Die Crux mit Willingshausen: Anmaßung und Zumutungen im Malerdorf

Kassel 07.06.2021 (yb) Nach monatelangen Corona-Restriktionen freuen sich sehr viele über geöffnete Häuser und Kunstangebote. So auch in Willingshausen, wo das Malerstübchen das vormalige Malerdorf repräsentiert und eine Kunsthalle aktuelle Ausstellungen ausrichtet. Mehrmals bereits mußte …

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„Ungehaltene Rede“ zur Ausstellung Martha Frieda Friedel „die Crux mit dir“ in der Kunsthalle Willingshausen – Teil I Laudatio

Kassel 30.05.2021 Als Gastbeitrag von Bernhard Balkenhol wird dessen Laudatio zur Finissage, die wegen der Corona Pandemie nicht stattfinden konnte, veröffentlicht als Teil I. Balkenhols Rückschau auf Erfahrungen und Essentials aus 15 Jahren Kuratorentätigkeit im Rahmen des „Künstlerstipendium Willingshausen“ findet sich gesondert unter gleichem Titel als Teil II veröffentlicht.

Schade, dass die Ausstellung von Martha Frieda Friedel in der Kunsthalle nun doch nicht mehr gesehen werden kann. Es war ja schließlich viel Arbeit, sie so einzurichten. Aber das war richtig und notwendig, denn, nicht zu vergessen: das Arbeitsstipendium mit einer Präsentation abzuschließen, ist eine Herausforderung, die Teil der Künstlerinnen-Förderung dieses Stipendiums ist.

„Mein Herz ist tot“ steht als Graffiti auf einer Schallschutzmauer zur Bahntrasse gepinselt. Und was sagt der Kopf dazu? „der Kopf sagt OK“, heißt es weiter, wobei das „OK“ rückwärts geschrieben ist. Wie ein Fähnchen, je nach Wind oder Perspektive also, wechselt die Antwort zwischen „KO“ und „OK“. Wenn auch vielleicht nicht so gemeint, könnte man das auch als einen Kommentar zur Corona-Pandemie und den damit zusammenhängenden, teilweise chaotisch organisierten und nicht immer nachvollziehbaren Maßnahmen verstehen. Vernunft und Einsehen sind gefordert und notwendig, aber das Leben unter solchen Bedingungen macht KO.

Raumgreifendes Wandbild in der Kunsthalle

Dieses Graffiti, das Martha Frieda Friedel auf ihrer ersten Fahrt in die Schwalm nach Willingshausen anhalten und den Fotoapparat zücken ließ, ist aber darüber hinaus eine für sie typische „Entdeckung“, denn es trifft auf ein Selbstverständnis, das ihre gesamte Arbeit durchzieht. Sie interessiert sich explizit für etwas, das wie selbstverständlich erscheint, darin aber doppeldeutig wird, indem es sich in Sinn, Wirkung und Bedeutung verdrehen lässt, mehrdeutig und widersprüchlich wird und damit von der Norm abweicht.

„Die Crux mit dir“, so nennt Martha Frieda Friedel ihre Ausstellung, das könnte auch der Corona-Virus gesagt haben. Er kommt unsichtbar und flächendeckend daher – hier denke ich an die letzte Stipendium Ausstellung hier, von Selina Schwank, die dieses Phänomen eindrucksvoll bearbeitet hat – um sich zu verbreiten und die Menschen anzugreifen. Aber die Crux des Virus ist, dass wir testen und uns wehren können, und das auch tun.

Obwohl dann vieles nicht möglich ist. Martha Frieda Friedel wollte eigentlich vielen Menschen in Willingshausen und Umgebung begegnen. Wie fast alle StipendiatInnen wollte sie vor Ort arbeiten. Ausgewählte Personen in Willingshausen, ihr Leben und Sein auf dem Land wollte sie zu ihrem Gegenstand machen, wollte mit ihnen ins Gespräch kommen und hatte gehofft, vor ihrer Kamera eine Situation schaffen zu können, die dieser Begegnung künstlerisch ein Gesicht gibt. Die Kontaktsperre hat diesen Plan zunichte gemacht.

Eigentlich wollte sie dann diese Situation problematisieren, indem sie der blauen Wand mit dem in eine neutrale Typografie verwandelten Satz: „Mein Herz ist tot, der Kopf sagt OK/KO“, geschrieben wie ein Parteitagsmotto, nur ein einziges raumhohes Foto gegenüberstellt, das Bild von den Schwälmer Würsten, die wie an einem Schellenbaum dem imaginären Blasorchester vorangehen. Aber dann war doch noch mehr möglich.

Noch einmal zurück zu dem Titel der Ausstellung: „Die Crux mit dir“ spielt nicht nur auf die Einsamkeit an, wie sie Martha im Hirtenhaus während der Corona-Zeit gefühlt hat, sie hat sich auch gefragt, ob eine solche Arbeitszeit ohne entsprechende Arbeitsbedingungen als Arbeitsstipendium für sie überhaupt Sinn macht. Sie konnte nicht so einfach sagen: Egal, jetzt bin ich hier und mache was draus. Das ist ihre Crux, so ist sie nicht.

Darüber hinaus aber, „Die Crux mit dir“ ist auch programmatisch In Bezug auf ihr künstlerisches Interesse und Selbstverständnis hin zu verstehen. Denn: Wen meint sie „mit dir“, den fotografischen Gegenstand, die Person, ein Haus oder eine Landschaft, fotografische Gegenstände, die auf den zweiten Blick nicht mehr eindeutig sind, Unsicherheit, Zweifel aufkommen lassen und mit sich selbst in Widersprüche geraten? Konkret hier in der Ausstellung: wie lange hält sich der Witz, die Fassade eines Hauses als Gesicht zu gestalten? Länger als die unfreiwillig lustige Plakatierung günstigen Fleisches?

Der „Crux“ auf dieser, der Objekt-Seite, steht die „Crux“ auf ihrer Seite gegenüber: So sehr sie eine Absicht hat, eine Vorstellung, ihre Bilder stellen sich erst in der konkreten Situation her. Sie kann dieser Entstehung auch nur zusehen und dann mit dem Auslöser der Kamera reagieren. Und wieder sieht sie sich dann in einer Diskrepanz zu dem, was sie vorher gewollt und gehofft hat, diesmal zu dem, was auf dem entstandenen Bild zu sehen ist. Das muss sie akzeptieren. Die Kamera und das so entstandene Bild hat also auch eine „Crux mit ihr“.

Und trotzdem, das war sehr deutlich hier in der Ausstellung zu sehen, Martha Frieda Friedel stellt letztendlich immer ein sehr entschiedenes Bild her. Es ist keine Lösung. Das Kreuz ist nicht weg, sondern an der richtigen Stelle gemacht, da wo die erwartbare Norm gebrochen wird und alles offen ist.

So ist der Bürgermeister von Willingshausen auf ihrem Bild in der Ausstellung kein Bürgermeister, sondern Heinrich Vesper, der sich selbst und seine Person als ein Gegenüber sucht. Das findet er nicht in einer Pose, die akzeptiert Martha Frieda Friedel auch nicht, sondern er äußert mit seiner Körpersprache mindestens genauso viel zweifelndes Interesse und Mitmachen wie es die Künstlerin beim Hinsehen und Fotografieren hat. Das Bild entsteht also genau im Schnittpunkt dieser Begegnung. Damit müssen beide umgehen (können). Das ist die eigentliche „Crux“. Und das gibt dem Bild eine unbestreitbare Autonomie und die ungeheuerliche Kraft, über seine Wirkung eigene Emotionen, Assoziationen und Bedeutungen zu provozieren. Und erst auf diese Ebene gehoben, entwickeln das Bild die Fähigkeit, metaphorische Bedeutung zu gewinnen. Das kann man auch gut beobachten bei dem kleinen Video, dass sie als Loop von den jungen Ringkämpfern gemacht hat, die sie aus der Turnhalle auf die Wiese gebeten hat.

Dieses komplexe Gefüge fordert sie auf, fotografisch sehr präzise zu sein. Dahinter, das ist nicht selbstverständlich, steht eine unerbittlich kritische, sehr genaue handwerkliche Arbeit, bezogen sowohl auf die Kamera als auch auf die Bildbearbeitung, bis hin zur Präsentation. So sind die blaue und die orangene Wand nicht einfach eingefärbt wie für die vorangegangene Ausstellung von Ben Kamili, sie sind mit dem, was auf ihnen ist, selbst zu einem Bild. Es ist das erste Mal, ein Versuch also, dass sie die Wandflächen hinter einzelnen Bildern nicht, wie bisher in ihren Ausstellungen, mit einem weiteren Foto tapeziert, sondern auf die Kraft der Farbe setzt.

Crux ist übrigens auch ein Sternenbild: das „Kreuz des Südens“. Es ist eines der kleinsten, jedoch sehr auffällig – wie Willingshausen eben. Martha Frieda Friedel hat es dort am Himmel gesucht, weil es hier auf dem Land weniger Lichtverschmutzung gibt als in der Stadt. BesucherInnen hätten mitsuchen können auf dem Ausdruck des Willingshäuser Nachthimmels, das dem Fenster zugewandt ist.

Martha Frieda Friedel, geboren 1989 in Borna bei Leipzig, studierte 2011 – 2018 Fotografie und Kunst an der Kunsthochschule Kassel bei Bernhard Prinz und Florian Slotawa. 2015 hat sie einen Studienaufenthalt in Valencia, Spanien, verbracht. Seit 2012 nimmt sie an Ausstellungen teil, u.a. in Berlin, Kassel, Leipzig, Dresden, Hamburg, Montpellier und Valencia. Sie erhielt Preise und Stipendien, und hat ihre Arbeiten bereits als Bücher herausgebracht, 2015 „Jamon Iberico“, 2019 „PORTRAITS“ und „éclat – Die Ernennung des Schönen“. Ihre jüngste Ausstellung war gerade im Museum of Contemporary Art Zagreb, in Kroatien, zu sehen.
Seit kurzem weiß sie, dass sie den diesjährigen Kulturpreis der Stadt Kassel bekommen hat, zu dessen Verleihung sie gerade eine Ausstellung im Kasseler Kunstverein erarbeitet. Herzlichen Glückwusch!

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