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Kinderbonus brachte deutlich mehr Konjunktur-`Wumms´ als Mehrwertsteuersenkung – und wirkte sozial ausgewogener

Kassel 04.02.2021 (pm) Der Kinderbonus hat sich als deutlich effektiveres Instrument zur staatlichen Stützung des privaten Konsums in der Corona-Krise erwiesen als die temporäre Mehrwertsteuersenkung. Der Effekt pro eingesetztem Euro aus öffentlichen Mitteln könnte rund doppelt so groß sein. Darauf deuten nach einer neuen Studie* des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung Ergebnisse einer großen Umfrage hin, die die Wissenschaftler mit Ergebnissen anderer aktueller Analysen abgeglichen haben.

Parallel dazu fallen die Verteilungseffekte des Kinderbonus nach der neuen IMK-Studie deutlich günstiger aus als die der Steuersenkung: Die Einmalzahlung erreichte zielgerichtet Haushalte mit Kindern und niedrigen bis mittleren Einkommen, die im Zuge der Pandemie besonders häufig mit zusätzlichen Ausgaben konfrontiert waren. Dagegen nutzten vor allem Haushalte mit höheren Einkommen die Gelegenheit, durch die Mehrwertsteuersenkung Anschaffungen zu niedrigeren Preisen vorzuziehen.

„Die Bundesregierung hat im Frühsommer 2020 absolut richtig entschieden, viel Geld in die Hand zu nehmen, um die Konsumnachfrage in der akuten Krise zu beleben und damit den Absturz der deutschen Wirtschaft abzufangen. Dadurch, dass sie unterschiedliche Instrumente eingesetzt hat, ist es möglich, deren Wirksamkeit wie in einem großen Realexperiment zu untersuchen“, sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor des IMK. „Unsere Analyse liefert nun starke Indizien dafür, dass der Kinderbonus im Verhältnis zum eingesetzten Steuergeld weitaus mehr `Wumms´ gebracht hat als die zeitweilige Senkung der Mehrwertsteuer.

Denn von den für den Bonus ausgezahlten Mitteln dürften knapp zwei Drittel für zusätzlichen Konsum genutzt werden, gut die Hälfte war sogar schon kurz nach der Auszahlung ausgegeben. Der Kinderbonus macht in dem Konjunkturpaket allerdings nur einen verhältnismäßig kleinen Teil aus. Die Bundesregierung veranschlagt die fiskalischen Kosten des Instruments mit 4,3 Milliarden Euro. Dagegen legen Berechnungen des Münchner ifo-Instituts nahe, dass von den 20 Milliarden Euro, welche die Mehrwertsteuersenkung den Staat gekostet hat, nur rund ein Drittel in zusätzliche Konsumausgaben geflossen sind. Außerdem wirkt der Kinderbonus der Ungleichheit der Einkommen, die 2020 zugenommen haben dürfte, eindeutig entgegen, die Mehrwertsteuersenkung eher weniger“, so Dullien.

Der IMK-Direktor und seine Forscherkollegen Dr. Jan Behringer und Dr. Sebastian Gechert empfehlen deshalb als Fazit ihrer Studie, bei künftigen Konjunkturprogrammen „sowohl aus Effizienz- als auch aus Verteilungsgründen einen größeren Anteil der eingesetzten Mittel für Direktzahlungen zu verwenden und auf vorübergehende Mehrwertsteuersenkungen zu verzichten.“

Für ihre Untersuchung werteten die Wissenschaftler die dritte Welle der Erwerbspersonenbefragung der Hans-Böckler-Stiftung aus. Dafür wurden im November 2020 mehr als 6100 Erwerbstätige und Arbeitsuchende von Kantar Deutschland online befragt. Die Befragung erfasste somit die Situation nach Auszahlung beider Tranchen des Kinderbonus im September und Oktober und im letzten Drittel des Halbjahres mit abgesenkter Mehrwertsteuer. Dieselben Personen hatten bereits im April und im Juni Auskunft gegeben, so dass Trends im Zeitverlauf analysiert werden können. Die Panel-Befragung bildet die Erwerbspersonen in Deutschland im Hinblick auf die Merkmale Geschlecht, Alter, Bildung und Bundesland repräsentativ ab.

Mehrwertsteuer: Mehr Befragte sehen Preissenkungen, aber nur kleine Minderheit gibt auch mehr aus

Im November konstatierten zwar deutlich mehr Befragte Preissenkungen durch die Mehrwertsteuerreduzierung als das im Juni erwartet hatten. So gaben knapp 30 Prozent an, nach ihrer Beobachtung sei der finanzielle Vorteil durch die niedrigere Steuer zumindest „ganz überwiegend“ an die Endverbraucher weitergereicht worden, im Juni hatten damit nur gut sechs Prozent gerechnet. Lediglich gut 13 Prozent gaben an, die Steuersenkung sei überhaupt nicht auf die Preise überwälzt worden, was im Juni noch fast 35 Prozent erwartet hatten. 56 Prozent berichteten im November von einer teilweisen Weitergabe des Steuervorteils, wovon im Juni rund 58 Prozent ausgegangen waren. Die Einschätzungen vom November decken sich laut IMK mit Studien zur tatsächlichen Preisentwicklung, wonach die Steuersenkung etwa in Supermärkten zum überwiegenden Teil, an Tankstellen etwa zur Hälfte weitergegeben wurde.

Doch trotz dieser vergleichsweise positiven Erfahrungen bei den Preisen hatte bei der großen Mehrheit der Befragten die Mehrwertsteuersenkung nach eigener Angabe keine Auswirkungen auf das Konsumverhalten – rund 79 Prozent gaben das im November an. Dieser Anteil lag sogar noch etwas über den 75 Prozent, die im Juni angegeben hatten, trotz Steuersenkung keine zusätzlichen Anschaffungen tätigen zu wollen. Lediglich etwa 16 Prozent berichteten im November, sie hätten eigentlich für später geplante Anschaffungen vorgezogen. Gerade einmal 4,5 Prozent gaben an, sie hätten zusätzlich etwas angeschafft, und einige wenige Befragte taten beides. Die Werte lagen geringfügig höher in der Teilgruppe, die den Eindruck hatte, dass der Steuerrabatt ganz überwiegend an die Endkunden weitergegeben werde. Doch selbst unter diesen Befragten weiteten rund 77 Prozent ihren Konsum nicht aus.

Unter dem Strich passt diese sehr begrenzte Resonanz laut IMK gut zu Überschlagsrechnungen des Münchner ifo-Instituts, die als Effekt der Mehrwertsteuersenkung im Gesamtvolumen von 20 Milliarden Euro lediglich Konsum-Mehrausgaben von 6,3 Milliarden Euro kalkulieren.

Mit höherem Einkommen spürbar häufiger den Steuerrabatt genutzt

Die Daten des IMK liefern auch Indizien dafür, dass vor allem Haushalte mit höheren Einkommen die Gelegenheit genutzt haben, während der Mehrwertsteuersenkung zu günstigeren Preisen mehr zu konsumieren. So haben unter den Befragten, deren Haushalt finanzielle Rücklagen hatte, knapp 18 Prozent eigentlich erst für später geplante Anschaffungen vorgezogen. Von den Haushalten ohne Rücklagen taten das lediglich 11,5 Prozent. Der spürbare Abstand wird geringfügig dadurch relativiert, dass Befragte ohne Rücklagen marginal öfter angaben, zusätzliche Anschaffungen getätigt zu haben. Allerdings ist die Differenz mit weniger als zwei Prozentpunkten statistisch insignifikant.

Schaut man auf das jeweilige Haushalts-Nettoeinkommen der Befragten, bestätigt sich das Muster, wonach besserverdienende Haushalte stärker profitiert haben: Lediglich 11,3 Prozent der Befragten aus Haushalten mit niedrigen Einkommen unter 1500 Euro netto monatlich berichteten von Anschaffungen, die sie sonst erst zu einem späteren Zeitpunkt getätigt hätten. Dagegen waren es 19,5 Prozent unter den Befragten mit mindestens 4500 Euro monatlichem Netto-Haushaltseinkommen.

Kinderbonus: 50 Prozent sofort ausgegeben, 65 Prozent binnen 12 Monaten erwartet

Deutlich höher als bei der Mehrwertsteuersenkung fällt nach den Befragungsdaten die konjunkturelle Wirksamkeit des Kinderbonus aus. Dieser richtete sich in erster Linie an kindergeldberechtigte Haushalte mit niedrigeren oder mittleren Einkommen, weil er mit dem steuerlichen Freibetrag verrechnet, nicht aber auf die Grundsicherung angerechnet wird. Im November, also schon wenige Wochen nach der Auszahlung, gaben 37 Prozent der Befragten mit Kindern an, den Bonus bereits komplett ausgegeben zu haben. Bei weiteren 27 Prozent war die Einmalzahlung zumindest teilweise in den Konsum geflossen. Im Durchschnitt aller Haushalte mit Kinderbonus waren im November bereits 51 Prozent der ausgezahlten Mittel von den Haushalten wieder ausgegeben worden, berechnen Dullien, Behringer und Gechert. Zusätzlich wurden diejenigen, die den Bonus bis dato noch nicht vollständig ausgegeben hatten, nach der geplanten Verwendung des Restbetrags gefragt. Auf Basis der Antworten kalkulieren die Wissenschaftler, dass binnen 12 Monaten nach Auszahlung gut 65 Prozent des Bonus ausgegeben werden dürften.

Damit falle die Konsumwirkung des Kinderbonus je Euro rund doppelt so hoch aus wie bei der Mehrwertsteuersenkung, betonen die IMK-Ökonomen. Besonders hoch ist die beobachtete Ausgabeneigung mit mehr als 80 Prozent vom ausgezahlten Betrag bei kindergeldberechtigten Haushalten, die niedrige Einkommen unter 1500 Euro netto haben. Diese Gruppe hatte in der Befragung auch besonders häufig angegeben, in der Pandemie mehr Geld ausgeben zu müssen. Dullien, Behringer und Gechert nennen beispielsweise technische Anschaffungen für Online-Unterricht oder den Wegfall von kostenlosem Schulessen als mögliche Faktoren. Das unterstreiche, dass der Kinderbonus zielgerichtet dort geholfen habe, wo der Bedarf besonders groß war, schreiben die Forscher. „Der Kinderbonus war somit auch aus verteilungspolitischer Sicht ein geeignetes Instrument, um den privaten Konsum und die konjunkturelle Entwicklung gezielt zu unterstützen.“