Hausärztemangel beseitigen: Nicht-ärztliches Personal soll mehr Aufgaben übernehmen

03.02.2026 (pm/red) Hausärztliche Versorgung in Deutschland steht unter Druck, wird zunächst zutreffend mitgeteilt. Bis 2030 würden voraussichtlich 8.200 in Vollzeit tätige Hausärzte fehlen, heißt es weiter, womit eine enorme Lücke in der medizinischen Versorgung in Deutschland droht. Grund genug für die Bertelsmann-Stiftung mit einer Studie aufzuwarten, die einen geradezu wundersamen Lückenschluss in Aussicht stellt. Es ist nicht KI und nicht Telemedizin, auch die elektronische Gesundheitsakte muss nicht dafür herhalten.  Die drohende  Lücke ließe sich schließen, „indem speziell qualifizierte Gesundheitsfachkräfte in größerem Umfang bestimmte ärztliche Aufgaben übernehmen“ wird als Lösung präsentiert.

Während also die medizinische Versorgung der Bevölkerung, ob ambulant oder stationär, immer mehr unter Druck gerät, lässt man eine Studie veröffentlichen, die herausfindet, dass es die Mitarbeiterinnen in den Hausarztpraxen es richten sollen. Geradeso als ob diese nicht längst den Großteil des Praxismanagements leisten, Rezepte und Überweisungen ausstellen und selbst unterschreiben, Blutentnahmen leisten und den Großteil der anfallenden Arbeiten stemmen.

Hausärzteschaft könnte zwei Drittel des Zeitvolumens einsparen

 „Indem Hausärzte bestimmte Tätigkeiten an weitergebildete Fachkräfte in ihren Praxen übertragen, stünde den Ärzten deutlich mehr Zeit für die Versorgung von Patienten zur Verfügung“ wird  dagegen keck und wirklichkeitsfremd behauptet.  Die neue Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung komme zu dem Ergebnis, dass die Hausärzteschaft dadurch im Schnitt fast zwei Drittel (65 Prozent) ihres Zeitvolumens einsparen könnte. Insbesondere wiederkehrende aber gleichwohl anspruchsvolle Aufgaben ließen sich an entsprechend qualifizierte Fachkräfte abgeben – die dafür mitunter sogar studiert haben.

Dazu sollen gehören diagnostische Verfahren wie Sonographien, Kontrolluntersuchungen bei chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Wundnachsorge oder Hausbesuche mit Routineaufgaben. Solche Veränderungen würden Kapazitäten erschließen, weshalb die Hausärzte insgesamt mehr Patienten versorgen könnten und sich für Behandlungen und Patientengespräche deutlich mehr Zeit nehmen könnten.

Hierin läge viel Potenzial, um den schon jetzt bestehenden Hausärztemangel zu lindern oder zu beseitigen. Bereits heute sind rund 5.000 Hausarztsitze in Deutschland nicht besetzt. Bis 2030 können laut Berechnungen des wissenschaftlichen Instituts der Barmer (bifg) weitere 3.200 Sitze nicht mit Hausärzten besetzt werden.

12.000 speziell geschulte Praxisassistenten schließen Lücke von 8.200 Hausarztsitzen 

Der aktuellen Studie zufolge wäre es theoretisch möglich, die Lücke von rund 8.200 Hausarztsitzen im Jahr 2030 mit rund 12.000 speziell geschulten Praxisassistentinnen und -assistenten abzudecken. Denn  viele der benötigten Fachkräfte seien bereits entsprechend qualifiziert und im System. Und vorhandene Assistenzkräfte könnten durch eine Weiterbildung oder ein (berufs-begleitendes) Studium die Qualifikation erwerben. Das ließe sich deutlich schneller und einfacher umsetzen, als zusätzliche Hausärztinnen und -ärzte auszubilden.

Auch wer nicht häufig zum Hausarzt gehen muss, kann sich ob solcher Aussagen nur verwundert die Augen reiben. Die Abläufe in gut organisierten Hausarztpraxen liegen längst in den Händen der nichtärztlichen, meist weiblichen, Mitarbeiter. Für den Patientenkontakt, das Arztgespräch steht schon lange kaum mehr Zeit zur Verfügung. Der nächste bitte, im Behandlungszimmer nebenan ist die brutale Wirklichkeit. Den Studienmachern kann man dringend zu einem Besuch ihres Hausarztes raten. Das wäre heilsam angesichts der verstiegenen Potentialstrategie.   

Große Chance für die Leistungsfähigkeit des Gesundheitssystems?

Befragungen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung würden zeigen, dass sowohl die Ärzteschaft als auch die Bevölkerung offen für eine stärkere Aufgabenteilung in Hausarztpraxen sind. Demnach würden rund drei Viertel der befragten Hausärzte der Aussage zustimmen, dass bei der allgemeinen Patientenversorgung künftig stärker die Qualifikation für die Aufgabe zählen sollte und nicht die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Berufsgruppe. Lediglich bei Hausbesuchen aufgrund akuter Beschwerden und bei der Dosierung von Medikamenten würden sich viele der Befragten gegen die Übertragung an NIchtärzte aussprechen. 

Ohne Hausärzte den Praxisassistenzberufen sei Dank

Die Studie gipfelt in der Aussage:“Es sind nicht zwingend zusätzliche Hausärztinnen und -ärzte nötig, um den Versorgungsbedarf zu decken. Viel aussichtsreicher ist es, Praxisassistenzberufe aufzuwerten und Mitarbeiter gezielt weiterzubilden. Je früher und systematischer damit begonnen wird, umso besser.“

Die Studie aus dem Haus Bertelsmann kommt zur rechten Zeit. Statt qualifizierter Hausärzte braucht es nur besser eingesetzte Praxismitarbeiter und schon wird die Unterversorgung besser handelbar. Halb so schlimm, den Rest erledigt die Digitalisierung.