Unterirdische Fließprozesse können Hochwasser prägen

Die Forscher untersuchen an solchen Hangeinschnitten die Fließdynamik. Der Einschnitt ist rund 15 Meter lang und 3 Meter tief. Foto Theresa Blume

16.02.2026 (pm/red) Unsichtbar, rasant und bislang unterschätzt: Unter unseren Füßen können sich bei Starkregen schnelle Fließwege für den Niederschlag bilden, die Hochwasser entscheidend mitverursachen. Genau diesen schnellen unterirdischen Abflussprozess – den sogenannten Subsurface Stormflow (SSF) – nimmt die Forschungsgruppe FOR 5288 in den kommenden vier Jahren weiter unter die Lupe. Unter der gemeinsamen Sprecherschaft von Prof. Dr. Peter Chifflard (Philipps-Universität Marburg) und Dr. Theresa Blume (GFZ Helmholtz-Zentrum für Geoforschung) untersuchen die Forscher die Rolle des SSF für Grundwasser, Fließgewässer und Hochwasserentstehung in Mittel- und Hochgebirgsregionen. Die Philipps-Universität Marburg koordiniert die Forschungsgruppe gemeinsam mit dem GFZ und verantwortet das Teilprojekt ‚Novel Tracers‘; für beides erhält sie Fördermittel in Höhe von insgesamt 1,6 Millionen Euro, wird mitgeteilt.

„Die erneute Förderung der Forschungsgruppe ist ein starkes Signal für die wissenschaftliche Expertise und internationale Sichtbarkeit der Marburger Hydrologie. Das Projekt verbindet grundlegende Prozessforschung mit hoher gesellschaftlicher Relevanz – von Hochwasserschutz über Trinkwassersicherheit bis hin zu Klimafragen. Besonders freut mich, dass die Philipps-Universität Marburg hier eine koordinierende Rolle übernimmt und innovative Methoden mit interdisziplinärer Nachwuchsförderung verknüpft“, sagt Prof. Dr. Gert Bange, Vizepräsident für Forschung der Philipps-Universität Marburg.

Prozesse beeinflussen Trinkwasser und Schadstofftransport

Unterirdische Wasserbewegungen spielen eine zentrale Rolle für Hochwasser, Grundwasser und Gewässerqualität. Dabei fließt Wasser in bestimmten Bodenschichten hangabwärts Richtung Bach oder Fluss. Subsurface Stormflow entsteht vor allem in Böden mit vertikaler Schichtung, wie sie für Berghänge in Mittel- und Hochgebirge typisch sind, wo wasserdurchlässige Schichten auf weniger durchlässigem Untergrund liegen. Bei Starkregen kann das Wasser dort schnell in Bäche und Flüsse gelangen. Diese Prozesse beeinflussen Trinkwasserressourcen, transportieren Nähr- und Schadstoffe und können Rutschungen sowie Hochwasser verstärken. Trotz jahrzehntelanger Forschung ist SSF schwer erfassbar, da dieser Prozess unsichtbar und nur zeitlich begrenzt auftritt.

Vier Untersuchungsgebiete

Die weitere Finanzierung bis 2030 ermögliche es der interdisziplinären Forschungsgruppe den Prozess integrativ zu betrachten und Wissenslücken zu schließen. In der ersten Projektphase von 2021 bis 2026 wurden vier Forschungsgebiete in Deutschland und Österreich mit Messtechnik ausgestattet, um Subsurface Stormflow zu untersuchen. Das sind das Erzgebirge, der Schwarzwald, das Sauerland und die Tuxer Alpen. Die umfangreiche Instrumentierung mit 753 Grundwasserbeobachtungsrohren und 116 Pegelstationen entlang der Bäche sowie der 12 sehr speziellen Trenches zur Erfassung des unterirdischen Abflusses (SSF) ist weltweit einzigartig.

Neue Markierstoffe, um Fließwege zu verfolgen

Mithilfe innovativer Geräte sowie moderner Mess- und Analysemethoden – darunter eine automatisierte Entnahme von Wasserproben und kontaminationsfreie Gewinnung von Bodenmaterial – konnten über 7.000 Boden- und mehr als 6.000 Wasserproben erfasst und ausgewertet werden. Der Einsatz neuer Tracer wie Umwelt-DNA (eDNA) und organischer Kohlenstoff ermöglicht es, unterirdische Fließwege und Verweilzeiten von Wasser erstmals detailliert zu erfassen. Gleichzeitig liefern diese Methoden neue Erkenntnisse zu Prozessen der Mobilisierung und Speicherung von Kohlenstoff im Boden.

Erkenntnisse für Hochwassergefahren und Grundwassermanagement

Die Ergebnisse aus der ersten Phase gehen bereits in nationale Hochwasserstrategien und in das Grundwassermanagement der Bundesländer und Kommunen ein, zum Beispiel in Baden-Württemberg zur Erstellung der Sturzflutengefahrenkarte oder in das Grundwassermanagement der Stadt Düsseldorf.

Da Subsurface Storm Flow im Untergrund verborgen ist, kann er nur punktuell untersucht werden. In der zweiten Projektphase wird es über methodische Entwicklungen möglich sein, flächenhafte Aussagen zur Verbreitung und zu Fließwegen von SSF machen zu können, unter anderem durch die Entwicklung neuer Modellierungsstrategien, die einen Fokus auf SSF setzen und innovative multiple Proxies zur Kalibrierung sowie zur Validierung verwenden. Um die Modellkonzepte übertragbar zu machen, fließen in die Entwicklung globale Daten zu SSF ein, die aus den unterschiedlichsten Naturräumen, z.B. aus Neuseeland, Italien, USA oder Schweden, stammen.

In der zweiten Förderphase werden insgesamt 12 Nachwuchswissenschaftler in einem internationalen Forschungsumfeld ausgebildet. Die Förderung von Wissenschaftlern auf allen Karrierestufen werde in den kommenden vier Jahren konsequent fortgeführt, wird betont.