Volksgartenstraße, in dem sie von 1929 bis 1937 gewohnt hatten, fünf Stolpersteine. Frankfurt ehrte Erich Klibansky mit einem von rund 12000 Namenssteinen an der äußeren Friedhofsmauer des Alten Jüdischen Friedhofs am Börneplatz.

In Marburg ist eine derartige öffentlichkeitswirksame Würdigung trotz wiederholter Bemühungen bislang ausgeblieben. Dabei würde sich als Erinnerungsort das Haus von Isaak Strauß in der Wettergasse 2 geradezu anbieten, wo der Student Erich Klibansky von September 1921 bis Anfang 1923 wohnte (vorher war er in der Untergasse 14 und in der Biegenstraße 43 gemeldet gewesen).

Allerdings war die Marburger Universität nicht allein der wichtigste Studienort für Erich Klibansky, sondern hier war über mehrere Jahre hinweg auch sein jüngerer, 1902 geborener Bruder Josef eingeschrieben. Blicken wir auf den Lebensweg von Josef Klibansky, so weitet sich der familiengeschichtliche Bogen über die westeuropäische antifaschistische Emigration bis in die frühen Jahre der Bonner Republik. Josef Klibansky hatte sein Jura-Studium in München begonnen und setzte es von 1921 bis 1923 in Marburg fort, wo er u.a. an Veranstaltungen der Professoren Gentzmer, Bredt, André, Leonhard, Merk und des antisemitischen Strafrechtlers Ludwig Traeger (1858-1927) teilnahm. Die längste Zeit wohnte Josef Klibansky bei der Familie Isenberg, Rotergraben 2b beziehungsweise 4.

Er kehrte dann in seine Heimatstadt zurück, wo er sein Studium abschloss und als Anwalt arbeitete. Nach 1933 musste Josef Klibansky seinen Beruf aufgeben. Er floh in die Schweiz, ging von dort nach Paris, wo er als Kaufmann tätig war. Von 1940 an wurde Josef Klibansky mehrfach verhaftet und längere Zeit in Gefängnissen festgehalten, doch gelang es ihm, die Naziherrschaft zu überstehen.

Nach Kriegsende widmete er sich in den Anfangsjahren der Bonner Republik der Vertretung jüdischer Interessen: 1948 eröffnete Klibansky eine sich rasch vergrößernde Anwaltspraxis in Frankfurt mit bald über 20 Angestellten. Er war unter anderem Rechtsvertreter der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Nach rastlosen Jahren starb „der temperamentvolle Anwalt, der manche Kritik erfuhr“, an einem Herzschlag.

Die Frankfurter Rundschau würdigte ihn am 16. Dezember 1957 in einem Nachruf: „Er setzte sich für die jüdischen Menschen ein, die nicht mehr da waren, und machte ihre Ansprüche geltend. Er unterstützte auch jene, die wieder nach Deutschland zurückkamen und die Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts erstrebten.“

Heute wäre es an der Zeit, an diesen Juristen und Bahnbrecher für die Entschädigung der Opfer des NS-Terrorregimes auch hier in Marburg zu erinnern.

Bleibt noch nachzutragen, dass Erich Klibansky den Auftrag der Historischen Kommission für Hessen und Waldeck – die sich heute Historische Kommission für Hessen nennt – vor seiner Ermordung nicht zu Ende führen konnte. Sein Manuskript überstand mit Glück die Kölner Pogromnacht im November 1938, danach wurde es bei der Kommission in Marburg verwahrt. Es dauerte dann mehrere Jahrzehnte, ehe die Kommission sich imstande sah, das von anderen Bearbeitern weitergeführte Projekt abzuschließen.

Es liegt nun als zweiter Teil von Band 28 der Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen vor: Die Rechnungen der mainzischen Kellerei Amöneburg aus dem 14. Jahrhundert, bearbeitet von Erich Klibansky und Klaus Schäfer.

Die beiden Fotos sind entnommen der Webseite ww.denktag.de