08.04.2026 (pm/red) Auf der Fachtagung „Re-Move Kids“ in Marburg haben über 150 Teilnehmende aus Medizin, Wissenschaft und humanitärer Praxis eindringlich auf die dramatische Versorgungslage schwer verletzter Kinder in Gaza hingewiesen und konkrete Maßnahmen eingefordert, sofortige Evakuierung verletzter Kinder aus Gaza – auch nach Deutschland.
Zentrale Erkenntnis der Tagung
Die unzureichende medizinische Versorgung ist nicht allein Folge zerstörter Infrastruktur, sondern auch Ergebnis politischer Blockaden. Viele Kinder benötigen dringend Behandlungen, die vor Ort nicht mehr möglich sind. Gleichzeitig stehen entsprechende medizinische Kapazitäten außerhalb der Region zur Verfügung – der Zugang dorthin bleibt jedoch häufig verwehrt.Der in Gaza tätige Gefäßchirurg Dr. Ahmad Abu Nada beschreibt die Folgen:
„Patienten warten auf Evakuierungsmöglichkeiten – und sterben in dieser Zeit.“
Auch internationale Perspektiven bestätigen diese Einschätzung. Mays Medleg von Physicians for Human Rights Israel berichtete von einem fünf Monate alten Baby, dessen behandelbare Erkrankung nicht therapiert werden konnte, obwohl geeignete medizinische Einrichtungen in unmittelbarer Nähe verfügbar gewesen wären: „She could have been saved. Her treatment was available. But the restrictions that were imposed denied her that life-saving treatment.“
Kritik an Blockaden – vor Ort und in Deutschland
Die Tagung machte deutlich, dass die Blockade auf zwei Ebenen wirkt: Einerseits wird die Ausreise verletzter Kinder aus Gaza durch Restriktionen vor Ort verhindert. Andererseits werden vorhandene Behandlungskapazitäten sowie die Aufnahmebereitschaft von Kommunen politisch nicht genutzt.
Die Situation in Deutschland wurde dabei besonders kritisch bewertet. Zahlreiche Kliniken haben ihre Bereitschaft zur Aufnahme signalisiert – vielfach pro bono, teilweise kostenfrei. Auch Transport, Betreuung und psychosoziale Unterstützung könnten durch zivilgesellschaftliche Akteur*innen organisiert werden. Finanzielle Gründe stehen einer Aufnahme somit nicht entgegen.
Dennoch scheitern Evakuierungen derzeit an politischen Vorgaben, etwa daran, dass erwachsene Begleitpersonen nicht vorgesehen sind. Die Ärztin Dr. Nacera Belala stellte hierzu fest:
„Wer würde sein schwer verletztes, traumatisiertes Kind ohne Begleitung in ein fremdes Land schicken?“
Medizin und Kommunen bereit – politische Umsetzung fehlt
Von mehr als 15 deutschen Städten wurde die Bereitschaft zur Aufnahme und Behandlung deutlich signalisiert. Der Marburger Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies betonte: „Wir haben Platz. Wir haben die notwendige Expertise und vor allen Dingen, wir sind bereit, Verantwortung zu übernehmen.“
Der Dekan des Fachbereichs Medizin, Prof. Dr. Michael Hertl, erklärte: „Seid bitte ungeduldig mit uns! Wir wollen nicht nur schöne Worte, wir möchten etwas tun.“
Aladin Atalla, Sprecher des Freundeskreises der palästinensischen Familien, forderte ein klares Signal an die Bundesregierung zur „Wahrung des Völkerrechts“.
Klare Forderung der Tagung
Die Abschlusserklärung der Tagung kommt zu einem eindeutigen Ergebnis:
Es fehlt nicht an medizinischen Möglichkeiten, nicht an Expertise und nicht an Finanzierung – sondern an politischem Handeln.
Die Teilnehmenden fordern die Bundesregierung auf, medizinische Evakuierungen schwer verletzter Kinder unverzüglich zu ermöglichen. Dazu gehören insbesondere:
- die notwendigen Einreiseverfahren,
- die verbindliche Mitreise von Angehörigen,
- sowie die Nutzung vorhandener Behandlungskapazitäten in deutschen Kliniken.
Wenn lebensrettende Behandlung möglich ist, aber durch politische Entscheidungen nicht erfolgt, handelt es sich nicht um ein logistisches Problem, sondern um eine Form der unterlassenen Hilfeleistung.
Jedes weitere Zögern verschlechtert die Situation der betroffenen Kinder – und kostet Leben.
