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NS-Militärjustiz – von Richtern und Deserteuren, in Marburg

Marburg 27.10. 2010 (yb) Das Marburger Rathaus war erneut Ort einer denkwürdigen Veranstaltung, die sich zugleich Gedenken widmet, worin das Rathaus selbst Ort fragwürdigen Geschehens gewesen ist. Bereits im vergangenen Herbst wurde mit der Wanderausstellung „Was damals Recht war…“ ein signifikantes Zeichen aufrechten Erinnerungswillens gesetzt. Den Anlass hatte das 25jährige Jubiläum der Marburger Geschichtswerkstatt gegeben. Den Inhalt gaben schwierigste und gewalttätige Handlungen während der 12jährigen NS-Diktatur im Namen des Staates in Marburg, bis hinein in das Rathaus. Was im vergangenen Jahr als Ausstellung präsentiert wurde, konnte im Inhalt jetzt als Buch präsentiert werden.

Erschienen als Band 74 der Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen, stellten deren Vorsitzender, Archivdirektor Andreas Hedwig, der Herausgeber Albrecht Kirschner zusammen mit Oberbürgermeister Egon Vaupel das 336 Seiten umfassende Forschungswerk vor. Im Historischen Rathaussaal saßen viele Mitglieder der Marburger Geschichtswerkstatt, viele von ihnen zugleich Autoren von Beiträgen in dem Erinnerungswerk und Aufklärungsbuch in besten demokratischem Sinne.

Geschichte und Erinnerung als Grundlage unseres Daseins

OB Vaupel begrüsste und vergegenwärtigte die intensive Zusammenarbeit für das druckfrische Buch. Als Kulturförderung im besten Sinne bezeichnete Marburgs Stadtoberhaupt es als Produkt der Zusammenarbeit vieler. Er nutzte die Gelegenheit um Dank an Stadtarchivar Hussong zu artikulieren. Ohne kompetente Auskünfte und Dossiers aus dem institutionalisierten Gedächtnis der Stadt seien viele Aufgaben für ihn als politischen Repräsentanten keinesfalls zu leisten. Höchst anschaulich werde dies in dem vorgelegten Sammelband mit den facettenreichen Beiträgen zu dunkeltsten Zeiten deutscher Vergangenheit. So wurden in die Präsentation der gut besuchten vorjährigen Ausstellung auch die Gefängniszellen des Rathauses einbezogen. Siebzig Jahre zuvor waren sie zur Inhaftierung von Personen genutzt worden, die von der Deutschen Mitlitärjustiz verfolgt wurden.

Konzentriert folgten die Gäste der Buchpräsentation den Beiträgen der Gastgeber im Rathaussaal (Fotografien Hartwig Bambey)

Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter

Er sei froh dieses Buch in der Publikationsreihe zu wissen, sagte der Kommissionsvorsitzende Andreas Hedwig, im Hauptberuf Archivdirektor des Hessischen Staatsarchives Marburg. Das Thema sei von den Aktiven der Geschichtswerkstatt Marburg in einer Zeit angegangen worden, als solches keinesfalls selbstverständlich gewesen war. Damit liege hier eine Pionierarbeit vor. Zugleich sei das NS-Thema auch mit dieser Veröffentlichung nicht erledigt, sondern in Anknüpfung an Richard von Weizächers Rede 1985 zu betrachten als „Vergangenheit, die nicht bewältigt werden kann.“ Das von der Geschichtswerkstatt getragene Projekt leiste zudem eine Wendung. Das Interesse gelte nicht alleine den Opfern staatlichen Gewaltmißbrauchs, es schließe in die Betrachtungen und Erforschung ebenso Täter ein. Davon hat es einige in Marburg als Richter gegeben. Nach Kriegsende wirkten sie weiter – als Richter. Erst heute ist dies soweit erforscht und im Kontext darstellbar.

Aktenfund eröffnete Forschung und Aufklärung zur Marburger Militärjustiz

So war es an Herausgeber Albrecht Kirschner den Blick des interessierten Publikums auf Beiträge des Sammelbandes zu richten. Der Fund von mehr als 1500 Akten vom Marburger Feldkriegsgericht 1939 bis 1945 im Bundesarchiv eröffnete breite Forschungsmöglichkeiten mit ungewöhnlich umfangreichen Originalakten. Dies hat freilich lange Zeträume seit den 90iger Jahren erfordert. Am Anfang stand ein Symposium, es folgte die Ausstellung in 2009. Das jetzt vorliegende Buch firmiert im Untertitel als Marburger Zwischenbilanz, verweist auf weitere Forschungsaufgaben. Albrecht Kirschner skizzierte einige Hintergründe mit nackten Zahlen.

  • 6000 Strafverfahren verfolgte die Marburger Kriegsgerichtsbarkeit
  • Mindestens 100 Todesurteile wurden verhängt
  • Straftaten von Soldaten, Kriegsgefangenen und Zivilisten wurden sanktioniert
  • 66 Prozent aller Fälle waren Desertion von deutschen Soldaten

Damit ist ein Kernanliegen der Geschichtswerkstatt Marburg und ihres Herausgebers umgesetzt worden. Lokale Bezüge sollten erforscht und veröffentlicht werden. Damit konnten in Lehererfortbildung und bei Vorträgen wichtige Bezüge hersgestellt werden, ein Anliegen der Historiker, die Geschichte nicht um ihrer selbst willen begreifen und darstellen wollen.

Möglich ist alles geworden, indem sehr viele Personen an ihrem Platz und in ihrer Aufgabe mitgewirkt haben. So ist die Liste der Beteiligten vom städtischen Kulturamt über Autoren und Unterstützer bis hin zu finanziellen Förderern lang. Das Buch ist vollendet und kann im Buchhandel preisgünstig erworben werden. Die Beteiligten arbeiten weiter. Doch am Montagabend gab es neben Autorenexemplaren im Rathausfoyer an den Stehtischen lebendige Gespräche mit einem guten Glas Rotwein.

Deserteure, Wehrkraftzersetzer und ihre Richter
Marburger Zwischenbilanz zur NS-Militärjustiz vor und nach 1945
Herausgeber Albrecht Kirschner  im Auftrag der Geschichtswerkstatt Marburg
Veröffentlichung der Historischen Kommission für Hessen  74
ISBN 978-3-942225-10-6  Marburg 2010
336 Seiten, Gebunden im Schutzumschlag, Ladenpreis 24 Euro