Biografie des Künstlers Gerhardt von Reutern aus 1894 wurde neu ediert

12.07.2026 (yb) In 1994 wurde in Willingshausen anläßlich des 200. Geburtstages von Gerhardt von Reutern eine Ausstellung mit 66 Exponaten gzeigt. Neben acht Ölgemälden wurden überwiegend grafische Werke, Zeichnungen, Radierungen und Drucke präsentiert. Im Katalog zur Ausstellung (Willingshäuser Hefte 4) wurde dabei konstatiert: „Die durch die beiden Weltkriege und durch die totalitären Ideologien in Rußland und Deutschland verschütteten Traditionslinien zwischen Ost- und Westeuropa können gerade am Beispiel Gerhardt von Reuterns wieder ausgegraben und neu belebt werden.“

Bernhard Lauer als an der damaligen Ausstellung maßgeblich Beteiligter hat jetzt die überlieferte Biografie von Gerhardt von Reutern (Petersburger Ausgabe von 1894) mit einer ausführlichen Einführung und kritischen Kommentaren erläutert neu herausgegeben. Das 320 Seiten umfassende profunde Werk ist erschienen im Rahmen der Schriften der Brüder Grimm Gesellschaft Neue Folge, Band 27 mit dem Titel „Gerhardt von Reutern Ein Lebensbild“.

Für die Lektüre bietet die ausführliche Einführung durch Herausgeber Lauer Einstieg und Übersicht. Darin wird ein Überblick gegeben zum Schrifttum über von Reutern, der Lebensweg skizziert sowie die bisherige Rezeption eingeordnet. In vier Abschnitte gegliedert folgt der Hauptteil des Buches mit 214 Seiten, in dem die wichtigen Lebensabschnitte und Wirkungsorte vorgestellt werden:

  • Jugend Militärische Laufbahn
  • Heirat Livland Reisen Willingshausen
  • Düsseldorf
  • Frankfurt am Main

Daran schließen an Farbtafeln auf 55 Seiten. Im Anhang werden Stammtafeln zur Familie v. Reutern, Stammtafeln zur Familie v. Schwertzell, Stammtafeln zur russischen Zarenfamilie präsentiert. Eine gegliederte Bibliographie mit 27 Seiten Umfang folgt, danach Personenregister, Ortsregister, Bildnachweis.

Wer das übersichtlich gestaltete Werk zur Hand nimmt, erhält viele signifikante Hinweise für ein grundständiges (und durchaus abschließendes) Werk, welches wissenschaftlichen Maßstäben folgt. So gibt es keine Textseite ohne Fußnoten, erfreulicher Weise auf den Textseiten unten angeordnet und damit lesbar ohne strapaziöses Blättern in einem nachlaufenden Fußnotenanhang. Die Anzahl von 709 Fußnoten im Hauptteil (nach deren 100 in der Einführung) veranschaulicht bereits, dass der Herausgeber umfangreich und akribisch vorliegende Quellen einbezogen, diskutiert und eingeordnet hat.

Die kompakte Präsentation von Farbtafeln als eigenständiger Buchabschnitt hat nicht dazu geführt, dass der längere Textteil ohne Illustrationen geblieben ist. So finden sich mitlaufend zahlreiche Illustrationen in schwarz-weiss einbezogen. Das ist nicht alleine zugunsten der Lesbarkeit und Anschaulichkeit ein Merkmal. Die Vielzahl der Orte und Reisen von Gerhardt von Reutern schlagen sich in recht zahlreichen Bildnissen, meist Zeichnungen, nieder. Sie finden sich laufend platziert und erläutert.

Doppelseite aus Abschnitt Farbtafeln in dem Buch.

Wer das Buch aus der Perspektive von Willingshausen liest, wird viel Bekanntes bestätigt finden. Dazu liegen nun einmal bereits zahlreiche Veröffentlichungen, zum Teil als Aufsätze, vor. Ein erneutes Mal wird dargelegt, dass (erst) im Jahr 1825 es zum ersten gemeinsamen Arbeitsaufenthalt von Ludwig Emil Grimm in Willingshausen gekommen ist. Das war bereits 1994 in dem Ausstellungskatalog unzweideutig nachzulesen. Insofern mag die Lektüre des Buches, insbesondere die Einführung und der Abschnitt über Willingshausen dazu beitragen, dass man vor Ort (und in der Lokalpresse) endlich Forschungsergebnisse zur Kenntnis nimmt. Es behauptete am 09.03.2024 die Schwälmer Allgemeine der HNA unzutreffend :  „Die Maler Ludwig Emil Grimm und Gerhardt von Reutern trafen sich erstmalig 1824 in Willingshausen. Sie prägten die Künstlerkolonie in der Schwalm, die in diesem Jahr 200. Geburtstag feiert.“ Es wird der Bekanntheit von Willingshausen als Malerdorf wohl nicht abträglich sein, wenn das Jahr 1824 gestrichen wird, 1825 liegt inzwischen ebenso mehr als 200 Jahre zurück.

Nach mehr als einem Jahrzehnt ist mit der überarbeiteten von-Reutern-Biografie erstmals wieder ein profundes Werk zur einschlägigen Historie von Willingshausen erschienen. Dabei kann und will das Werk keine kunsthistorische Würdigung des Zeichners und Malers Gerhardt von Reutern leisten. Nach wie vor sind die meisten seiner Werke in St. Petersburg in Russland zu finden. Ein Forschungszugang besteht derzeit nicht. Damit bleibt es zukünftigen Kunsthistorikern überlassen eine Gesamtwürdigung des Künstlers Gerhardt von Reutern zu leisten. Zu dem „Lebensbild“, wie es Bernhard Lauer nunmehr vorlegt, dürfte dann nur noch wenig nachzutragen sein.

Gerhardt von Reutern Ein Lebensbild
Herausgeber Bernhard Lauer
16,5 x 24 cm, 320 Seiten, geb. mit Fadenheftung in Schutzumschlag
ISBN 978-3-940614-54-4, geb.Ladenpreis 49,80 Euro