Mythos „arbeitsunwillige Arbeitslose“ dient als Legitimation für Sozialkürzungen

Gräben ausbaggern, Leerrohre für Kabel schneller Invernetverbingung  für schnelle Internetverbindungen, viele Arbeitskräfte braucht es nicht dazu. Sternbald-Archiv-Foto.

25.02.2026 (wm/red) Die Erzählung vom arbeitsunwilligen Arbeitslosen sei empirisch nicht haltbar, erfülle aber eine politische Funktion, indem sie restriktive Reformen legitimiert. Zudem sollen strukturelle Arbeitsmarktprobleme individualisiert werden und einer verstärkten Stigmatisierung werde Raum verschafft. Das zeigt eine Analyse von Institut für Arbeit.

„Die empirischen Befunde zeichnen ein deutlich differenzierteres Bild als die öffentliche Debatte“, hebt Dr. René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw) der Uni Bremen hervor.

  • Von rund 5,7 Millionen Bürgergeldbeziehern im Dezember 2024 waren 1,7 Millionen nicht erwerbsfähig, vor allem Kinder und Jugendliche.
  • Rund 825.000 Personen gingen einer Erwerbstätigkeit nach und bezogen ergänzende Leistungen.
  • Von den 3,1 Millionen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten galten lediglich etwa 1,8 Millionen offiziell als arbeitslos.
  • Der Anteil sogenannter Totalverweigerer lag nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit bei 0,4 Prozent.

Lediglich 1,8 Millionen gelten offiziell als arbeitslos

Zugleich weisen große Teile der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten nach Darstellung der Forscher strukturelle Vermittlungshemmnisse auf. 44 Prozent sind von mindestens einem statistisch erfassten Hemmnis betroffen, weitere 44 Prozent von mehreren gleichzeitig. Hierzu zählten Langzeitarbeitslosigkeit, fehlende Berufsabschlüsse, gesundheitliche Einschränkungen, höheres Alter oder familiäre Sorgeverpflichtungen. Qualitative Studien zeigen zudem, dass sich Mehrfachbelastungen im Alltag überlagern und die Arbeitsmarktintegration erschweren.

 Politisch-ideologische Deutungsfigur „arbeitsunwillige Arbeitslose“

Vor diesem Hintergrund interpretieren die Autoren den „arbeitsunwilligen Arbeitslosen“ als politisch wirksame Deutungsfigur. „Der Mythos individualisiert soziale Risiken, verdeckt strukturelle Ursachen von Erwerbslosigkeit und stabilisiert ein Sozialstaatsverständnis, das stärker auf Aktivierung und Sanktionierung als auf Absicherung und Unterstützung setzt“, erläutert Dr. René Böhme vom Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw) der Uni Bremen.
Fixierung auf Arbeitsunwilligkeit verstellt Blick auf Reformbedarf

Reformbedarf bei Qualifizierung, Armutsbekämpfung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Nach Einschätzung der Forscher verstellt die Fixierung auf vermeintliche Arbeitsunwilligkeit den Blick auf strukturelle Reformbedarfe, etwa bei Qualifizierung, Armutsbekämpfung oder Vereinbarkeit von Familie und Beruf. „Statt Problemlagen differenziert zu adressieren, dominiere eine moralisch aufgeladene Verkürzung“, so Professorin Irene Dingeldey.

Die Studie plädiert daher für eine empirisch fundierte und sachliche Debatte über Erwerbslosigkeit. Böhme: „Sozialstaatliche Unterstützung solle nicht als Instrument des Misstrauens verstanden werden, sondern als Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität und gemeinsamer Verantwortung.“