
12.05.2026 (pm/red) Die Geographie an der Philipps-Universität Marburg feiert ein besonderes Jubiläum: Seit 150 Jahren ist das Fach in Marburg institutionell verankert. Das Jubiläum bietet Anlass, auf eine lange und bewegte Geschichte zurückzublicken – und zugleich den Blick nach vorn zu richten: auf die Rolle der Geographie in einer Zeit, in der Fragen des Klimawandels, der nachhaltigen Entwicklung, globaler Verflechtungen und gesellschaftlicher Transformationen drängender sind denn je.
„Heute präsentiert sich der Fachbereich Geographie als eine breit aufgestellte, forschungsstarke und international vernetzte Einrichtung. Mit 10 Professuren und 12 Fachgebieten deckt der Fachbereich ein breites inhaltliches Spektrum in Forschung und Lehre ab“, sagt Uni-Präsident Prof. Dr. Thomas Nauss, der in der Marburger Geographie 2005 promovierte. Rund 900 Studierende lernen in Marburg in einem persönlichen und betreuungsintensiven Umfeld, das regelmäßig sehr positiv bewertet wird – unter anderem im CHE-Hochschulranking sowie in studentischen Bewertungsforen. Die Lehre verbindet Physische Geographie, Humangeographie und Geographiedidaktik mit einem starken Methodenbezug und hohem Praxisanteil.
Zum Studienangebot gehören mehrere Bachelor- und Masterstudiengänge, darunter
- der Monobachelor und Kombinationsbachelor Geographie
- der interdisziplinäre Bachelor „Nachhaltigkeit in Wirtschaft und Raum“
- die Masterstudiengänge Physische Geographie, Wirtschaftsgeographie und Sustainable Development
- das Lehramt Erdkunde an Gymnasien.
Geographie als Brücke zwischen Natur- und Kulturwissenschaften
Inhaltlich steht die Marburger Geographie heute für die Analyse einer sich wandelnden Welt. „Forschung und Lehre befassen sich mit dem Verhältnis von Mensch und Umwelt, mit Klima- und Umweltveränderungen, Biodiversität, Stadt- und Regionalentwicklung, wirtschaftlichen Transformationsprozessen sowie Fragen nachhaltiger Entwicklung“, erklärt Prof. Dr. Markus Hassler, Dekan des Fachbereichs Geographie. Er beschreibt das Fach als Brücke zwischen Natur- und Kulturwissenschaften und hebt insbesondere die „Human Dimension of Global Change“ hervor. Aktuelle Fokusthemen reichen von Biodiversitätsveränderungen und Klimaanalysen bis zur Planung resilienter Landschaften und Städte.
Ein Fach im Wandel
150 Jahre Geographie in Marburg stehen zugleich für die Entwicklung eines Faches, das sich grundlegend gewandelt hat. Stand zu Beginn der Disziplin noch der beschreibende und länderkundlich geprägte Charakter im Vordergrund, ist es mittlerweile ein modernes und gesellschaftlich hoch relevantes Fach geworden. Heute verbindet Geographie naturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche und raumbezogene Perspektiven. Sie arbeitet datenbasiert, modellgestützt und interdisziplinär – und sie fragt nicht nur, wie Räume beschaffen sind, sondern auch, wie sie sich verändern, wie Menschen sie nutzen und gestalten und wie Zukunft nachhaltig organisiert werden kann.
„Das Jubiläum ist deshalb nicht nur ein Anlass für ein Blick in die Geschichte des Fachbereichs, sondern vor allem auch eine Gelegenheit, die Vielfalt des Faches und seine Bedeutung für Zukunftsfragen hervorzuheben und der Öffentlichkeit zu präsentieren“, sagt Prof. Dr. Maaike Bader. Über Generationen hinweg haben Marburger Geographinnen und Geographen Landschaften, Städte, Wirtschaftsräume, Ökosysteme und gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland, Europa und weltweit untersucht. Geländepraktika im In- und Ausland, internationale Forschungskontexte und die Verbindung von Theorie, Methodenkompetenz und Praxis gehören bis heute zum Profil des Fachbereichs.
Kolonialismus und NS-Zeit
Zugleich gehört zu einem Jubiläum auch die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Fachgeschichte. „Dazu zählt, die Rolle der Geographie in Zeiten von Kolonialismus und Nationalsozialismus nicht auszublenden, sondern historisch einzuordnen und kritisch zu reflektieren“, hebt Hassler hervor. Ebenso wichtig ist der Blick auf die Stellung von Frauen in der Geschichte des Fachs: Wer konnte Geographie wann studieren, promovieren und wissenschaftlich wirken, und welchen strukturellen Hürden begegneten Frauen über lange Zeit? Diesen Fragen geht Dr. Kerstin Bach in einem eigenen Beitrag in der Festschrift nach, die von der Marburger Geographischen Gesellschaft und dem Fachbereich anlässlich des Jubiläums herausgegeben wird, und zeichnet die Entwicklung der Rolle von Frauen in der Marburger Geographie nach. „Das Jubiläum bietet damit auch die Möglichkeit, Traditionslinien, Brüche und Verantwortung in der Wissenschaft sichtbar zu machen“, erläutert Prof. Dr. Peter Chifflard. „Dazu gehört ausdrücklich auch, schwierige Kapitel der Fachgeschichte nicht auszublenden. Die weitere Aufarbeitung dieser Zeiträume, etwa mit Blick auf Kolonialismus und Nationalsozialismus, werden wir nun am Fachbereich angehen.“
Warum Geographiestudium?
„Warum studiert man heute Geographie?“, fragt Peter Chifflard und ist überzeugt: „Weil kaum ein anderes Fach naturwissenschaftliche, gesellschaftliche und raumbezogene Fragestellungen so eng zusammenführt.“ Geographie vermittelt Kompetenzen, die weit über klassische Berufsbilder hinausreichen: analytisches Denken, den Umgang mit Big Data und digitalen Karten, Feld- und Laborarbeit, Kenntnisse zu Umwelt- und Gesellschaftswandel sowie die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge räumlich zu verstehen. Aber auch die Fähigkeit transformative Prozesse zu verstehen, damit umzugehen und diese in die Gesellschaft zu integrieren, zählt zu den Kernkompetenzen, die jeder Studierende in Marburg erlernt.
Absolventinnen und Absolventen arbeiten heute unter anderem
- in Forschung und Lehre,
- in Stadt- und Regionalplanung,
- Umwelt- und Naturschutz,
- Entwicklungszusammenarbeit,
- Behörden und Unternehmen
- Einrichtungen zur Bildung, Datenanalyse und Geoinformation.
Räumliches Denken bleibt unverzichtbar
Das 150-jährige Jubiläum macht sichtbar, wie lebendig und relevant die Geographie in Marburg aber auch global heute ist. Der Fachbereich verbindet eine lange Tradition mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen – und mit der Überzeugung, dass räumliches Denken und geographische Forschung unverzichtbar sind, um Gegenwart zu verstehen und Zukunft mitzugestalten.
Festwoche im Juni
Im Jubiläumsjahr lädt der Fachbereich Geographie zu einer Festwoche ein, die vom 1. bis 5. Juni 2026 stattfindet und Vorträge zu Klimawandel, gesellschaftlicher Transformation und nachhaltiger Bildung sowie zahlreiche geographische Mitmachangebote in der Marburger Innenstadt rund um das Deutschhaus und das Mineralogische Museum umfasst, das nach Anmeldung für Führungen geöffnet sein wird.
