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Märkte, Menschen, Konzerte, Führungen und sogar eine Grüne Schule – Was wird denn nun aus dem Botanischen Garten auf den Lahnbergen?

Frühling im Alten Botanischen Garten in Marburg

Marburg 3.6.2011 Vergegenwärtigung mit Bildern und Worten. Wer die beiden Worte Botanischer Garten in die Suchen-Maske bei das Marburger. eingibt, erhält 29 Beiträge zum Thema. Der erste datiert am 18. Juni 2010. Die meisten Artikel befassen sich unmittelbar mit der Institution. Viele berichten von Veranstaltungen in Marburgs universitärer Kulturlandschaft par excellence. Dabei und zudem hat Marburg zwei Botanische Gärten. Nahe dem Pilgrimstein  lädt der Alte Botanische Garten mit Baumbestand zu Spaziergängen und zum Verweilen inmitten von umgebenden Stadtgeschehen ein.

Oben auf den Lahnbergen erwartet und belohnt der Neue Botanische Garten Besucher mit sich weit hinziehenden Rundwegen hinter dem von Gebäuden und gläsernen Gewächshäusern flankierten Eingangsbereich. Besonders an den Wochenenden spazieren und orientieren sich dort viele Menschen. Zig, Hunderte, manchmal sogar Tausende, wie am letzten Maiwochenende. Zum Pflanzenmarkt hatte die Fördergesellschaft des hessischen Gartenbaus zahlreiche Beschicker aufgeboten und die Marburger eingeladen. Über 6.000 Menschen aus der Stadt, dem Marburger Land und von weiter her kamen an zwei Tagen, um ein besonderes Pflanzenangebot zum Sehen und zum Erwerb inmitten des gehegten Pflanzenbiotops mit Parkcharakter zu erleben. Mithin gibt es großes und zahlreiches Interesse in der Bevölkerung am Botanischen Garten auf den Lahnbergen.
Ein Botanischer Garten ist zugleich eine besucherorientierte Einrichtung mit bildenden Intentionen und mit Freizeit- und Naherholungswert. Solches kommt dem Wald genauso zu, samt darin zu findenden Erklärungstafeln. Ein Botanischer Garten ist mehr und (meist) eine Universitätseinrichtung. Wird damit ein Ort für Forschung und Lehre. Das war in Marburg lange Zeit so und gab das Motiv zur Anlage eben des Neuen Botanischen Gartens, als die Naturwissenschaften, darunter die Biologie, vor rund vier Jahrzehnten auf die Lahnberge umgesiedelt wurden.
Times They Are a-Changin gilt auch in der Entwicklung der Wissenschaften. Für Marburgs Botanikum bedeutet dies, dass die Biologie und Biologen wenig weiteren Bedarf dafür haben und geltend machen. Genau hier liegt heute das Problem der populären Institution.
Der Hochschulförderung in Hessen fehlen Gelder, damit auch der Alma Mater Philippina – verstärkt nach dem sogenannten Hochschulpakt aus 2010. So sah und sieht sich Prof. Katharina Krause, die vor gut einem Jahr neu gewählte Präsidentin der Philipps-Universität, mit erheblichen Finanzsorgen konfrontiert. Auf den Botanischen Garten bezogen, bedeutet dies eine Infragestellung.

Organigram aus 2010 für den Botanischen Garten. Der erste Blick verrät viele Positionen, Funktionen und Tätigkeiten, die von Mitarbeitern auszufüllen sind.

Wieso sollte und könnte die Universität vor dem Hintergrund zu knapper Finanzausstattung, die seit Jahr und Tag zu vielen Einschränkungen beim Unterhalt zahlreicher Liegenschaften und der Lehre – dies angesichts weiterhin wachsender Studierendenzahlen – geführt hat, wie könnte also die Uni weiter einen nicht benötigten Botanischen Garten finanzieren?

Naturwissenschaftliche Versuche in der Grünen Schule. (Alle Fotografien Hartwig Bambey)

Die Einrichtung ist mit ihren zahlreichen Stellen zur Unterhaltung und Pflege ausgestattet. Dort wird vieles geleistet, bis hin zu einer Grünen Schule, die sich hoher Inanspruchnahme seitens der Schulen und vieler Schülern erfreut. Doch es ist wenig, weniger, geworden, zur Nutzung von Studium, Lehre und Forschung, welches nun einmal die genuinen Daseinszwecke auch der Marburger Universität sind.

Bei alledem steht der Botanische Garten nicht alleine da. Sorgt bereits die Grüne Schule für viele Verknüpfungen und auch Sinnstiftung, engagiert sich seit Jahr und Tag der Freundeskreis Botanischer Garten für dessen Erhalt, besorgt Spender und Spendengelder, mischt umtriebig bei den Veranstaltungen mit. Ob Pflanzenflohmarkt im Frühjahr oder Herbstfest mit dicken Kürbissen, Vortragsveranstaltungen oder Benefizkonzerte mit Lions Club und anderen.

Der Botanische Garten hat viele Nutzer und Freunde. Ist aber in seiner (bisherigen) Existenz, sprich Finanzierung aus Hochschulmitteln der Marburger Uni, gefährdet, wird zumindest in Frage gestellt.

Als dann die zukünftige Finanzierung und damit letztlich die Existenz in Frage gestellt wurde, regte sich Widerstand. Über 9.000 Unterschriften für den Erhalt sammelte der Freundeskreis mit Vorsitzender Elisabeth Bohl in wenigen Monaten und rückte damit das Problem in das öffentliche Augenmerk.

Die Stadt Marburg hat 20.000 Euro überwiesen und damit Interesse bekundet. Doch ist das Problem um die Existenz mit Perspektive bis heute ungelöst.

Außenstehender Betrachter könnte, nicht zuletzt angesichts vieler gut besuchter Veranstaltungen gar denken, dort stünde alles zum Besten. Doch der äußere Schein trügt. Derzeit ist nicht geklärt, was werden soll – zudem wie eine Finanzierung, in welcher neuen Trägerschaft, mit welchen Widmungen zu Stande kommen wird. Das Land Hessen ist und bleibt in der Pflicht, natürlich genauso die Philipps-Universität. Doch am Ende sind Veränderungen wohl nicht abzuwenden. Deswegen sollen hier einige Gedanken zu einem möglichen Modell vorgestellt werden.

 

In jeden Fall wird seit vergangenem Jahr verhandelt, zwischen Land und Universität. Zum Stand der Dinge wollte und konnte die Uni-Präsdientin der Redaktion keine Auskünfte erteilen. Alles offen, noch nicht geklärt, laufende Gespräche. So mag ein Blick über den Gartenzaun des unmittelbar Botanischen in die weitere Kulturlandschaft der Stadt Marburg und der Region lohnen.

Unten in der Stadt, wie oben auf den Lahnbergen, wird viel gebaut. Über 400 Millionen Euro sieht alleine das HEUREKA-Programm des Landes Hessen für den Ausbau der Uni Marburg vor. Diese Mittel werden absehbar nicht ausreichen, haben zudem nur investive Widmung. Damit können Personalkosten für den Botanischen Garten also nicht finanziert werden. Doch es gibt nicht nur HEUREKA und die Errichtung von Hochschulbauten, wie den Neubau für die Chemie mit alleine über 100 Millionen Euro. Mitten im alten und von der Medizin verlassenen Klinikviertel wird kräftig an einem Chemikum für Marburg gebaut. Was bisher als temporäre Publikumseinrichtung, vor allem für Schüler, angeboten wird, erhält bald eine eigene bauliche Hülle. Alleine die Stadt Marburg gibt dazu einen Zuschuss von 500.000 Euro – für eine neue Publikumseinrichtung, die Naturwissenschaften bevorzugt jungen Menschen näher bringen will.

Dazu gibt es in der Stadt seit Jahr und Tag Überlegungen und Aktivitäten für ein Museum, womöglich auf dem Waggonhallen-Areal. Sogar ein dezidiertes Stadtmuseum ist jüngst in die Diskussion gebracht worden. Weiterhin werden seitens der Universität Überlegungen angestellt, wie mit den zahlreichen universitären Sammlungen, 30 an der Zahl, zukünftig besser und angemessen umgegangen werden kann. Tausende, ja Hunderttausende Sammlungsstücke fristen ein verborgenes Dasein, oft mehr schlecht als recht in dunklen Kellern irgendwie konserviert und gelagert.

Es gibt also Willen, Meinungsbildung und Blick zu Kulturellem bei Stadt und Universität. In dieses Denken und in die Köpfe der Akteure könnte, sollte und müsste zugleich das Marburger Botanikum gerückt werden. Der Botanische Garten ist vorhanden, wurde längst mit ungezählten Millionen aufgebaut, gehegt und gepflegt – und erfreut sich großer Beliebtheit in Stadt und Land. Also geht oder ginge es zunächst einmal um eine ganzheitliche Sicht der Dinge. Wer Neues, hier das Chemikum, baut und betreiben will, was sicher nur wohllöblich ist, kann Altes und Bewährtes, zudem Benachbartes und mit der Grünen Schule ähnlich Wirkendes, nicht aufgeben und zerstören.

Neben Land Hessen, Universität Marburg und Stadt Marburg gilt es mindestens einen weiteren Akteur verstärkt und formell mit ins Boot  zu holen. Der Landkreis Marburg-Biedenkopf ist im Kulturellen und im Tourismus ein regionaler Akteur. Vieles geschieht dort zu Recht zugleich unter Gesichtspunkten von Wirtschaftsförderung und Stabilisierung der Lebensqualität in der Fläche. Neuestes Projekt ist die Zeiteninsel in der Lahnaue der Gemeinde Weimar. Daneben gibt es Lahn-Kanutourismus, Lahnradweg – jetzt mit Elektrofahrrädern – und anderes mehr.

Hat schon jemand daran gedacht und angeregt dieses vier Betroffenen und möglichen gemeinsamen Akteure einen Tisch zu holen?

Die zuständige Ministerin in Wiesbaden hat nicht zu Unrecht im vergangenen Jahr zur Universität verlautbart, dass über ein neues Modell inklusive Trägerschaft nachzudenken sei. Mit Hannemann geh du voran kann das aber nichts werden. Die Uni will / muss Last loswerden, dato ist die Stadt qua Zuständigkeit außen vor, der Landkreis sowieso.

Die jetzige Konstellation reicht nicht. Das ist absehbar. Zunächst braucht es ein neues, verändertes und erweitertes Trägermodell. Dabei steht nirgendwo geschrieben, dass dabei die wissenschaftliche Orientierung des Botanischen Garten geopfert werden muss oder schlechterdings obsolet wäre.

Ein Blick über den Gartenzaun nach Gießen zeigt, dass mit dem dortigen Publikumsrenner Mathematikum nicht nur eine hoch frequentierte Einrichtung geschaffen wurde. Von sonderlichen Zuschüssen redet dort niemand. Dort geht es um Preise und Preisgelder, die Prof. Beutelspacher als Gründer und Manager ein ums andere Mal reinholt.
Mithin könnte und müsste ein seriöses Nachdenken eröffnet werden – dies jenseits und neben bereits stattfindenden Gesprächen zwischen Land und Universität – über eine tragfähige Konstruktion für den Botanischen Garten auf den Lahnbergen. Erst wenn man eine tragfähige Konstruktion entwickelt hat, lassen sich Gedanken über zusätzliche Finanzierungsressourcen, bis hin zu Sponsoren und Mäzenen, anstellen. Als Beispiel die Landeshauptstadt Potsdam. Die Pläne für den neuen Landtag unter Wiederaufbau des Stadtschlosses drohten wegen der damit verbunden höheren Kosten von 20 Millionen Euro zu scheitern. Angesichts schlüssiger Pläne hat sich dafür ein privater Sponsor finden lassen.
Doch zuerst braucht es ein ordentliches Konzept und einen Plan. Mit deren Vorliegen können Ziele verfolgt werden, kann neue Wirklichkeit entstehen. Wer nicht weiß, wohin es gehen solll, wird kaum ankommen.

Vielleicht, um zum Schluss eine wenig abwegig im doppelten Sinn zu werden, kann eine von Erlebnis getragene Zuwegung aus dem Lahntal auf die Lahnberge Nutzen stiften. Ein attraktiver Weg aus der Stadt zur wohlfeilen und lehrreichen Parklandschaft mit Grüner Schule und vielem mehr. Vielleicht und mit leichter Wegstrecke, kommen dann viele, ausreichend viele und noch mehr Menschen dorthin, wenn der Weg bereits zum Ziel gehört und schon besonderes Erleben in sich trägt.
Eine Seilbahnverbindung zur Verknüpfung der beiden Campusanlagen oben und unten kann als Endpunkt den Botanischen Garten anbinden. Vielleicht sollte das einfach mal gedacht werden. Derzeit wollen das (nur) die Marburger GRÜNEN abwägen und zunächst in einer Studie prüfen lassen.

Das lange gebaute Botanikum Marburg lohnt in jedem Fall gründliches Nachdenken und Neues Denken. Zuwarten alleine bewegt nichts, trotz Märkten, Menschen, Konzerten Führungen und sogar einer Grünen Schule.

Was soll denn werden mit dem Botanischen Garten auf den Lahnbergen? Die Frage ist zu stellen, sie bleibt und sucht positive Antworten. Hartwig Bambey

 

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