30 Jahre Künstlerstipendium Willingshausen: Mette Joensen – Werdegang und Karriere einer Malerdorf-Stipendiatin

11.09.2026 | Gastbeitrag von Jörg Haafke | BUSCHFUNK–Extra anlässlich 30 Jahre Künstlerstipendium Willingshausen |  Das Künstlerstipendium Willingshausen wurde 1996 ins Leben gerufen und darf als eine Erfolgsgeschichte für das Malerdorf angesehen werden. In jedem Jahr finanziert das Stipendium den Aufenthalt von zwei jungen Künstlerinnen und Künstlern für jeweils drei Monate. Zum Abschluß ihrer Zeit im Malerdorf präsentieren die StipendiatInnen ihre Arbeiten vier Wochen in der Kunsthalle Willingshausen.

Ein ordentlich finanzierter Katalog über ihr künstlerisches Schaffen am Ort ist ihnen im weiteren Werdegang nützlich. Das stolze Jubiläum „30 Jahre Künstlerstipendium Willingshausen“ ist ein guter Anlaß zu sehen was aus den „Willingshäuser StipendiatInnen“ geworden ist, wie sich ihr künstlerisches Schaffen entwickelt hat und vor allem, ob sie von ihrer Kunst leben können.

Mette Joensen – o.T. (1998)

Mette Joensen war die fünfte Künstlerin des Willingshäuser Künstlerstipendiums. Sie lebte und wirkte im Zeitraum von April bis Juli 1998 in Willingshausen.  Das Willingshäuser Künstlerstipendium wurde im Frühjahr 1996 gestartet, zeitgleich Erwerb und Übernahme der Dorfmühle Willingshausen durch Susanne Korte und meiner Person. Natürlich fand das Stipendium unser besonderes Interesse, als Neulinge im Dorf und mit vornehmlich städtischem Werdegang versprach uns hier auf dem Land das Künstlerstipendium eine Anbindung an zeitgenössische Kultur. Und eine Dänin garantierte zudem einen internationalen Bezug.

Während ihres dreimonatigen Aufenthalts in Willingshausen, 1998, war Mette Joensen Studentin der Hochschule für Kunst Bremen. Mehr noch als wir nahm sie die Willingshäuser und Schwälmer Welt mit dem Blick von außen wahr. Wie in kaum einer anderen Region stand (und steht) die Tracht als verbindendes Merkmal. Wir fühlten uns daher von der, nach unserer Interpretation kritischen Auseinandersetzung der Künstlerin mit dem Status der Tracht sehr angesprochen.  Schon „damals“ war die Tracht nur noch selten im Alltag und dann ausschließlich in der Arbeitskleidung älterer Frauen zu sehen. Sonst wurde die Tracht lediglich bei feierlichen Anlässen und insbesondere bei Festlichkeiten zur Schau gestellt.

Versinnbildlicht stellte Mette Joensen den Widerspruch zwischen Realität und Idealisierung der Tracht in Silhouetten Schwälmer Frauen dar, die sich offensichtlich aktiv des Unterschenkels eines Beines samt steifer Beinkleidung entledigten und jenes in den Bildhintergrund beförderten (Abbildung oben). Die Frauen brachen unverkennbar mit der Tracht, so wie sich nach unserer Wahrnehmung auch die Realität darstellte. In der traditionsgeschwängerten Atmosphäre nahe am Malerstübchen wird Mette Joensen die Kluft noch sehr viel prägnanter erlebt haben.

Diese künstlerische Wahrnehmung und Pointierung bestätigte den auch von uns so gesehenen Zustand und war uns Grund genug eine ihrer Arbeiten zu erwerben. Ihr Bild vom Trachtentrauma hängt seither in der Dorfmühle. Seit der Eröffnung unseres Hofladens im Jahr 2002 kommuniziert es entsprechend mit unserer Kundschaft. Für „die Schwalm“ war die u.E. eindeutige Bildaussage allerdings weniger erkennbar. Schon die Berichterstattung der HNA stellte die Feststellung heraus, daß sich die Künstlerin vor der Schwalm verbeugt habe (s. nachstehenden Artikel vom 10. Juli 1998). Immerhin wies der Autor, kein geringerer als der ausgewiesene Kunstkenner, langjährige HNA-Kultur- chef und u.a. nahezu ein Jahrzehnt engagiert wirkende Vorsitzende des documenta-Forums, Dirk Schwarze (ƚ 2017), auf die Distanzierung zur erstarrten Überlieferung in einigen ihrer Darstellungen und ihre hintersinnigen Kommentare zum Weltgeschehen hin.

Nun müssen wir heute, 30 Jahre später, zur Kenntnis nehmen, daß die Tracht aus dem Schwälmer Alltag tatsächlich verschwunden ist, zugleich deren Bedeutung in ungleich stärkerem Maße folkloristisch inszeniert wird. So stand zuletzt sogar die „200 Jahre Künstlerkolonie“ vorrangig im Zeichen der Tracht und wurde die Kunst vor allem als Mittel zum Zweck der Inszenierung der Tracht genutzt und nicht in ihrem Ausdrucksmöglichkeiten und -inhalten gewürdigt. Eine klassische Verdrehung von Subjekt und Objekt.

Fast 30 Jahre nach ihrem Stipendium in Willingshausen ist auch bei Mette Joensen etwas Ernüchterung eingetreten. Ich hatte Gelegenheit, Sie bei einem Kurzaufenthalt in Dänemark im Sommer 2025 in Ihrem Atelier zu besuchen und mit ihr zu sprechen.
Mit Hilfe ihrer Internetseite www.mettejoensen.dk konnte ich ihr Atelier und ihre Galerie leicht ausfindig machen. Sie fragte mich beim Eintritt in ihren Laden: „Hvad kan jeg gøre for dig?“ Meine Dänisch-Kenntnisse sind leider nur sehr rudimentär sind, hatte ich mich vorbereitet und zeigte ich Ihr zur Antwort einen Fotoabdruck ihrer vor fast 30 Jahren erworbenen Willingshäuser Arbeit und fragte auf Englisch „Do you remember Willingshausen? Do you recognize this picture?“. Sie war sofort im Bilde und bot zu meiner Erleichterung die Verständigung in deutscher Sprache an.

Und sie erinnerte sich sofort, erzählte, daß sie gerade kürzlich aus Willingshausen von der künstlerischen Leitung des Stipendiums Post bekommen habe und gefragt wurde, ob sie für die Produktion eines Kalenders zum 30jährigen Bestehen des Stipendiums bereit sei, eines ihrer Bilder zur Veröffentlichung zur Verfügung zu stellen und einige Fragen zu ihrer Aufenthaltszeit in Willingshausen zu beantworten – z.B. welche Stimmungen, welche Gerüche und Geräusche sie in Erinnerung habe. Nach ihrem weiteren Werdegang, nach ihrer heutigen Situation wurde nicht gefragt.

Mette Joensen im Atelier. Foto Jörg Haafke

Sie hat sich entschlossen nicht zu antworten, hat aber mir erzählt, daß ihr die Geräusche von der (damals noch vorhandenen) Schlachtstätte neben ihrem Willingshäuser Domizil im Hirtenhaus mitunter Probleme bereit haben und ebenso die zahlreichen Mäuse, die sie dort lebend gefangen und dann jeweils nach Spaziergängen im Wald ausgewildert hat. Und sie hatte noch die fürsorgliche Anka Becker in Erinnerung, die ihren Aufenthalt begleitet und etwa ihre Versorgung mit Brennholz, oftmals aus Abrissholz von dem damals noch existierenden Malerbetrieb Becker, gewährleistet hat.  Einen freundschaftlichen Kontakt hat sie in dieser Zeit zu dem Michelsberger Künstlerpaar Delia Henss und Biele Emmenberger, der leider viel zu früh 2012 verstorben ist) entwickelt und über lange Zeit auch weiter gepflegt.

Nach Abschluss Ihres Studiums im Jahr 2000 erhielt sie in drei aufeinander folgenden Jahren Künstlerförderung der Hansestadt Bremen. Sie bekam ihr erstes Kind, Liva, im Jahr 2001, und kehrte 2004 zurück in ihre Heimat Dänemark. Ihre Auslandszeit erwies sich als Hindernis in Süd-Dänemark als Künstlerin Fuß zu fassen, denn sie hatte seinerzeit in der dänischen Kunstszene nur wenige Anknüpfungspunkte. Solche sind jedoch nach ihren tatsächlichen Erlebnissen und nach allgemeinem Hörensagen für die Karriere von entscheidender Bedeutung. Von der Kunst allein zu leben war ihr nicht möglich. Sie betrieb ein Bed & Breakfast-Hotel mit einer Kunstgalerie, Kursen, Werkstatt und vieles mehr in einem großen, alten, stillgelegten Kaufmannsladen an der Westküste Jütlands, den sie „Villa Plus“ nannte.

Sie arbeitete unter anderem mit dem Verband der Gemeinschaften der Künstlerinnen und Kunstfördernden (GEDOK) und mit dem Berufsverband Bildender Künstler Bremen (BBK Bremen) zusammen und ermöglichte es vielen Künstlern, ein Stipendium für einen Aufenthalt in der „Villa Plus“ zu erhalten. Im Jahr 2011 verließ sie die Westküste Jütlands und zog nach Aabenraa an der Ostküste – einer Kleinstadt, nur wenige Kilometer nördlich von Flensburg.

Heute bestreitet Mette ihren Lebensunterhalt ausschließlich mit ihrer Kunst, wobei die Keramik den größten Teil ausmacht. Im Jahr 2008 erwarb Mette einen gebrauchten Brennofen und begann mit Ton zu experimentieren. Im Laufe der Zeit stellte sie fest, dass ihre Keramikarbeiten  – wann immer sie diese gemeinsam mit anderen Kunstwerken ausstellte – stets auf großes Interesse stießen und sich gut verkauften; folglich entwickelte sich dieser Bereich nach und nach zu ihrer Haupteinnahmequelle.

Neben ihren künstlerischen Keramikobjekten entstand eine zweite Produktlinie mit kleineren, zugänglicheren Stücken – etwa kleinen Vögeln, Schalen in Kopfform und Kerzenhaltern –, die in verschiedenen Museumsshops und Designgeschäften vertrieben werden (Bilder Seite 7).

Insbesondere ihr Wandschmuck („Væghængt) erfreut sich großer Beliebtheit, vor allem die Vögel („Fugle“) und sind häufig in Designmagazinen sowie anderen Publikationen zu sehen. Ein kleines Vögelchen ergatterte sogar eine kleine Rolle in der dänischen „Nordic Noir“-Krimiserie *Equinox* und fand dadurch große Aufmerksamkeit und einige prominente Fans unter den VIPs in Dänemark. Mette hat ihre Vögel bereits in alle Welt verschickt, von Australien bis Kanada.

Nun kann Mette Joensen mit der Keramikproduktion kaum nachkommen und es ist ihr als ambitionierte Künstlerin fast unangenehm mit solcher Serienfertigung ihren Unterhalt zu bestreiten. Trotz „Fließbandproduktion“ läßt sie ihr künstlerischer Anspruch jede Keramik und jeden Fugle auch nach inzwischen weit über tausend Exemplaren zu einem Unikat in Musterung wie in Farbgebung werden. Und sie arbeitet weiterhin völlig unabhängig in der unmittelbar an das Ladenlokal angrenzenden hyggeligen-Werkstatt ihrer Galerie. Alles ist Handarbeit.

Neben den Vögeln gehören zahlreiche weitere Tiermotive („Andre dyr“) – Bild oben – und Phantasiefiguren sowie kreativ gestaltete Dinge für Haushalt und Dekoration zu ihrem Portfolio: Kerzenständer („Lysetager“ – s. Titelbild), Schmuck („Smykker“ – Seite 10 oben), Vasen („Vaser“), Schalen (Skål), Schüsseln und Servierplatten (Fade – Seite 11), Skulpturen („Skulpturer“ – Bild unten) und vieles andere mehr. Natürlich dürfen auch die im dänischen Keramikdesign sehr beliebten „Hovedkrukker“ (unten), Übertöpfe in Kopfform, nicht fehlen. Bei einer Nutzung als Pflanztopf bekommen die Kopfgesichter bald eine

Mette Joensen Vielarmige

Ihre künstlerischen Interpretationen scheinen einer surrealen Welt anzugehören. Bunte Glasuren, organische Formen, verspielte Ausbildungen machen ihre Keramiken zum Blickfang. Mit ihrem praktischen Nutzen stellen sie die Verbindung von Phantasie zur Realität her. Ihre Webseite zeigt ein buntes und vielfältiges Bild ihres Schaffens.

Zu ihrem größten Bedau ern erreichen ihre grafischen Arbeiten, Bilder und Drucke längst nicht die Verkaufszahlen ihrer Keramik – wie z.B. der Jonglør, dessen weiße Bälle erstarrt sind. Wie zum Trotz dominiert ihre wirkliche Liebe mit unzähligen Exponaten den Verkaufsraum in ihrem Ladenlokal in der „Borgmester Finks Gade 2a“ in Aapenraa.

Besonders gern verschafft sie dabei älteren Arbeiten mitunter durch Übermalungen neue Wirkungen und Botschaften. Dabei verknüpft sie gerne auch ihre Leidenschaften für Keramik und Malerei miteinander und kann inzwischen auch stolz auf eigene Ausstellungen zurückblicken (Bild unten).

Mette Joensen mit Grafiken in ihrem Atelier. Foto Jörg Haafke

Selbstredend hatte Mette Joensen auch ein Exemplar ihres Stipendienkatalogs aus dem Jahr 1998 griffbereit, einschließlich des damaligen HNA-Artikels. Trotz mancher Schwierigkeiten hat sie die Zeit im Malerdorf in guter Erinnerung. Und vielleicht hat sie mit ihrem unvoreingenommenen Blick einer Fremden in einer scheinbar festgefügten Community mit ihren Tracht-Darstellungen einen wunden Punkt der Schwälmer Selbstinszenierungen getroffen, der in der Schwälmer Gegenwart längst nicht aufgearbeitet ist.

Mette Joensen freut sich auf jeden Fall über Besuch und Interesse an ihrem Werdegang sowie ihrem künstlerischen Schaffen. Sie zeigt dabei gerne ihre Grafiken und Malerei aus ihrem schier unerschöpflichen Schaffen und oftmals hintergründigen Ideenreichtum. Der für Dänemark typische Fahnenständer mit dem Danebrog vor der Ladentür (Bild Seite 5) zeigt zuverlässig ihre Anwesenheit in ihrer Butik an.
Mange tak Mette! Jörg Haafke