Verlängerung für Marburger Graduiertenkolleg zur Sprachforschung bis 2031 durch DFG

01.06.2026 (pm/red) Das Graduiertenkolleg „Dynamik und Stabilität sprachlicher Repräsentationen“ startet in die zweite Förderphase – und stärkt die internationale Sichtbarkeit der Marburger Sprachwissenschaft sowie die strukturierte Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses.

Mit der Bewilligung der zweiten Förderphase des Graduiertenkollegs (GRK) 2700 „Dynamik und Stabilität sprachlicher Repräsentationen“ durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) setze die Philipps-Universität einen wichtigen Erfolg in der Sprachforschung und Nachwuchsförderung fort, wird mitgeteilt.  Der interdisziplinäre Forschungsverbund könne seine Arbeit bis 2031 weiterführen und baut damit seine internationale Sichtbarkeit ebenso aus wie seine Rolle als exzellenter Qualifizierungsort für Promovierende. Für die zweite Förderphase stellt die DFG Fördermittel in Höhe von über 3 Millionen Euro bereit. In der ersten Förderperiode waren das bereits rund vier Millionen Euro.

Im Fokus: Stabilität und Dynamik unserer Sprache

Im Zentrum des Graduiertenkollegs steht die Frage, wie sprachliche Repräsentationen entstehen, verarbeitet, stabilisiert und verändert werden. „Sprache benötigt stabile Kategorien, damit Kommunikation gelingt – zugleich verändert sie sich kontinuierlich durch soziale Kontexte, individuelle Erfahrungen und gesellschaftlichen Wandel“, erklärt der Sprachwissenschaftler Prof. Dr. Mathias Scharinger, der das GRK gemeinsam mit der klinischen Linguistin Prof. Dr. Christina Kauschke leitet. Das Kolleg untersucht dieses Spannungsverhältnis zwischen Stabilität und Dynamik interdisziplinär an der Schnittstelle von Linguistik, Neurowissenschaften, Psychologie, Kognitionswissenschaft und Philosophie. Ziel ist es, besser zu verstehen, wie sprachliche Informationen im Gehirn repräsentiert werden, wie sprachliche Variation und Sprachwandel entstehen und wie sich Sprachkompetenzen im Erst-, Zweit- und Fremdspracherwerb entwickeln.

„Die Verlängerung des Graduiertenkollegs ist ein starkes Signal für die Forschungsstärke der Universität Marburg und die Qualität unserer strukturierten Nachwuchsförderung“, sagt Forschungsvizepräsident Gert Bange. „Das Kolleg verbindet disziplinübergreifende Spitzenforschung mit exzellenter Qualifizierung und schafft ein Umfeld, in dem junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eigenständige Forschungsprofile entwickeln können. Zugleich zeigt die Entscheidung der DFG, dass Marburg international sichtbare Beiträge zu zentralen Fragen der Sprach- und Kognitionsforschung leistet.“

Sprache braucht Kontext

In der ersten Förderphase hat das Graduiertenkolleg wesentliche wissenschaftliche Grundlagen geschaffen. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entwickelten einen gemeinsamen theoretischen Rahmen für sprachliche Repräsentationen und erarbeiteten eine mehrdimensionale Repräsentationsmatrix, mit der sich sprachliche Prozesse entlang kognitiver, sozialer und pragmatischer Dimensionen systematisch beschreiben lassen.

Empirische Studien der Promovierenden zeigten, dass Sprachverarbeitung eng mit Kontextinformationen verknüpft ist – etwa mit Stimme, Geschlecht, Dialekt oder regionaler Herkunft von Sprecherinnen und Sprechern. Methodisch wurden z. B. neuro- und psycholinguistische Verfahren wie EEG und Eyetracking eingesetzt, und Korpusstudien durchgeführt. Hinzu kamen zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, internationale Kooperationen, Gastaufenthalte sowie hochkarätige Workshops und Veranstaltungen. Dr. Toke Hoffmeister, der in der ersten Förderphase als Postdoc beteiligt war, soll in Anerkennung seiner Leistungen für die zweite Förderphase des GRKs eine zentral finanzierte Forschungsgastprofessur bekleiden.

Von der Forschung in die Praxis

Die zweite Förderphase baut auf den bisherigen Ergebnissen auf und entwickelt das Forschungsprogramm gezielt weiter. Geplant ist insbesondere die stärkere Untersuchung multimodaler und kontextabhängiger Sprachverarbeitung – etwa im Zusammenspiel sprachlicher, visueller und sozialer Informationen. Neue Projekte widmen sich z. B. der Rolle von Geschlecht und Dialekt in der Sprachverarbeitung, figurativer Sprache, dem Fremdsprachenlernen sowie morphosyntaktischem Sprachwandel. Darüber hinaus werden anwendungsorientierte Perspektiven ausgebaut, etwa in den Bereichen Sprachförderung, Sprachtherapie und Deutsch als Zweitsprache. Die entwickelte Repräsentationsmatrix soll weiter empirisch operationalisiert und als integratives Analysemodell etabliert werden.

Strukturierte Förderung und Qualifizierungskonzept

Graduiertenkollegs der DFG dienen der strukturierten Förderung von Promovierenden in thematisch fokussierten Forschungsumgebungen. Sie verbinden eigenständige Forschungsprojekte mit einem gemeinsamen wissenschaftlichen Programm sowie einem umfassenden Qualifizierungskonzept. Das Marburger Graduiertenkolleg bietet Promovierenden ein interdisziplinäres Studien- und Workshopprogramm mit Angeboten zu Forschungsmethoden, Statistik, Forschungsdatenmanagement, wissenschaftlichem Schreiben, Karriereentwicklung und Wissenschaftskommunikation.

Es ist eng mit dem Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas, dem Institut für Germanistische Sprachwissenschaft und dem Center for Mind, Brain & Behavior verbunden und setzt auf internationale Kooperationen, intensive Betreuung und frühe wissenschaftliche Eigenständigkeit.