Startschuss für Interimsspielstätte des Staatstheaters Kassel

08.07.2024 (pm/red) Kassel ist eine der traditionsreichsten Theaterstädte Deutschlands: Schon vor über 400 Jahren wurde unter Landgraf Moritz das Ottoneum als erster fester Theaterbau Deutschlands errichtet. Das Staatsorchester Kassel, hervorgegangen aus der 1502 gegründeten Hofkapelle, …

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Kaffeezeit am Savignyplatz

Marburg 5.6.2011 Begegung und Betrachtung, Bilder und Bücher. Berliner Reportage von Hartwig Bambey Am Ausgang der S-Bahn wende ich mich nach rechts zum Savignyplatz. Am Bücherbogen vorbei mündet rechts die Knesebeckstraße. Also halte ich mich wieder rechts. Auf der Straßenseite gegenüber eine Baustelle. Es ist halb vier nachmittags. Zeit um schon mal Ausschau zu halten nach dem Café Kaffeezeit.

Das hat Nadine Beck vorgeschlagen für unser Treffen am Montagnachmittag. Zwischen Savignyplatz und Kurfüstendamm, auf den die Knesebeckstraße mündet, gibt es viele Gaststätten, darunter zwei oder drei Cafés. Es gibt jedoch keines das Kaffeezeit heißt und danach aussieht. Hatte sie nicht in der Mail? Beim Blättern im I-Phone kommt ihre Bestätigungsmail. Darin ist ein Direktlink. Kensebeckstraße 20, sogar mit Karte. Google-Maps, was sonst.

Vertraute Wege gehen ist gut, nachschauen ist besser. Die Knesebeckstraße geht auf der anderen Seite des von der Kantstraße geteilten Savignyplatzes weiter. Die Zeit muss dein Freund sein. Kehrwendung und Weg zurück. Jetzt erst einmal eine Stärkung. Die weißen von Grün überwachsenen Holzbänke inmitten des parkähnlich gestalteten Platzes sind kaum besetzt. Nach der ersten Stulle mit Salami schmeckt eine zweite. Eine junge Frau erhebt sich von der nächsten Bank, Handtasche über der Schulter und eine Plastiktasche in der Hand schlendert sie vorbei. Die war wohl Shopping auf dem Kudamm.

Am Wochenende war dort gerade ein größeres Oldtimertreffen. An den Laternenmasten sind allerwegen große goldene Schleifen montiert, verweisen auf das 125jährige Jubiläum von Berlins großem Boulevard. Den ganzen Sommer über gibt es Veranstaltungen. Nach Jahren der angesagten Mitte samt Prenzlberg hat sich der Kudamm jetzt sichtlich gefangen. Es ist viel gebaut worden und die Namen angesagter Marken sind wieder augenfällig. Der Westen Berlins findet zu alter oder neuer Rolle und Gelassenheit zurück. Aus dem Osten kommt zahlungskräftige Kundschaft. Zu reichen Russen gesellen sich Polen, nach Chinesen muss man nicht lange Ausschau halten. Touristen kommen sowieso.

Punkt Vier bin im ich im Kaffeezeit. Das liegt auf der schattigen Straßenseite. Ein kleiner Tisch auf der Aussenterasse ist frei. Das Wasser ist serviert und kaum bin ich mit der Durchsicht der Mails fertig, steht Nadine Beck vor mir. Sie müsse erst mal in die keramische Abteilung, sagt sie. Die Fahrradfahrt sei ein wenig anstrengend gewesen.

Wir kennen uns gerade eine Woche. Da wurde ihr Buch im Marburger Rathaus vorgestellt. Pressegespräch mit Oberbürgermeister, Verlagsleiter Rathausverlag, Stadtarchivar, Layouter und ein paar Leute, darunter drei Journalisten. Nadine Beck saß neben ihrem Professor. Karl Braun ergriff nach der Begrüßung durch den OB und die Autorin als erster das Wort und zeigte sich sehr zufrieden über die Magisterarbeit seiner vormaligen Studentin, die  als Buch auf dem Tisch vor jedem in der Runde lag. Vorab hatten alle neugierig darin geblättert.

Vertiefendes Gespräch also in Berlin, wo die Magistra in Europäischer Ethnologie / Kulturwissenschaft lebt. Seit Januar wohnt sie hier in einer WG. Mit drei Männern, sagt sie. Und dass das Zimmer ihr von einer Freundin vermittelt wurde.

Sie lebt, wohnt und arbeitet hier und orientiert sich. Ihr Buch zum Club E im Marburg des Jahres 1966, einem Club besser Rockkeller in der Altstadt nimmt Nadine Beck aus ihrer Tasche. Die Fotos, eigentlich die Wiedergabe-qualität der gut 45 Jahre alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen können einem Sorgen bereiten. Das lässt sich nicht vom Tisch wischen. Viele der Fotos sind abgesoffen, zu viel Schwarz, zu wenig Zwischentöne. Ist zwar kein Bildband, aber ein zahlreich illustriertes Buch über die Zeit des Beat in Marburg. Als es The Rattles und The Lords in die Unistadt, genauer in den Club E gebracht hat. Klar war der Club E besonders ein Studentenkeller. Der Buchtitel verrät eine Menge: Club E. Beat, Bier und Beischlafköfferchen.

Der Text samt Einbeziehung vieler Zeitzeugen und die Darstellung dieser Zeit übertrifft die Abbildungsqualität der Fotos deutlich. Das erhellt schon beim Anlesen. Georg Fülberth hat als universitärer Zeitzeuge einige Gedanken in einer Vorrede entfaltet. Gegenüber am Kaffeehaustisch sitzt mit Nadine Beck also eine Autorin, nicht einmal eine besonders junge. Sie wurde 1976 in Marburg geboren. Ist in der Unistadt als Tochter eines Hochschullehrers und einer  Lehrerin aufgewachsen.

Gefragt, ob sie einfach kurz ihren Werdegang schildern will, hält sie erst einmal inne. Dann erzählt sie von ihrem ersten Auto. Ein Ford Taunus Coupé, silberfarben mit schwarzem Dach. Den hatte sie nach dem Abi 1996 – war zu der Zeit beinahe schon ein Oldtimer. Studium, was sonst. Sinologie, Keltologie, Anglistik und Medienwissenschaft hat sie anfänglich belegt. Viel gearbeitet habe sie, eigene Wohnung ab 97, in der Bahnhofstraße ihres Geburtsortes.

Als das Wort Physikum gefallen ist, bemerkt sie meinen erstaunten Blick. Nein, kein Medizinstudium. Im so benamten Marburger Fitness-Center habe sie viel gejobbt. Und geschrieben als Freie für die Neue Marburger Zeitung, die 13 Jahre lang ein Schattendasein fristete neben der überkommenen inzwischen nach Hannover verkauften Oberhessischen Presse. Die Redakteure hätten immer betont, dass es ohne einen Abschluss kein Volontariat gebe und ihr Studium war noch nicht abgeschlossen. Der von der benachbarten Uni-Stadt Gießen ausgehende Streik gegen schlechte Studienbedingungen fällt ihr ein. „Dann kam der erste Unistreik, 1997, Lucky Streik. Der hat dann dafür gesorgt, dass ich erst mal unfreiwillig länger frei hatte.“ 1999 dann ein Praktikum bei einem Werbefotografen. Das war es wohl nicht.

„Was ich wollte, war schreiben. Bücher herausbringen.“ Das habe sie ja jetzt fürs erste geschafft. Ihr Blick zu meiner Bemerkung bleibt zweifelnd. Erst der Hinweis, das viele Magisterabsolventinnen sie um ihre als Buch erschienene Arbeit zum Club E beneiden würden, überzeugt sie. Bei einem Besuch einer Freundin in Thüringen habe sie dann viele alte Häuser gesehen. Der Impuls war stark. Sie wechselte nach Jena, um Kunstgeschichte und Italienisch zu studieren. Irgendwie klappte es dann nicht mit der Mentalität der Thüringer. „Ich war, bin immer schon älter, die Ältere gewesen“ sagt sie als weitere Erklärung.

2003 wieder Marburg und studieren im Fach Europäische Ethnologie/Kulturwissenschaft. 2004 England, Erasmus-Programm, Studium zwei Semester Kunstgeschichte. Seit Sommer 2008 liegt das Studium hinter ihr. Köln, Frankfurt und London waren Stationen ihrer Reise. Wohin die geht?

„Jetzt gibt es das Angebot für eine Übernahme in einer Eventagentur“, sagt sie und benutzt das Wort Praktikum dabei nicht. Wenn das Angebot denn ernsthaft ist. Den Gedanken nimmt sie ohne Widerspruch zur Kenntnis. Für Neumann & Kamp arbeitet sie. Freelance, was sonst. Zum Leben in Berlin reicht es.

Zum Schluss fällt sie nach Marburg zurück. Es gibt das unvollendete, nicht veröffentlichte Ausstellungsprojekt zum Jahr 1966, das ihr Professor mit Studenten in Marburg gemacht hat. Das hatte sie zum Thema ihrer Arbeit gebracht. Vielleicht wäre das etwas. Zusammenstellen, ausarbeiten und als Buch veröffentlichen. „Was ich immer wollte, war schreiben. Ich möchte gerne Bücher rausbringen“ sagt Nadine Beck. Eines hat sie und sich selbst wohl auch. Die Zeit ist um. Ein paar Fotos noch. Wir gehen zum Savignyplatz.

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