Zeitenwende 2026 in Kassel: Sichtachse wird mit Kiefernwald verstellt und Lokomotivwerke werden zur Panzerfabrik

Die Bedeutung der beiden so benannten Torhäuser in der Wilhelmshöher Allee im Übergang zum Brüder-Grimm-Platz veranschaulicht dieses Aquarell von Ludwig Emil Grimm aus dem Jahr 1820.

06.10.2026 (red) Ob der Oktober 2026 einmal als herausragender Monat für Kassel betracht wird, kann derzeit niemand abschätzen. Zumindest zwei gravierende Eingriffe sind mitzuteilen, der eine städtebaulicher Eigernart, der andere Eingriff ist industriepolitisch besser rüstungspolitisch von gravierender Bedeutung.

Nach vielen Jahren Vorlauf und städtebaulichen Abwägungen samt Wettbewerb wird der zentrale Brüder-Grimm-Platz in der Innenstadt radikal umgestaltet. Auf der Nordseite strebt zunächst der langgezogene Neubau des Deutschen Tapeetenmuseums seiner Vollendung entgegen. Die Einweihung soll nach der kommenden documenta 16 im Herbst 2027 stattfinden, wurde von Hessen Kassel Heritag mitgeteilt.

Nicht genug damit, zugesagte Bundesmittel aus dem Programm „Nationale Projekte des Städtebaus“ in Anspruch nehmend, soll die Gelenkstelle zwischen der Innenstadt und der Wilhelmshöher Allee, eben der Brüder-Grimm-Platz mit Hessischem Landesmuseum und in Jahresfrist Tapetenmuseum, eine „Bewaldung“ erfahren. Dem sind kontroverse Diskussionen vorausgegangen. Gestern wurde mit euphemistischem Unterton aus dem Rathaus mitgeteilt, dass der erste von 74 Kieferbäumen mit Bagger eingehievt und gepflanzt wurde. Der Nadelbaum hat eine stattliche Höhe von 8 bis 9 Metern.

So soll es jeden Wochentag bis voraussichtlich Ende Oktober weitergehen, um den Kieferwald inmitten stadthistorisch bedeutsamer Bauwerke, darunter die beiden Torhäuser zur Wilhelmshöhr Allee zu verwirklichen. 6,5 Millionen Fördergelder wollen schließlich verbaut werden.

Mit der Platzsituation und den Blickbeziehungen hatte sich bereits Ludwig Emil Grimm in 1820 beschäftigt und dazu ein Aquarell geschaffen. Wer will, kann darin ein Plädoyer für die Blickbeziehung sehen, der zukünftig der Kiefernwald, besser Kiefernwäldchen, im Wege steht. 

„Tempora mutantur et nos mutamur in illis“ heißt es auf lateinisch. Fragt sich zu wessen Nutzen. Hier kommt die zweite Tagesmeldung aus dem Kasseler Norden ins Blickfeld. „Rheinmetall und Alstom einigen sich über Werk“ berichtet die HNA und titelt auf Seite 3 der heutigen Kasseler Ausgabe „Das wäre das Ende für den Lokbau in Kassel“. In Zukunft sollen in den Werkshallen Panzer gebaut werden.

Es bleibt nachzutragen, dass die Zerstörung Kassels als Rüstungsstadt im Zweiten Weltkrieg in einer einzigen Bombennacht am 22. Oktober 1943 sich in 16 Tagen zum 83. Mal jährt.

Die Proteste gegen die Umgestaltung des Brüder-Grimm-Platzes waren deutlich lautstärker als Proteste gegen den erneuten Ausbau von Kassel als Rüstungsstandort und damit Zielort in kriegerischer Auseinandersetzung. O tempora, o mores!