„Kassel als junge Großstadt“  – Ein Bildband zeigt die verschwundene Pracht der Nordhessenmetropole

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Neue Grippe – Wirtswechsel mit fatalen Folgen

Jetzt wird’s haarig: Die besonders gefährliche Variante D222G des Influenzavirus (rot gefärbt) befällt Zellen mit Flimmerhärchen (dunkelgrau). (Abbildung: AG Matrosovich)

Marburg 30.11.2010 (wm/red) Minimale Änderung, atemberaubende Wirkung: Der Austausch eines einzigen Proteinbausteins genügt, damit das Schweinegrippe-Virus neue Zielzellen befällt und lebensbedrohliche Atemwegsbeschwerden auslösen kann. Das haben Wissenschaftler aus Marburg und London herausgefunden. Die abgewandelten Viren infizieren bevorzugt bewimperte Zellen in Lunge und Bronchien. Die „Neue Grippe“ weitete sich im vergangenen Jahr zu einer weltweiten Seuche aus, verursacht durch das Influenzavirus H1N1; erst vor kurzem gab die Weltgesundheitsorganisation Pandemie-Entwarnung. „Auch wenn die meisten Krankheitsfälle mild verliefen, verursachte das Virus mitunter schwere und sogar tödliche Infektionen“, berichten die Autoren der aktuellen Studie in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift „Journal of Virology“.

Virologen klären Ursachen für schwere Krankheitsverläufe

Um den Grund für gravierende Krankheitsverläufe zu ermitteln, untersuchten die Wissenschaftler solche Virusvarianten, bei denen ein Bestandteil des Oberflächenproteins Hämagglutinin ausgetauscht ist. Hämagglutinin ist dasjenige Virusprotein, das an Rezeptoren auf der Wirtszelle bindet; außerdem ist es daran beteiligt, dass Virushülle und Zellmembran miteinander verschmelzen, wodurch das Virusgenom ins Zellinnere gelangen kann.

Viren vermögen nur diejenigen Zellen zu infizieren, deren Rezeptoren zu den jeweiligen Hämagglutinin-Proteinen passen. Diese Rezeptorvarianten verteilen sich sehr ungleich auf verschiedene Gewebe und binden Influenzaviren unterschiedlich leicht. Die Autoren der neuen Studie untersuchten Varianten des Grippeerregers, deren Hämagglutinin-Proteine an der Position D222G mutiert sind. Dort ist exakt eine Aminosäure ausgetauscht. Wer sich mit dieser Virusvariante ansteckt, ist sehr stark gefährdet, sehr schwer oder an Grippe zu erkranken, mit gar tödlichem Ausgang.

Wie die Forscher nachweisen, infiziert das mutierte Virus in stärkerem Maße Zellen, die mit Flimmerhärchen oder Wimpern ausgestattet sind. Solche Zellen kleiden unter anderem Lungen und Bronchien aus und verfügen vorwiegend über eine bestimmte Rezeptorvariante. „Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen der verbesserten Bindung an diesen Rezeptor und der vermehrten Infektion bewimperter Zellen“, schreiben die Autoren um Dr. Mikhail Matrosovich und Professor Hans-Dieter Klenk vom Institut für Virologie der Philipps-Universität.

Wenn die bewimperten Zellen der Atemwege befallen sind, ist der Organismus nicht mehr in der Lage, Schleim aus der Lunge zu transportieren und auf diese Weise Keime zu entfernen. „Die veränderte Rezeptorvorliebe und Umorientierung auf bewimperte Zellen kennzeichnen einen Krankheitserreger von erhöhter Gefährlichkeit“, schlussfolgern die Wissenschaftler. „Dies unterstreicht die Notwendigkeit, die Evolution der Viren genau zu verfolgen“.

Marburger Virologen in der Influenza-Forschung

Das Marburger Institut für Virologie verfügt über eines der modernsten Hochsicherheitslabore Europas und ist am „Deutschen Zentrum für Infektionsforschung“ beteiligt, das demnächst gegründet werden soll. Die Arbeitsgruppen von Hans-Dieter Klenk und Mikhail Matrosovich haben vor kurzem Fördermittel der Europäischen Kommission eingeworben, um die Influenzaforschung voranzutreiben. Klenk ist unter anderem Träger des Emil von Behring-Preises, eines der am höchsten dotierten deutschen Wissenschaftspreise.