TRUTZ Premiere im Schauspielhaus Kassel – Ein Deutsch-Russisches Epos auf der Bühne

Eine überzeugend vielschichtige Inszenierung und Bühnenadaption des Romans „Trutz“ von Christophe Hein erlebten am 3. Oktober die Premierenbesucher im Schauspielhaus Kassel. Foto/Bildquelle Staatstheater Kassel

05.10.2026 Ursula Grochtdreis | Kann man den vielschichtigen Roman „Trutz“ von Christoph Hein über die Lebensgeschichte zweier Generationen in ein Theaterstück verwandeln? Ja, man kann – Dušan David Pařízek hat eine Bühnenbearbeitung geschaffen, die dem Buch gerecht wird und gleichzeitig eine eigene Darstellungskraft entwickelt.

Maykl Trutz und Rem Gejm erinnern sich, dank ihres von Rems Vater trainierten Gedächtnisses an ihre Geschichte und die ihrer Eltern. Rainer Trutz muss wegen seiner Veröffentlichungen nach Besudelung und Vernichtung seiner Manuskripte vor den Nazis flüchten, ebenso seine schwangere Frau Gudrun, eine engagierte Gewerkschafterin. Die Lettin Lilija (mit weißem Pelz), Sowjetbürgerin und Handelsvertreterin unterstützt als Freundin das Paar bei der Flucht nach Moskau. Dort finden beide Arbeit, Rainer beim Metro-Bau, Gudrun in einer Süßwarenfabrik.

Maykls Geburt ist ein Höhepunkt der Aufführung: Ernst Stötzner flutscht als Säugling zwischen Gudruns Beinen hervor, gekonnt und drastisch inszeniert liegt der Neugeborene erschöpft an Mamas Brust.
Waldemar Gejm ist Professor für Mnemonik. Er trainiert seinen zweijährigen Sohn Rem und den gleichaltrigen Maykl mit seinem Memo-Technik-Training, um beiden zu einem fehlerfreien, lückenlosen Langzeitgedächtnis zu verhelfen.

Rainer Trutz wird verhaftet. Seine frühen Veröffentlichungen werden ihm wieder zum Verhängnis. Angeblich hat er in einer Buchkritik die Errungenschaften der Sowjetunion verunglimpft. Der Prozeß wird eindringlich dargestellt – der Delinquent muss auf einem Stuhl an der Wand sitzen bzw. liegen. Von oben kommt das Gericht, alles eingenebelt von Kunstnebel und Kunstschnee aus Papier. Verurteilt zu 5 Jahren Lagerhaft wird Rainer am Zielort beraubt, erschlagen und aus der Statistik getilgt – beim Transport verschollen!

Gudrun hört nie wieder von ihm. Nach Kriegseintritt müssen alle Deutschen Moskau verlassen. Gudrun stirbt in der Verbannung an Erschöpfung, Professor Gejm erliegt einem Herzinfarkt, die von Skorbut geschwächte Lilija stirbt nach ihrer Rückkehr.
Mit 17 muss Maykl zurück in die Heimat – also Deutschland (DDR), obwohl er in Moskau geboren wurde und in Russland aufgewachsen ist. Er studiert in Leipzig, wird verhört, da er nicht in die FDJ eintreten will.

Als Archivar in Potsdam findet er heraus, dass Großmann (Mitglied des Zentralkomitees der Partei) langjähriges Mitglied der NSDAP gewesen ist. Maykl wird verhaftet und wieder verhört – beklemmend inszeniert – er habe einem Westberliner Untersuchungsausschuss Archivunterlagen zum Fall Großmann zugespielt. Maykl kann sich dank seines guten Gedächtnisses entlasten, wird aber nach Weimar (straf)versetzt. Großmann ist unantastbar, die feindlichen ausländischen (BRD) Erkenntnisse muss man entkräften.

Nach der Wende soll Maykls neuer Vorgesetzter Brachvogel (einstmals Ministerium des Innern) die neuen Archiv-Regeln der Bundesrepublik durchsetzen. Maykl beschuldigt ihn, seine Versetzung nach Weimar betrieben zu haben – eine Zusammenarbeit ist unmöglich. Er stimmt einer Versetzung nach Wittenberge zu und übernimmt die Leitung eines unbedeutenden Archivs. Seine Frau Sandra bleibt in Weimar und lässt sich scheiden. Mit einem Menschen zusammen zu leben, der nichts vergisst sei auf Dauer unmöglich.

Mit seiner zweiten Frau Annika feiert Trutz sein Wiedersehen mit Rem nach 50 Jahren, es gibt Sauerbraten und viel Wodka Gorbatschow (nicht DER Gorbatschow). Warum Annika dazu das Alphorn blässt erschließt sich leider nicht.

Die Bühnenbearbeitung und Regie von Parizek hat eine gute Auswahl der verschiedenen Lebensstationen getroffen und eindrücklich inszeniert. Die vier Schauspieler wechseln rasant Rollen und Kostüme und können daher viele Charaktere darstellen. Mit viel Spielfreude und Intensität, unter Einsatz aller körperlichen Kräfte nehme sie die Zuschauer mit in die dramatischen Ereignisse. Das sparsame Bühnenbild unterstreicht die Darstellung – die Projektion von Offsetfolien entspricht der dargestellten Zeit.

Das Staatstheater Kassel hat mit der Premiere von „Trutz“ ein eindrucksvolles und anspruchsvolles Stück präsentiert – inhaltlich und darstellerisch überragend gelungen. Das Publikum im gut gefüllten „Kleinen Haus“ war begeistert, langer Beifall und Standing Ovations waren von Regie und Schauspielern hochverdient.

Trutz von Christoph Hein im Schauspielhaus Kassel 
Bühnenbearbeitung von Dusan David Parizek
Mit Sarah Franke, Henning Hartmann, Markus John, Ernst Stötzner
Nächster Termin 22. November