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Das Albert-Schweitzer-Spital in Lambarene wird 100 Jahre alt

Logo Gastbeitragvon Ursula Wöll
Marburg 14.1.2012 (red) Im Jahr 2013 wird  das 100. Jubiläum von Albert Schweitzers Spitalgründung in Afrika mit vielen Veranstaltungen gewürdigt. In diesem Beitrag wird Leben und Werk des großen Humanisten dargestellt, um heutigen LeserInnen Hintergrundinformationen zu bieten.

Albert SchweitzerIm Jahr 1959 verlässt der 84jährige Albert Schweitzer noch einmal sein Spital bei Lambarene in der französischen Kolonie Äquatorialafrika. Wie zuvor will er durch Orgelkonzerte und Vorträge in Europa Spenden für den Klinikausbau und für Medikamente auftreiben. Und dabei auch seine Richtlinie „Ehrfurcht vor dem Leben“ propagieren sowie für die atomare Abrüstung werben. In Kopenhagen erhält er einen Preis, der wie immer dem Krankenhaus zugute kommt. Von dem ihm 1952 verliehenen Friedensnobelpreis etwa ließ er ein neues menschenwürdiges Viertel für ’seine‘ Leprakranken bauen. Zwölf Mal hat Schweitzer bereits die lange Schiffsreise hinter sich. Auf dieser, seiner letzten Europareise kommt er auf der Fahrt von Kopenhagen nach Frankfurt auch kurz nach Wetzlar. Er besucht die nach ihm benannte Schule und ist Gast bei Dr. Elsie Kühn-Leitz. Die Industriellentochter hatte das Spital am Ogowe-Fluss besucht, unterstützte es und tauschte ihre Ideen brieflich mit dem Arzt, Humanisten, Theologen, Bachspezialisten und Orgelvirtuosen aus.

Seine umfangreiche Korrespondenz nahm Schweitzer zeitlebens ernst, er antwortete handschriftlich, meist nachts mit dem Licht der Petroleumlampe, assistiert von einem Kätzchen und einem Pelikan unter dem Fenster. Die Besucherin aus Wetzlar überlieferte: „Sogar die Ameisen finden es auf des Doktors Schreibtisch schön. Er lässt ihnen bereitwillig eine freie Bahn und rückt geduldig mit seinen Papieren zur Seite.“ Seine Ehrfurcht vor dem Leben erlaubte keine Ausnahmen, weder bei Tieren noch Menschen.

Alles Leben galt ihm gleich wertvoll, er achtete auch Taugenichtse: „Sie tragen viel mehr Liebe, Güte und Idealismus in sich als in ihrem Leben bemerklich wird. Es ist das Gute, das in ihnen ist und nicht an den Tag kommen kann, weil es die Verhältnisse nicht erlauben“, so Schweitzer 1932 im Radio Köln.

Seine ausgeprägte Nächstenliebe führte der ‚Urwalddoktor‘ auf seine glückliche Kindheit im Pfarrhaus des elsässischen Günsbach zurück, das heute Museum ist. Die Eltern ließen ihn gut ausbilden, unterstützten und lobten ihn. Er aß zweimal die Woche Fleischsuppe und erkannte früh, dass es den Spielkameraden schlechter ging. Seine Privilegien verpflichteten den jungen Mann zum Engagement. Da er nicht nur reden, sondern praktisch helfen wollte, begann der promovierte Theologe in Amt und Würden mit 30 Jahren ein Medizinstudium in Strasbourg. Alle schüttelten den Kopf, doch 1911 war er fertig, durchlief die Praktika und wurde Dr. med.

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Schon 1913 schiffte sich der 38jährige mit seiner Frau Helene und vielen Kisten nach Afrika ein. Nicht als Missionar, sondern um am Ogowefluss nahe der Stadt Lambarene wollte er ein Krankenhaus aus dem Nichts zu gründen. Was in einem Hühnerstall begann, wurde zu einer stetig erweiterten Einrichtung, die nun ihren 100. Geburtstag feiert. Bis heute wird in diesem Spital niemand abgewiesen, wenn er nicht bezahlen kann. Doch wie mühsam waren die Anfänge, neben dem Bau die wachsende Patientenzahl!

Auch die Angehörigen, die für ihre Kranken kochten, mussten untergebracht werden. Dolmetscher waren nicht immer greifbar, Termiten fraßen sich durch die Kisten, Überschwemmungen zerstörten das Erreichte, es fehlten Medikamente. Ein in Europa über Jahrhunderte entwickeltes Arbeitsethos war den Einheimischen fremd, so dass der Bauherr so manches Mal aus der Haut fuhr. Das brutale Klima am Äquator machte zu schaffen. Helene wurde davon krank, sie musste in Europa die Tochter Rhena allein aufziehen und wohl oder übel das Engagement ihres Mannes akzeptieren.

Albert Schweitzer bezog seine Kraft aus seinen abendländischen Wurzeln. „Geistige Arbeit muss man haben, um sich in Afrika aufrecht zu erhalten.“ Nach dem Essen spielte er Bach auf dem alten Klavier. Nachts entwickelte er seine Ethik weiter und maß die Weltlage an ihr. Durch seinen berühmten Namen wurde er weltweit gehört, wenn er im Radio und in Appellen den Stopp der Atombombentests und die völlige Abschaffung der Atombomben forderte.

„Die Völker als solche müssen gegen die Atomwaffen sein, wenn es gelingen soll, diese loszuwerden“, schrieb er noch 1963, zwei Jahre vor seinem Tod. Auf diesem Feld blieb ihm der Erfolg versagt. Seine Maxime ‚Ehrfurcht vor dem Leben‘ aber hinterließ Spuren in unzähligen Menschen. Sie trug dazu bei, dass am 10. Dezember 1948 die Vereinten Nationen gleiche Rechte für alle, ob schwarz oder weiß, Mann oder Frau, Christ, Moslem oder Hindu festschrieben und dass 1949 die Würde aller Menschen in unserer Verfassung verankert wurde.

Der sichtbarste Erfolg Schweitzers bleibt das nun 100 Jahre alte Spital. Als er 1965 mit 90 Jahren in Lambarene starb, war Äquatorialafrika seit 5 Jahren unabhängig und hieß Gabun. Das Krankenhaus bestand aus 70 Gebäuden, seitdem entstanden weitere moderne Neubauten. Mit sieben Ärzten und 80 Mitarbeitern werden jährlich 1400 Operationen bewältigt, 6400 Patienten stationär und 24000 ambulant behandelt, wozu man per Boot auch entfernte Dörfer aufsucht. Unterhalten wird es durch Spenden, etwa an den Hilfsverein des Albert-Schweitzer-Zentrums in der Frankfurter Wolfsgangstraße 109, wo auch eine Dauerausstellung zu besichtigen ist.

Aber auch der Staat Gabun steuert etwas bei. Gabun ist das reichste sub-saharische Land, gemessen am nominalen Pro-Kopf-Einkommen. Doch die meisten der etwa 1,5 Millionen Einwohner sind bettelarm, denn viele Einnahmen aus dem Rohstoff-Export, etwa durch die Ölfirma Elf-Aquitaine, fließen in die Taschen des Bongo-Clans, der das Land seit 1967 regiert. Nach der jahrzehntelangen Diktatur des korrupten Omar Bongo, eines der reichsten Staatschefs Afrikas, ist nun sein Sohn Ali Bongo Staatspräsident. Zwar hat Gabun heute formal ein Mehrparteiensystem, doch die Fäden zieht wohl noch immer der Familienclan. Ali Bongo plant nun ein Universitätsklinikum in Lambarene, wozu das Albert-Schweitzer-Hospital, sein Forschungszentrum und das staatliche Krankenhaus in Lambarene kooperieren sollen.

Veranstaltung Albert SchweitzerWie das einzuschätzen ist, wird sicher auf dem Symposium ‚Albert Schweitzer und Lambarene 1913 – 2013‘ vom 24. – 26. Mai in Frankfurt diskutiert werden. Schon am 26. Januar moderiert Frank Lehmann den Benefiz-Abend „Hundert Jahre Menschlichkeit“ in Frankfurt mit Eva Demski, Emil Mangelsdorff und vielen Prominenten mehr. Über 150 über das Jahr 2013 und viele Städte verteilten Benefiz-Orgelkonzerte sorgen neben einer Fülle weiterer Veranstaltungen für Tam-Tam zu Gunsten des Spitals in Lambarene.

—>Das gesamte Programm ist unter www.albert-schweitzer-100.de abrufbar.

 

Ursula Wöll