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Heribert Prantl im Gespräch: Journalismus, der Angst vor Veränderungen hätte, wäre ein Unglück

Heribert Prantl Foto Catherina HessMarburg 3.2.2013 (yb) Am 4. Februar wird in einem Festakt in der Aula der Alten Universität der Brüder-Grimm-Preis 2012 der Philipps-Universität Marburg an den politischen Publizisten Heribert Prantl verliehen. Der Buchautor und Ressortleiter Innenpolitik der ‚Süddeutschen Zeitung‘ beantwortet für das Marburger. Fragen zu Veränderungen, Aufgaben und wachsender Bedeutung des Journalismus in seinem gedruckten Erscheinungsbild.

Was bedeutet für Sie Marburg? Kennen Sie die Stadt, waren Sie schon einmal hier oder verknüpfen Sie Marburg eher mit der Philipps-Universität ?
Heribert Prantl: Ich war damals Abiturient. Sie hieß Claudette und studierte in Marburg Germanistik.

Welche Einschätzung haben Sie als politischer Journalist der Süddeutschen Zeitung zur Zukunft des gedruckten Journalismus?

Heribert Prantl: Die gedruckte Zeitung wird es immer geben. Aber der Journalismus wird sich nicht mehr ganz so fest wie bisher am Papier festhalten; er löst sich zum Teil davon, aber er löst sich nicht auf. Der Journalismus steht vor Veränderungen. Aber ein Journalismus, der Angst vor solchen Veränderungen hätte, wäre ein Unglück. Ein guter Journalist ist ein Forscher, ein Entdecker, ein Erklärer – er ist ein Amundsen, er ist ein Scott. Er kann Dinge, die andere nicht können, er traut sich Dinge, die sich andere nicht trauen…
Noch nie war Journalismus weltweit zugänglich; heute ist er es-. Noch nie hatten Journalisten ein größeres Publikum als heute, nach der digitalen Revolution; sie belebt das Geschäft, sie schafft neue Bedürfnisse. Noch nie war das Bedürfnis nach einem orientierenden, aufklärenden, verläßlich einordnenden, klugen Journalismus so groß wie heute. Das Internet ist globale horizontale Verbreiterung des Wissens. Guter Journalismus geht in die Tiefe.

Im Zuge von anhaltenden Bedeutungszuwächsen internetbasierter Kommunikation und Medien sind viele Zeitungen in eine Existenzkrise geraten. Zuletzt wurde die ‚Financial Times Deutschland‘ eingestellt. Die renommierte ‚Frankfurter Rundschau‘ hat Insolvenz angemeldet. Haben Zeitungen eine Zukunft?
Heribert Prantl: Die FR und die FTD sind nicht wegen internetbasierter Kommunikation in die Krise geraten. Die Krise der FR ist viel älter. Und dass die Financial Times Deutschland eingestellt werden musste liegt vor allem daran, dass deren Marktchancen von Anfang an falsch eingeschätzt wurden – nämlich überschätzt. Sie entstand, als der der Finanzmarkt-Hype am größten war. Die Verleger gingen davon aus, dass jeder Bürger ein Wirtschaftsbürger und Finanzmarktkunde und damit ein potentieller Käufer ist. Das war eine Täuschung.
Der Journalismus hat – aus den Gründen, die ich vorhin geschildert habe – eine gute, ja eine glänzende Zukunft. Und die Zeitung als Premium-Objekt dieses Journalismus ist Teil dieser Zukunft.



Welche journalistischen Merkmale, Kriterien und Aufgaben sind für Sie mit dem Zeitungsjournalismus verbunden?
Heribert Prantl: Die Stärke des Internets und auch des Online-Journalismus ist seine Rasanz und die unmittelbare Kommunikation mit dem Leser. Die Stärke der Zeitung ist die kluge Analyse, die Tiefenschärfe, die Orientierungskraft im Nachrichtenwust.

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Bei der ‚Vermeldung‘ von Ereignissen kommt und kam die Zeitung bei allem Bemühen immer zu spät. Diese natürliche Schwäche war den Zeitungen seit jeher bewusst. Die ‚Zürcher Zeitung‘ stellte im Titelblatt ihrer Ausgabe vom 12. Januar 1780 nüchtern fest, dass es ihr bei allem Bemühen versagt bleiben werde, „die Weltbegebenheiten früher anzuzeigen, als sie geschehen sind.“
Der Vorsprung, die Vermeldung eines Ereignisses zumindest vor der gesamten Konkurrenz, war deshalb bisher Ziel jedes Unternehmens, das mit Informationen Geschäfte macht – erreichbar durch ein ausgebautes Korrespondentennetz, durch Ausnutzung aller technischen Hilfsmittel bei der Übermittlung durch Erschließung neuer Nachrichtenquellen. Dank dieses Bemühens schrumpfte die zeitliche Distanz zwischen Ereignis und Öffentlichkeit immer weiter.

Mit dem Internet ist das Ende dieser Entwicklung erreicht. Es erreicht das Publikum im Idealfall in Echt-Zeit. Es verfügt also über eine Fähigkeit, die eine Zeitung bei allergrößtem Bemühen nicht erreichen kann. Weil es das Internet, weil es also nun bessere, schnellere Methoden bloßer Informationsvermittlung gibt, kann sich die Zeitung auf anderes konzentrieren – auf Analyse, Hintergrund, Kommentierung, auf Sprachkraft, Gründlichkeit und Tiefgang auf all das, was sich in der Hetze der Echtzeit im Internet nicht leisten lässt. Die Zeitung kann Wegweiser sein im Wirrwarr; sie kann Informationen destillieren, konzentrieren, auswerten, bewerten.

Können anders verteilte Medien, wie Online-Ausgaben von Zeitungen, die grundständigen Leistungen seriöser journalistischer Arbeit und gedruckt vorliegender Informationen überhaupt übernehmen, gar ersetzen?
Heribert Prantl: Kein neues Medium hat je die alten Medien verdrängt. Es kommt zu Koexistenzen. Das Internet ersetzt nicht gute Redakteure, es macht gute Journalisten nicht überflüssig; im Gegenteil: Es macht sie noch wichtiger als bisher. Gegen Datentrash hilft, wie gesagt, nur Analyse und Hintergrund.  Den muss und wird die gedruckte Zeitung bieten: mit wertehaltigem Journalismus, nicht mit Billigjournalismus. Sie wird das Basislager des Journalismus sein und bleiben.

Wie ist inzwischen die ‚Süddeutsche Zeitung‘ auf dem ‚Markt‘ positioniert? Mir ist eine Auflagenzahl von 400.000 im Gedächtnis? Gibt es bei der Auflage der ‚Süddeutschen‘ sinkende Auflagenzahlen?
Heribert Prantl: Wir halten uns einigermaßen stabil. Wir sind überregional Markführer mit knapp 420.000 Auflage, am Wochenende noch erheblich mehr. Mit 1,48 Millionen Lesern durchschnittlich täglich erreicht die Süddeutsche Zeitung heute einen historischen Höchstwert in der aktuellen Media-Analyse und führt mit noch größerem Abstand als bisher die Gattung der überregionalen Qualitätszeitungen an.

Wie gehen Verlag und Redaktion mit der vorherrschenden Entwicklung um? Gibt es inzwischen weniger Redakteure und Journalisten in Ihrem Haus?
Heribert Prantl: Natürlich ist die Personalsituation angespannt – das heißt, wir können nicht so munter einstellen, wie wir es gerne täten. Aber wir leisten uns eine starke Redaktion, dazu ein wunderbares Korrespondennetz im In- und im Ausland. Wir entlassen niemand und wenn wir unsere Volontärinnen und Volontäre, die wir ausbilden, und die wirklich sehr, sehr gut sind, übernehmen können, dann freue ich mich auch persönlich sehr.

Heribert Prantl mit Brüder-Grimm-Preis der Phlipps-Universität Marburg 2012. Foto Hartwig Bambey

Heribert Prantl in Marburg bei der Überreichung des Brüder-Grimm-Preis 2012 der Philipps-Universität. Foto Hartwig Bambey

Als eine Folge wachsenden wirtschaftlichen Drucks lässt sich übergreifend ein Verlust journalistischer Eigenständigkeit und Vielfalt beobachten. Welche Perspektiven sehen Sie für jüngere Kollegen, die sich als Journalisten mit einem kritischen ‚Wächterauftrag‘ begreifen? Haben die überhaupt noch eine Chance?


Heribert Prantl: Ja. Demokratie braucht Wächter, heute und morgen. Der Journalismus ist daher der spannendste Beruf, den ich mir nur vorstellen kann. Er ist kein bequemer Beruf, und das wird er auch in Zukunft nicht werden. Ich habe, bevor ich Journalist geworden bin, als Richter und als Staatsanwalt gearbeitet. Ich habe den Wechsel keine Minute bereut. Und der Journalismus wird in Zukunft nicht weniger spannend werden. Man wird nicht reich in diesem Beruf, auch in Zukunft nicht. Aber wer diesen Beruf als Berufung betrachtet, der wird nicht nur sein Auskommen haben – er wird glücklich sein mit diesem Beruf; also reich sein.


Beobachten Sie in ihrer langjährigen Arbeit Veränderungen in Ihrer eigenen Arbeit und Schreibe? Gibt es heute überhaupt noch ein erfahrenes und anspruchsvolles Lesepublikum in hinreichender Breite oder muss zeitgemäße Schreibe unabweisbar notwendig anders, einfacher und vereinfachend formulieren?
Heribert Prantl: Es gibt keine „zeitgemäße Schreibe“. Es gibt gutes Schreiben. Und es gibt nach wie vor und ich hoffe in eher noch steigendem Maß das Publikum, das die professionelle Neugier des Journalisten und seine Gabe schätzt, komplizierte Sachverhalte verständlich zu schildern, zu analysieren und zu bewerten. Die Freude an einem solchen Journalismus wird nach meinem Gefühl langfristig eher wachsen als sinken. Es wird mehr denn je gelten: Autorität kommt von Autor und Qualität kommt von Qual. Das meint nicht, dass man die Leser mit dümmlichem, oberflächlichem Journalismus quälen soll. Qualität kommt von Qual: Dieser Satz verlangt von den Journalisten in allen Medien, dass sie sich quälen, das Beste zu leisten – und er verlangt von den Verlegern und Medienmanagern, dass sie die Journalisten in die Lage versetzen, das Beste leisten zu können. Dann hat der Journalismus die gute Zukunft, die ich schon prognostiziert habe.

Was verbinden Sie den Brüdern Grimm?
Heribert Prantl: Mit den Brüdern Grimm habe ich Lesen und Staunen gelernt. Ihre Märchen haben mir die Welt geöffnet. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die journalistische Koryphäen als ihre ersten Lehrer nennen dürfen. Es gibt andere, die haben berühmte Väter. Wieder andere können berichten, dass Tolstoi, Dickens oder Balzac ihr Erweckungserlebnis gewesen sei. Ich habe mit Maria Prantl lernen dürfen, sie war meine Großmutter, sie war für mich eine Berühmtheit, nicht so sehr, weil sie vierzehn Kinder geboren und ich dementsprechend viele Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen hatte, sondern weil die ebenso resolute wie gütige Bauersfrau spezielle Hobbys hatte: Briefe schreiben, die Bibel lesen und die Grimmschen Märchen. Ich war ihr Schüler.
Und später habe ich gelernt, dass Jakob und Wilhelm Grimm nicht nur wunderbare Märchenerzähler waren – sondern  politische Professoren. Man hat die Grimms romantisch verniedlicht, man hat sie entpolitisiert, verbiedermeiert, man hat sie zu weltfremden Stubengelehrten gemacht. Das waren sie nicht. Sie waren politische Professoren. Sie hielten es mit Kant und seiner Forderung: „Das Recht muß nie der Politik, wohl aber die Politik dem Recht angepaßt werden“. Und das lebten sie auch so. Ihr Aufstand mit den ‚Göttingen Sieben‘ gegen den verfassungsbrüchigen König war und ist eine vorbildliche Tat. Die Brüder Grimm gehören an den Anfang der deutschen Demokratiegeschichte. Das ist viel zu wenig bekannt.

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Welches Grimm´sche Märchen ist Ihnen am wichtigsten und warum?
Heribert Prantl: Mein Lieblingsmärchen ist ziemlich unbekannt, es heißt ‚Herr Korbes‘ und es ist, wie Märchen es oft sind, drastisch – es handelt davon, wie es vermeintlich Schwache miteinander schaffen, sich erfolgreich gegen eine Gefahr zu verteidigen. Die Gefahr, gegen die sie sich verteidigen, wird verkörpert durch einen Herrn Korbes. Der wird am Schluß von einem Mühlstein erschlagen.
In meinen Vorträgen schreibe ich das ein wenig um: Der Herr Korbes, Symbol für Aggression, Rassismus, Machtgeilheit und Neonazismus  – er soll nicht erschlagen, sondern verjagt werden …

Welche/r Publizist/in und Wissenschaftler/in leistet heute Vergleichbares wie die Brüder Grimm?
Heribert Prantl: Die Brüder Grimm sind Solitäre. Sie sind in der deutschen Geistesgeschichte etwas so Besonderes, dass man nach Vergleichen heute gar nicht erst suchen sollte.

Welches Wort, Ausdruck oder Phrase würden Sie in einer Veröffentlichung keinesfalls verwenden, halten Sie für ‚verboten‘?
Heribert Prantl: Ich sage meinen Journalistenschülern gern: Phrasen und Bilder, die immer gehen, gehen nie. Dazu gehört zum Beispiel die Bewertung, dass es nun „Fünf vor Zwölf“ sei.

—>Bericht Verleihung Brüder Grimm-Preis 2012 an Heribert Prantl