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„Der Atombeschluß ist ein Moratorium, das uns 10 Jahre kostet“

Gespräch mit Dipl.Ing. Rainer Kühne, Geschäftsführer bei den Stadtwerken Marburg, über Perspektiven Erneuerbarer Energien angesichts der Laufzeitverlängerung für Atomstrom.

Marburg 17.9.2010 In der obersten Etage der Stadtwerke Marburg. Ein geräumiges Büro mit viel Licht und Ausblick über den Betriebshof. In einiger Entfernung das Landgrafenschloß über der Fachwerkaltstadt von Marburg. Ich bin zum Gespräch mit Rainer Kühne, einem der beiden Geschäftsführer der kommunalen Versorgungs-, Entsorgungs- und Dienstleistungs-gesellschaft der  Universitätsstadt Marburg verabredet. Wir sind am Besprechungstisch, der alerte Diplomingenieur sitzt mir gegenüber.
In Lahntal sei es ja gut gelaufen für die Stadtwerke, in Sachen zukünftiger Partnerschaft als Betreiber des Stromnetzes, ist mein Einstieg. Rainer Kühne bestätigt mit den Augen, wartet auf mehr. „Geht es denn so weiter und welche Kommune entscheidet als nächste, Ebsdorfergrund?“ Der Geschäftsführer überlegt kurz.

Dunkle Wolke über dem Gebäude der Stadtwerke

„Wir wollen die Nummer 1 werden – das bezieht sich nicht nur auf den Strom. Unsere seit 5 Jahren definierte Vision ist, dass wir grösster Infrastrukturversorger in der Region werden. Wobei Region mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf gleichzusetzen ist.“ Das sei die Ausgangslage und werde von ihm vertreten.
Dann sind Verhandlungen über die Stromnetz-Konzessionen eine Schlüsselkonstellation, schiebe ich nach. In Cölbe wollen sie, war in der Zeitung zu lesen. In Dautphetal hat sich E.ON durchgesetzt.
„Es wäre nicht unbedingt klug von mir, angesichts laufender Verhandlungen jetzt Prognosen abzugeben, welche Kommune mit den Stadtwerken Verträge abschließen wird“ sagt Rainer Kühne, untermalt mit einem verschmitzten Igelblick. „Wenn dann Gemeindevertreter eine solche Interviewäußerung von mir lesen, befördert das nicht unbedingt unsere Position.“

Da wird er Recht haben, schwieriges Thema für unser Interview. Auf die Frage, um welche Städte und Gemeinden es derzeit geht, hat er eine Antwort. Kirchhain sei bis 2020 gebunden. Aber Wohratal, Münchhausen, Wetter, Weimar, Fronhausen, Lohra, Steffenberg und Ebsdorfergrund. Das müssten die wichtigsten sein.
„Und die Aussichten“ setze ich nach. „An uns wird es nicht liegen. Unsere Angebote sind gut. Sind klar die Besseren, wie ich finde. Wenn dann die Kommunalpolitiker mal anfangen zu begreifen, welche Schlüsselposition diesen Verträgen zukommt. Wenn ihnen klar wird, dass sie das Geld, die Wertschöpfung in ihrer Gemeinde und in der Region halten können. Dann sind wir schon ein ganzes Stück weiter“ sagt der engagierte Geschäftsführer. Er glasube allerdings nicht, dass es den Stadtwerken Marburg gelingen könne bei den jetzt laufenden Verhandlungen bereits die Mehrzahl der Kommunen ins Boot zu holen.

„In Dautphetal hat die E.ON mit der Wurst nach der Speckseite geworfen, verlagert eine Betriebstätte, damit 15 Arbeitsplätze und Gewerbesteuerzahlungen dorthin. Erwarten sie weitere derartige Geschäftspraktiken von ihrem Konkurrenten?“

„Konkurrent ist aber eine freundliche Bezeichnung für eine Firma, die zum Oligopol gehört“ gibt Kühne zu bedenken. „Das haben wir doch gerade in Berlin erlebt. Wie die vier großen ihre Interessen für billigsten Atomstrom aus längst abgeschriebenen Atommeilern durchgesetzt haben. Wo gibt es denn da eine Konkurrenzsituation?“

Dann kommt ein Zahlenbeispiel zu der Laufzeitverlängerung. „Die 17 Atomkraftwerke haben eine Kapazität von 21,5 GigaWatt. Sie produzieren 140.000 Gigawattstunden im Jahr. Eine Ersparniss von 25 Euro je Megawattstunde durch die Laufzeitverlängerung addiert sich auf die gewaltige Summe von 3,5 Milliarden Euro Einsparung. Pro Jahr.“
Würde man die Brennelemente-Steuer einbeziehen, verbliebe bei den Betreiber der Atomkraftwerke ein Mehrgewinn von mindestens 1 Milliarde Euro, erläutert Kühne. „Pro Jahr, ich sage dies noch einmal.“
„Das ist ein Moratorium, was die in Berlin beschließen wollen. Ein Moratorium ist eine Vereinbarung mit Gesetzeskraft, den Ausbau der Erneuerbaren Energien 12 Jahre zu verschieben. Um nichts anderes geht es dabei. Das Wort oder Thema „Brücke“ oder „Brückentechnolgie“ ist falsch, unzutreffend und irreführend.Der Atombeschluß ist ein Moratorium, das uns 10 Jahre kostet.“ Der Geschäftsführer der Stadtwerke Marburg findet klare Worte.

Grau in grau für grünen Strom bei den Stadtwerken Marburg. In Deutschland gibt es mehr als 800 Stadtwerke, denen der Atomstrombeschluß zusetzen wird (Fotos Hartwig Bambey)

Prosperität und Wirtschaftswachstum der Branchen zur Herstellung Erneuerbarer Energietechnologien kippen. Deutschland hat die höchst Ausbaurate in der ganzen Welt. Alleinstellungsmerkmal, Technologie-Führerschaft sind ernsthaft bedroht.
14 Prozent leisten Erneuerbare zur Stromerzeugung, 24 Prozent die Atomkraftwerke.Auch die Entwicklung und der Ausbau intelligenter Netze, die Strom aus beiden Richtungen aufnehmen und verteilen können wird um mehr als ein Jahrzehnt verschoben. Darüber sind sich alle Fachleute einig.

„Was nützt es eigentlich, wenn sich Stadtwerke vor Ort gut aufstellen, Angebote machen, die zugleich die Erneuerbare Energiegewinnung in sich tragen, und sie werden dann von oben ausgekegelt?“ Rainer Kühne schaut mich an. Er braucht nicht zu nicken, sein Blick ist selbstredend. Er schaut zu seinem Schreibtisch. Dort liegen Angebote und Vertragsentwürfe. Zugleich kommt es jetzt darauf an, wie Städte und Gemeiden im Marburger Land sich entscheiden werden. Sie haben viel in der Hand. Zur Zukunft ihrer eigenen Energieversorgung und zur Zukunft Erneuerbarer Energieerzeugung.

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