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Erste Marburger Milieustudie Erkenntnisse für Stadt- und Sozialplanung sollen auch Teilhabe verbessern

Marburg, Stadtteil Richtsberg

Kassel 17.05.2021 (pm)Wie leben und wohnen die Menschen in Marburg? Was bewegt sie zum Um- oder Wegzug? Wie entwickeln sich die Immobilien- und Mietpreise? Und gibt es Bevölkerungsgruppen, die vor unerwünschten Veränderungen geschützt werden müssen? Das sind nur einige der Fragestellungen, die bei der Ersten Marburger Milieustudie zum Tragen kommen. Der vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung begleitet die Universitätsstadt wissenschaftlich bei ihrer gesamtstädtischen Analyse. Während eines digitalen Treffens haben die Beteiligten erste Zwischenergebnisse vorgestellt.

„Die soziale Infrastruktur hat seit Jahrzehnten einen großen Stellenwert für die Stadt Marburg“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies während des digitalen Treffens zur ersten Marburger Milieustudie und erläuterte das Ziel einer bereits angelaufenen gesamtstädtischen Analyse, der sogenannten Ersten Marburger Milieustudie: „Die Erfassung von sozialen Milieus in der Universitätsstadt soll dabei unterstützen, die Entwicklung der sozialen Infrastruktur  zukünftig stärker quartiersbezogen zu gestalten.“ Ziel der gesamtstädtischen Analyse ist es, einen besseren Einblick in die Bevölkerungsstruktur zu erhalten, zusätzliche Erkenntnisse zur Verbesserung der Teilhabebedingungen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen zu erlangen und neue Erkenntnisse zur Stärkung der lokalen Demokratie zu gewinnen.

Zahlreiche Vorarbeiten haben bereits stattgefunden. Zunächst recherchierte die Sozialplanung im Auftrag des Oberbürgermeisters und schaffte damit eine Grundlage für das Vorhaben einer gesamtstädtischen Analyse. Sozialplanerin Monique Meier vom Fachbereich Soziales und Wohnen befasste sich mit den sogenannten Sinus-Milieus in Deutschland – eine Gesellschafts- und Zielgruppentypologie, die Menschen nach Lebensauffassungen und Wertehaltungen in „Gruppen Gleichgesinnter“ zusammenfasst. Bernd Hallenberg, Stellvertreter des vhw-Vorstands, erläuterte: „Selbst wenn sich Einkommen, Wohnungsgröße und Mitglieder des Hausstandes sehr ähneln, können beispielsweise Mobilität, die Bedeutung der Wohnform und das soziale Umfeld erheblichen Einfluss auf das „Ergebnis“, etwa die Wahl des Wohnortes, haben.“

Das Marburger Schloss oberhalb der Altstadt ist Teil eines kulturell überformten Landschaftsraumes und bezieht seinen Reiz aus der Lage und Umgebung. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Der Kooperationspartner der Stadt, der Bundesverband vhw, arbeitet seit 2002 mit „Sinus-Milieus“, um Erkenntnisse beispielsweise für Stadtentwicklungsthemen oder für die Bürger*innenbeteiligung zu nutzen. Dem gemeinnützigen Verband geht es dabei um die Verbreiterung der Teilhabebasis und um neue Erkenntnisse für die gemeinwohlorientierte Lokalpolitik in Deutschland. Die Stadt Marburg hat den Bundesverband aufgrund seiner Erfahrung gezielt angesprochen und als Partner für die gemeinsame Studie gewonnen. In einem Kooperationsvertrag wurden die Rahmenbedingungen der Studie vereinbart. Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies und der Vorstand des vhw, Prof. Dr. Jürgen Aring sowie Bernd Hallenberg als Stellvertreter des Vorstands, haben den Vertrag unterschrieben.

Der Bundesverband nimmt für die Stadt Auswertungen zur räumlichen Verteilung der sozialen Milieus und den sich ergebenden Folgerungen vor. Während einer Videokonferenz präsentierte der Projektverantwortliche Bernd Hallenberg neben den elf Sinus-Milieus eine erste Datenlage. So berichtete er beispielsweise darüber, wieviel Prozent bestimmter Milieus in Marburg vertreten sind. Das „Adaptiv Pragmatische Milieu“ als die „moderne junge Mitte“ nannte er als ein Beispiel: Menschen, die anpassungsbereit seien und weniger bestrebt, individuell zu wohnen; oder das „expeditive Milieu“ als die „ambitionierte kreative Avantgarde“, die interessiert sei an alternativen Wohnformen. Er ging außerdem auf die Milieuverteilung im Vergleich zu Gesamt-Deutschland und zu mehreren Städten wie etwa Gießen und Tübingen ein. Dabei habe sich gezeigt, dass ein ähnlich breit gemischtes Milieuverhältnis wie auch in den Vergleichsstädten bestehe. Milieu-Unterschiede zeigten sich vor allem deutlich in Bezug auf die Stadtteilbereiche.

Stadtraum Marburg im Lahntal. Sternbald-Foto Hartwig Bambey

Außerdem bezog er die sogenannten Migrantenmilieus ein, die Besonderheiten der Menschen mit Zuwanderungshintergrund abbilden. Hallenberg betonte, dass die soziale Teilhabe die soziale Herausforderung bleibe. Nicht nur die Zugehörigkeit zu bestimmten Stadtteilbereichen hat der vhw analysiert, sondern auch, welche Kaufkraft die Milieus in Marburg haben. Die Folgen der Pandemie bezüglich ihrer Auswirkungen auf die Innenstädte werden ebenfalls berücksichtigt, so etwa das Thema Homeoffice in Bezug auf angestrebte Wohnformen und -bereiche.

Die Universitätsstadt hat als Grundlage für die Analyse bereits zahlreiche Daten und Informationen, etwa zu Altersstrukturen oder Bevölkerungsentwicklung, zur Verfügung gestellt. Dabei kam die Zusammenarbeit mehrerer Fachdienste zum Tragen: Neben der projektverantwortlichen Sozialplanung und Stadtplanung haben auch Bürger*innenbeteiligung, Altenplanung, Fachdienst Migration und Flüchtlingshilfe sowie Projekt „Einsicht – Marburg gegen Gewalt“ ihre Fragestellungen formuliert, die den inhaltlichen Ausgangspunkt und die Erkenntnisziele der Kooperation bilden.

Aufbauend auf den Fragestellungen wurden und werden auch noch vielfältige Daten von zahlreichen Fachdiensten und Netzwerkpartner*innen erhoben und zusammengestellt, beispielsweise Daten zur Bevölkerungsstruktur in Kooperation mit der Statistikstelle und aus der bisherigen Sozialberichterstattung, Informationen vom Fachdienst Bürger*innenbeteiligung zu Bürgerbeteiligungsverfahren in Marburg, Daten vom Fachdienst Schule für den Bildungsbereich, Daten zum Wohngeld und Daten zur Sozialhilfe, Einblick in Wohnungsbestände der Wohnungsbaugesellschaften, in Kooperation mit dem Landkreis der Datenbestand zur Grundsicherung für Arbeitsuchende (Zweites Buch des Sozialgesetzbuchs, SGB II), Einblick in die Infrastruktur in Marburg, Überblick über soziale Einrichtungen und Trägerlandschaft oder der Immobilienmarktbericht vom Gutachterausschuss.

Stadtansicht gespiegelt. Sternbald-Foto Hartwig Bambey © 2016

Vertreter*innen der städtischen Verwaltung begleiten die „Milieustudie“ in einer Steuerungsgruppe als Mitgestalter*innen des Prozesses. Die Steuerungsgruppe unterstützt die Studie, indem die Fachleute ihr Wissen und ihren Erfahrungsschatz beisteuern. Der vhw schaut „von außen“ auf die Stadt und die reinen Zahlen. Zur Interpretation der Statistiken und zum Verständnis der Entwicklungen in Marburg bringen die Fachdienste wichtige Informationen mit ein. Ihre Einschätzungen und Erfahrungen zur Situation der Bevölkerungsgruppen werden in die Analyse mitaufgenommen. Darüber hinaus werden auch lokale Kooperationspartner*innen, wie Wohnungsbaugesellschaften und Akteur*innen in den Stadtteilen, eingebunden. Aufgrund der Corona-Pandemie werden Stadtteilbegehungen mit dem vhw und persönliche Gespräche mit den Netzwerkpartner*innen erst im Sommer stattfinden.

Auf der Analyse aufbauend gibt der vhw Handlungsempfehlungen für die Stadt, die sowohl die Sozial- als auch die Stadtplanung betreffen. Mit einem abschließenden Ergebnis ist im Herbst zu rechnen. Die Empfehlungen sollen für die Ausrichtung der städtischen Planung und Bürger*innenbeteiligung genutzt werden. Darüber hinaus sollen Entwicklungspotentiale für Marburg ausfindig gemacht und ausgeschöpft werden.