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Der Mut der ‚Göttinger Sieben‘ und ihrer Göttinger Studenten

Marburg 25.11.2012 (red) Das erste der beiden Jubiläums-Grimmjahre neigt sich dem Ende zu. Es gab eine Vielzahl von Veranstaltungen, auch in Marburg. Interessant war eine Ausstellung mit überlieferten Quellen im Staatsarchiv Marburg. Noch bevor steht hier eine lukullische Grimm-Gala im Dezember und der Grimm-Preis der Philipps-Universität harrt seiner Verleihung. So kann dieser Gastbeitrag über die ‚Göttinger Sieben‘ von Ursula Wöll zum Hintergrundwissen über die berühmten ‚Märchenbrüder‘ beitragen. Die Grimms waren weit mehr als lediglich Sammler, Bearbeiter und Herausgeber der ‚Kinder- und Hausmärchen‘, deren Veröffentlichung es derzeit allerorten grimmen lässt:

Seit Anfang November verkauft die Post Sondermarken mit den Konterfeis der sieben Göttinger Professoren, die vor 175 Jahren fristlos entlassen und drei von ihnen sogar des Landes verwiesen wurden. Zu den ‚Göttinger Sieben‘ – so gingen sie in die Geschichte ein – gehörten Jakob und Wilhelm Grimm. Die Medien feierten die Brüder das Jahr über bereits heftig, denn vor 200 Jahren, 1812, erschien der erste Band ihrer nach wie vor geliebten ‚Kinder- und Hausmärchen‘, der zweite folgte 1815. Jacob und Wilhelm Grimm waren einst jedoch weniger als deren Sammler und -bearbeiter berühmt.

Als Wilhelm 1859 starb und Jacob 1863, trauerte man um sie vor allem als große Sprachforscher und couragierte Mitglieder der ‚Göttinger Sieben‘.

Beide Grimms hatten an der Marburger Universität studiert, die damals nur etwa 200 Studenten zählte. Jakob immatrikulierte sich 1802, Wilhelm ein Jahr später. Unzertrennlich, wie sie lebenslang waren, bewohnten sie ein Zimmer in der Barfüsserstraße.

Nach Jahren in Kassel lehrten beide seit 1830 an der Göttinger Universität, der einzigen im Königreich Hannover. Außerdem betreuten sie die dortige große Universitätsbibliothek.

Als der neue König Ernst August nach seiner Inthronisierung im Jahr 1837 die seit vier Jahren gültige moderate Verfassung des Königreiches annulierte, löste das im Lehrkörper heftige Debatten aus, hatten doch alle 32 Professoren ihren Eid auf diese nun selbstherrlich annulierte Verfassung geschworen. Aber nur sieben Professoren fanden am Ende den Mut, ihrem Gewissen zu folgen und am 18. November 1837 einen Protestbrief ‚unterthänigst‘ zu unterzeichnen: Der Historiker Dahlmann, der den Text entworfen hatte, der Jurist Albrecht, die Philologen Jacob und Wilhelm Grimm, der Historiker Gervinus, der Orientalist Ewald und der Physiker Weber.

Die ‚Göttinger Sieben‘ auf einer Lithografie von Carl Rohde aus dem Jahr 1837-38

Auch die Mehrheit der 900 Studenten protestierte gegen die absolutistische Willkür. Da ihre überwältigende Solidarität mit den Göttinger Sieben nahezu vergessen ist, soll hier auch an ihre Aktionen erinnert werden. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die uns heute harmlos erscheinende professorale Tat unter ihnen. Sie gelangten an eine Abschrift des Protestbriefes, die sie tausendemal handschriftlich kopierten und auch an die Presse ihrer Heimatorte schickten. Der Augenzeuge H. Albert Oppermann überliefert: „Verfasser fand am 20. November gegen Abend in der Stube eines befreundeten Studenten elf Personen, die sämmtlich die Protestation nach einem Dictate aufzeichneten. Kaum waren die Abschriften fertig, als sie auch schon in Empfang genommen wurden, um an ebensoviel anderen Orten vervielfältigt zu werden.“

So war der Willkürakt bald in vielen der deutschen Kleinstaaten bekannt. Das hinderte Ernst August nicht, die sieben Unterzeichner fristlos zu entlassen und überdies drei von ihnen – Dahlmann, Gervinus und Jacob Grimm – des Landes zu verweisen. Innerhalb von drei Tagen mussten sie das Königreich Hannover verlassen. Am 14. Dezember, um 14 Uhr wurden die Schreiben ausgehändigt, und schon eine Stunde später versammelten sich hunderte Studenten auf der Weender Straße. Sie gingen erst auseinander, als das von auswärts verstärkte Militär Verhaftungen vornahm, versammelten sich aber am nächsten Morgen erneut. Vivatrufe vor den Häusern der Gefeuerten wurden unterbunden, eine Versammlung von 400 Studenten im Gasthaus am Hainberg auseinandergetrieben. Die Versammelten konnten gerade noch beschließen, dass keiner das Kolleggeld von den Entlassenen zurückfordern sollte.

Nun stellten auch etliche sympathisierende Professoren aus Protest ihre Vorlesungen ein. Damit die Studenten den drei Ausgewiesenen kein Geleit geben konnten, verbot die Polizei, Mietkutschen und Reitpferde zu verleihen. So pilgerten über 200 Studenten in der eisigen Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 1837 zu Fuß nach Witzenhausen, dem Grenzort auf kurhessischer Seite. In seinem Buch ‚Grimms Wörter‘ streift Günter Grass das Geschehen, übertreibt aber wohl, wenn er 700 Studenten den langen Fußmarsch antreten lässt. Die Studenten mussten einzeln laufen, da Militär die über 30 km lange Strecke kontrollierte. Als am 17. Dezember die beiden Kutschen mit Dahlmann, dessen Frau krank in Göttingen lag, sowie Jacob Grimm und dem Ehepaar Gervinus heranrasselten, spannten die Studenten die Pferde aus und zogen sie eigenhändig über die Werrabrücke. Unter Tränen wurden Vivats gerufen und Immortellen (Strohblumen) überreicht.

Im Witzenhausener Gasthaus ‚Zur Krone‘, das bis heute existiert, war ein Mahl vorbereitet. Da aber so viele Menschen nicht hineinpassten, schloss der Bürgermeister den Rathaussaal – auch er ist noch zu besichtigen – für die Abschiedsreden auf. In seinen Erinnerungen schildert Jacob Grimm, wie nach seinem Aussteigen aus der Kutsche auf kurhessischem Boden eine einfache Frau ihren Enkel aufforderte: „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling.“

Doch in der Residenzstadt Kassel, wohin die Verbannten nebst einem Geleit von 60 Studenten weiterfuhren, wurden sie nur widerstrebend aufgenommen. 20 Studenten auf einem Leiterwagen mussten schon vor dem Stadttor umkehren, die restlichen waren zu erschöpft dazu. Jacob Grimm kroch bei seinem Bruder Ludwig Emil, dem Maler, unter, Gervinus ging weiter über Darmstadt nach Heidelberg und Dahlmann schließlich nach Leipzig. Hier wie auch in Hamburg hatten sich Solidaritätskomitees gebildet, die die nun Brotlosen finanziell über Wasser hielten.

Teil des Denkmals für die ‚Göttinger Sieben‘ in Hannover, nahe zum Landtag. Foto Ulla Grochtdreis

Denn im gesamten deutschsprachigen Raum wurde die Göttinger Auflehnung als politische Demonstration gegen ein überholtes System begriffen und heftig begrüßt. Gärte es doch bereits überall in dieser Zeit des Vormärz. Bereits 1832 hatte man auf dem Hambacher Fest Pressefreiheit gefordert. Bereits 1834 hatten der Giessener Student Georg Büchner und der Butzbacher Rektor und Pfarrer Ludwig Weidig im Schutz des rauschenden Lahn-Wasserfalls an der Badenburg den Titel ‚Krieg den Palästen – Friede den Hütten‘ für den ‚Hessischen Landboten‘ gefunden. 1837 legten die Göttinger Sieben und die Göttinger Studenten ein weiteres Mosaik auf den Weg zur Paulskirchenversammlung von 1848, in der übrigens der eher gemäßigte Jakob Grimm kurze Zeit als Abgeordneter saß.

Ursula Wöll  freie Journalistin in Wetzlar