
22.06.2026 (pm/red) Die Finanzkrise der deutschen Landkreise, Städte und Gemeinden erreicht einen historischen Höhepunkt. Vor dem bundesweiten Aktionstag „Kommunen am Limit“ am kommenden Montag, 22. Juni 2026, verdeutlichen Landrat Jens Womelsdorf sowie Dr. Jens Ried, Bürgermeister der Gemeinde Cölbe und Sprecher der Bürgermeister im Landkreis Marburg-Biedenkopf, und Claudia Schnabel, Bürgermeisterin der Gemeinde Fronhausen, die dramatischen Auswirkungen der strukturellen Unterfinanzierung auf der kommunalen Ebene: Ohne eine sofortige Kehrtwende von Bund und Land drohe der kommunalen Selbstverwaltung der finanzielle Kollaps. Ein historisches Defizit von bundesweit über 30 Milliarden Euro im kommunalen Raum spreche eine eindeutige Sprache, wird mitgeteilt.
„Landkreise sowie Städte und Gemeinden stecken in einer Finanzkrise, haben sie aber nicht selbst verursacht. Sie haben immer mehr gesetzliche Pflichtaufgaben, die auch immer teurer werden. Das Problem: Bund und Länder legen die Aufgaben fest, sorgen aber nicht dauerhaft für ausreichende Finanzierung. Das Ergebnis: Das allermeiste Geld, das die Kommunen zur Verfügung haben, müssen sie für diese Pflichtaufgaben ausgeben. Für die so genannten freiwilligen Aufgaben, aber auch den laufenden Verwaltungsbetrieb ist immer weniger Geld da“, fasst der Landrat die Lage zusammen.
Wenn Kommunen sparen müssen, fehlen Leistungen im Alltag: weniger Busse, geschlossene Schwimmbäder, weniger Jugendangebote, reduzierte Sportangebote, längere Wartezeiten für die Bürgerinnen und Bürger in den Verwaltungen, schlechter gepflegte Parks, kaputte Straßen, weniger Kultur oder weniger Unterstützung vor Ort.
„Der Landkreis Marburg-Biedenkopf konnte von 2012 bis 2022 seine Haushalte ausgleichen. Die Haushaltslage hat sich mit Beginn des Jahres 2024 schlagartig und erheblich verschlechtert“, erläutert der Landrat. Im Rechnungsergebnis 2022 habe der Kreis noch einen Überschuss von 3,5 Millionen Euro verzeichnen können. Das Jahr 2023 sei aber bereits mit einem Defizit von 1,1 Millionen Euro abgeschlossen worden. „Im Jahr 2024 vollzog sich ein erheblicher Anstieg der Ausgaben mit der Folge, dass für 2024 ein Defizit von 20,7 Millionen Euro und für 2025 von 23,4 Millionen Euro eintrat.“, rechnet der Landrat und Kämmerer vor.
Ursache für den sprunghaften Anstieg der Defizite ist nach einer Untersuchung des Landkreises für die Jahre 2021 bis 2025 ein überproportionaler Anstieg der Ausgaben:
Im Vergleich der Jahre 2021 und 2025 ist festzustellen, dass sich die Ausgaben um 55 Millionen Euro erhöht haben während sich die allgemeinen Deckungsmittel des Kreises, vor allem aus der Kreisumlage und den Schlüsselzuweisungen des Landes nach Abzug der zu zahlenden Umlagen (etwa an den Landes-Wohlfahrtsverband) im gleichen Zeitraum nur um 27 Millionen Euro erhöhten. Überproportionale Ausgabesteigerungen sind vor allem in der sozialen Sicherung, der Jugendhilfe, der Schulträgerschaft inklusive der Grundschul-Betreuung und dem ÖPNV zu verzeichnen.
Der Landkreis Marburg-Biedenkopf ist mit dieser Entwicklung nicht allein konfrontiert. Im Jahr 2026 konnte nur der Landkreis Limburg-Weilburg einen gerade noch ausgeglichenen Haushalt vorlegen. Alle übrigen 20 hessischen Landkreise verzeichnen hochdefizitäre Haushalte, deren Fehlbeträge sich auf knapp 429 Millionen Euro summieren. Die drastische Schieflage in der Finanzierung der Kreisaufgaben hat mit voller Wucht im Jahr 2024 eingesetzt.
