Sternbald Reiseführer Kassel erschienen – Spannend-informativer Museums- und Kulturführer für documenta-Stadt Kassel

Marburg 20.6.2017 (pm/red) Die documenta 14 macht Kassel im Jahr 2017 zu einer Kulturhauptstadt Europas und Kunstmetropole der Welt. Das war Anlass und Grund für den Sternbald Verlag einen grundständigen Reiseführer für Kassel zu planen …

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Urban Gardening in Berlin als Miniaturutopia – wo eine neue Art urbanen Lebens sich entwickeln kann

Urban Gardening Foto Nora AckermannBerlin, Marburg 02.02.2015 (red) Wir Hessen haben es nicht leicht. Längst sind wir zum verkehrsgeplagten neuen Durchgangsland geworden, schließlich liegen wird mitten in der Berliner Republik, haben zwar eine Global City (Frankfurt am Main) und müssen uns doch damit begnügen ein wenig neidvoll nach Berlin als (einziger) richtiger Großstadt zu schielen. Zugleich wird uns eine Menge Geld über den Länderfinanzausgleich entzogen (kein geringer Teil davon fließt in die Hauptstadt) und den Hessischen Kommunen droht Entzug vom eigenen Länderfinanzminister. Bei alledem kommt es – wie immer – darauf an, aus welcher Perspektive und mit welchem Interesse Mensch die Zusammenhänge betrachtet. Etwa ob man in Frankfurt am Main, und damit im Süden, oder in Gießen, damit in der südlichen Mitte, oder sich gerade im hohen Norden, in (ab nach) Kassel aufhält. Die Marburger haben es sowieso deutlich schwerer, gehören sie doch zum Regierungspräsidium in Mittelhessen, aber zur IHK Kassel-Marburg. Gut, dass wenigstens die Main-Weser-Bahn eine eindeutige Süd-Nord-Achse bildet und inzwischen zumindest gen Süden leidliche Anbindung an Metropolräume bietet.

Freilich kommte man aus Marburg auch via Kassel recht ordentlich auf der Schiene nach Berlin, wo es Urban Gardening gibt und der nachfolgende Gastbeitrag von Nora Ackermann entstanden ist:

Ein kleines Paradies hinter Maschendrahtzaun

Urban Gardening Berlin Fotos Nora AckermannAutos heizen durch Berlin-Kreuzberg, in der Ferne hört man gedämpft die Geräusche der U-Bahn, Sechzigerjahrebauten säumen den Platz von allen Seiten. Auf einem blauen Schild ist zu lesen: „U Moritzplatz“.  Durch den Maschendrahtzaun erhascht man einen Blick auf Grün. Daneben zeigen bunte Schilder ‚Prinzessinnengarten‘. Hinter dem Tor beginnt eine andere Welt. Zwischen jungen Buchen sind Leinen gespannt, bunte Gießkannen hängen daran. Es ist ein sonniger Frühlingsmittag, Blätter rauschen, in der Ferne hört man spielende Kinder. Bienen summen geschäftig, einige Besucher schlendern mit ihren Notizbüchern durch bunte Kästen voller Pflanzen, dazwischen abgestellte Fahrräder. Überall grün, überall blüht es.

Doch Helen Jancke ist alles andere als eine Prinzessin. Wer auf dem „städtischen Bauernhof“, wie sich das Projekt auf seiner Facebookseite beschreibt, mitarbeiten möchte, muss anpacken können. „Ich wollte auch meinen Betrag leisten, bevor ich studiere“, erklärt die gebürtige Berlinerin. Ihre blonden Haare sind zu einem Zopf gebunden, sie sitzt auf einem aus Brettern zusammengezimmerten Hocker, vor ihr liegen von der Sonne vergilbte Bücher, bunte Rezepte zum Nachkochen und junge Setzlinge.

Neben Helen und den etwa 20 fest angestellten Mitarbeitern helfen bis zu 1.000 Freiwillige im Jahr, die Prinzessinnengärten zu bepflanzen. Früher war an dieser Stelle nichts als Brachland, bis Robert Shaw und Marco Clausen das Gelände  mieteten und in einen mobilen Öko-Bauernhof zum Mitmachen verwandelten, größtenteils aus Schrott. An zwei festen Tagen, Donnerstag und Samstag, kann jeder zu den öffentlichen Gartenarbeitstagen kommen und mithelfen.

Private Beete gibt es nicht, alles gehört allen. Besonders attraktiv ist das für Berliner, die keinen eigenen Garten haben, aber auch Schulklassen besuchen die Beete regelmäßig. „Es kommt schon vor, dass richtige Stadtkinder kommen und fragen, ob Kartoffeln auf Bäumen wachsen“, lacht Helen. Sie ist über die Stiftung Naturschutz zum Projekt gekommen und absolviert ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr im Prinzessinnengarten. „Vorher wusste ich gar nichts davon“, erzählt sie. „Aber keine der anderen Sachen klang so vielfältig. Das macht drei Euro bitte.“ Sie reicht einen Setzling über den Tresen, ursprünglich eine alte Holzplatte.

Alles, was hier angepflanzt wird, befindet sich in Kisten oder Säcken, damit das Projekt jederzeit umziehen kann. Die Pflanzen werden so außerdem vor Schadstoffen aus dem Boden geschützt. „Aus der Luft kriegen sie auch keine ab, dazu wachsen sie nicht hoch genug. Unsere grüne Mauer schützt sie“, erklärt Pierre, einer der Köche, auf Englisch. „Leider reichen die angebauten Pflanzen nicht, um den Bedarf des Bistros zu decken. Er ist  Franzose und kocht im Café für die Besucher. „Unser Essen ist aber komplett Bio.“

Miniaturutopia – wo eine neue Art urbanen Lebens sich entwickeln kann

Neben Spenden finanzieren sich die Prinzessinnengärten durch Überschüsse aus der Gastronomie und den Verkauf von Pflanzen. Bei deren Anbau und Pflege darf jeder mitanpacken. „Natürlich macht es mehr Arbeit, wenn wir ständig Menschen einweisen müssen“, erzählt Hausgärtner Matze schulterzuckend. „Aber es geht dabei mehr um das gemeinsame Arbeiten, als darum, einen effektiven Gemüsegarten zu betreiben. Wir wollen den Leuten Themen wie Nachhaltigkeit und Bio-Diversität näher bringen.“ Profit spiele dabei keine Rolle. „Natürlich verdient man hier nicht viel. Aber das ist mir tausend Mal lieber, als irgendein Scheißjob.“ Das würde Helen sofort unterschreiben. „Es ist toll, wenn man überall mit dabei sein kann und wenn man merkt, dass auch etwas ankommt.“

Prinzessinnengaerten Fotos Nora AckermannProjekte wie der Prinzessinnengarten sind mittlerweile kein Einzelfall mehr. ‚Urban Gardening’, wie sich der Trend der Stadtbepflanzung nennt, gibt es mittlerweile in vielen Städten. Allein in Berlin gibt es fünf weitere größere Projekte. Solche grünen Plätze „wären eine Art Miniaturutopia, ein Platz, wo eine neue Art des urbanen Lebens sich entwickeln kann, wo Menschen zusammen arbeiten, sich entspannen, kommunizieren und lokal angebautes Gemüse genießen können“, heißt es auf der Webseite der Prinzessinnengärten. Es diene aber natürlich auch der Stadtverschönerung, ein bisschen Grün zwischen den grauen Hochbauten.

Gründer Robert Shaw hat leider keine Zeit zum Gespräch. „Ich schaff es leider nicht“, entschuldigt er sich. „Ich muss mir noch Mittagessen bestellen, einen Anruf machen und in 15 Minuten fängt auch schon mein nächstes Treffen an.“ Gemütlich schlendert er weiter. Wo es nicht um Profit geht, ticken die Uhren eben anders.
Text und Fotografien Nora Ackermann

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