
05.06.2026 (yb) Zum Wochenende der 298. Salatkirmes in Ziegenhain ist im Museum der Schwalm eine Sonderausstellung zur Schwälmer Weißstickerei eröffnet worden. „Unter dem Titel „Immaterielles Kulturerbe – Schwälmer Weißstickerei“ rückt das Haus jene textile Kunstfertigkeit in den Fokus, die seit 2023 offiziell zum Immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört“, findet sich auf der Webseite des Museums und Schwälmer Heimatbundes mitgeteilt.
Schwälmer Weißstickerei als überlieferte Volkskunst

Die Weißstickerei in der Schwalm lässt sich über Jahrhunderte zurück belegen und hatte einen feste Verankerung im Rahmen der vielseitigen Arbeiten der Frauen. Einschlägige Zeugnisse als große Tischdecken und andere gestaltete Hauswäsche aus Leinenstoffen zeigt das Museum als ständige Präsentation in der gleichen Etage. Oftmals hinter Glas geschützt finden sich wertvolle historische Werke und Zeugnisse mit den seit Generationen überlieferten filigran gesticken Ornamenten wie Herz und Tulpe.
Damit ist die aktuelle Sonderausstellung mit historischen Werkstücken im Hintergrund und Nebenraum gut arrondiert und kommt daher als Präsentation aktueller Stickereiarbeiten von vielen Stickerinnen unserer Tage. Rundum im großen Ausstellungssaal des Museums sind zahlreiche Tischdecken, kleine Tischläufer, Kissenbezüge und viele weitere dekorative Zeugnisse fleissiger-filigraner Nadelführung zur Fadenkunst an den Wänden gehängt.
Besonders und zur eigentlichen Geltung kommen beispielsweise Tischdecken, wenn sie auf Truhen und anderen Möbelstücken im Schwälmer Stil und Herkommen horizontal und gänzlich ohne Faltentwurf präsentiert werden. Sie repräsentieren damit zugleich den vormals verbreiteten Anbau der Flachspflanzen. In mehreren Verarbeitungsschritten nach der Ernte mit Hechel und derem Gerät wurde zunächst der Rohstoff über Spinnräder zum Faden, ehe starke Rücken und Hände von ausdauernden (männlichen) Leinewebern in langen Winterzeiten das Leinen als stofflich-textiles Rohmaterial händisch gewebt haben.
Die sich in Beziehung zur Kleidung und Bettwäsche entwickelnde Weißstickerei hat dem eher rauen Leinenstoff dann eine eigenständige bäuerlich-rustikale und schmückende Bearbeitung und Veredelung zuteil werden lassen. Wer mit offenen Augen durch das Museum geht, kann in der unteren Etage viele Stationen dieser Verarbeitung und Veredelung mit Spindel, Haspel, Webstuhl und weiteren Gerätschaften dokumentiert finden.
„Die Schwälmer Stickerei ist ein lebendiges Zeugnis unserer Geschichte. Dass diese Tradition nun unter dem Schutz der UNESCO steht, ist eine enorme Wertschätzung für die Menschen hier, die dieses Wissen bewahren“, so Wilfried Ranft, Leiter des Museums der Schwalm.
Dass Schwälmer Weißstickerei mehr ist als nur Handarbeit, hat in ihrer Einführung zur Ausstellung Elisabeth Stübing erläutert. Dabei benannte sie Alexandra Thielmann mit ihrer Werkstatt in Willingshausen als herausragende Person zur Bewahrung und Weitergabe des Wissens und der anspruchsvollen Fertigkeiten. In Ziegenhain wurde später Thekla Gombert als ausgebildetete Stickermeisterin beruflich dafür tätig und legte auch Druckwerke zur Vermittlung vor.

Nach dem Tod von Elisabeth Grein, Willingshausen, kommt den weiteren Kursangeboten von Frau Stübing eine gewichtige Aufgabe zur lebendigen Vermittlung an stickende Frauen zu. Freilich sind dazu in den letzten Jahrzehnten auch zahlreiche Druckschriften entstanden, die ebenfalls zur Popularisierung und Vermittlung beitragen. Eine der Autorinnen ist seit langem Elisabeth Stübing, die sich bei den zahlreichen Frauen für die ausgestellten meist weißen Werke bedankte.
Die Aufnahme in das bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes will nicht nur das ästhetische Ergebnis würdigen, sondern vor allem das lebendige Wissen und die Weitergabe der Techniken anregen. Nach der Initiative dem jahrelangen Einsatz von Luzine Happel aus Eschwege für die besondere UNESCO-Würdigung ist das Museum der Schwalm institutioneller Träger geworden und stellt sich damit vielen zu leistenden Aufgaben für eine lebendige Zukunft der Schwälmer Weißstickerei.
Zwei Ausstellungsbesuchern fiel auf, dass den vielen ausgestellten Werkstücken eine Beschriftung fehlt, auf den vor allem auch die Namen der Stickfrauen benannt und zugeordnet werden. Nicht alleine die ungezählten Arbeitstunden der Urheberinnen machen es wert die Exponate aus solcher Anonymität herauszuholen.
Im Eingangesfoyer des Museums und im Online-Webshop werden zahlreiche Schriften, Bücher und Stickanleitungen vorgehalten und angeboten. Doch zunächst einmal besteht Gelegenheit zum Betrachten dieser weiteren Sonderausstellung zur Schwälmer Weißstickerei.
Vom 5. Juni bis 19. Juli kann die Austellung Dienstag bis Sonntag und Feiertags von 14 – 17 Uhr besucht werden.
