Einsamkeit im Alter: Eine Bratwurst beim Stadtfest mitzuessen, wäre schon schön gewesen

Marburg 15.07.2019 (pm/red) „Wir haben Dich nicht gefragt, ob Du zum Stadtfest mitkommen willst, es ist doch zu beschwerlich für Dich“. Es stimmt, denkt die angesprochene, ältere und behinderte Person. Es wäre zu beschwerlich, aber …

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Abgeerntet! Auseinandersetzung vor Ort mit Welthunger und Welternährung

Ausstellungsbesuch-berufliche-Schulen-Kirchhain-Foto-L.KoblofskyMarburg 10.3.2013 (red) Am 25. Februar 2013 endete das Ausstellungsprojekt ‚abgeerntet! zu Welthunger und Welternährung in der Evangelischen Studierendengemeinde Marburg. Die VeranstalterInnen und BesucherInnen können auf vier lehrreiche und erfolgreiche Wochen zurückblicken. Dieser Gastbeitrag von Johannes Maaser M.A. mit Fotografien von Lydia Koblofsky (Marburger Weltladen/Entwicklungspolitisches Netzwerk Hessen) gibt Einblicke in das Themenfeld ‚Welthunger und Welternährung‘ sowie in die thematische Auseinandersetzung der BesucherInnen in Marburg. Zur Vertiefung und weiteren Beschäftigung mit dem Thema werden im Artikel zahlreiche Verweise/Links genannt:

500 BesucherInnen fragen: Wer ernährt die Welt?

Schulklasse-berufliche-Schulen-Kirchhain-Foto-L.KoblofskyAuf Initiative des Marburger Weltladens und des Entwicklungspolitischen Netzwerks Hessen (EPN) war das —>INKOTA-Ausstellungsprojekt ‚abgeerntet. Wer ernährt die Welt?’ für einen Monat lang in Marburg zu Gast. Insgesamt nutzten über 500 Besucherinnen und Besucher die Gelegenheit, sich im Rahmen der Wanderausstellung im Hans-von-Soden-Haus der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) mit den drängenden Problemen der Welternährung auseinanderzusetzen. Auch das Begleitprogramm zu ‚abgeerntet‘ stieß in Marburg und Umgebung auf reges Interesse: 15 Schulklassen und Jugendgruppen nahmen das Angebot wahr und besuchten thematisch aufbauende Bildungseinheiten.

Schon während der lebhaften und kontroversen Diskussionen nach den ->Eröffnungsvorträgen am 1. Februar wurde klar, dass die Wanderausstellung ‚abgeerntet‘ mit ihrer Leitfrage ‚Wer ernährt die Welt?‚ in Marburg ein kritisches aber offenes Publikum gefunden hatte. Praktisch alle Fragen, die seit der Auftaktveranstaltung nicht nur sinnbildlich sondern auch zwischen den Zeilen der Ausstellungstafeln im Raum standen, sollten auch im vielseitigen Rahmenprogramm immer wieder aufgegriffen werden.

Viele Kleinbauern und -bäuerinnen hungern

Die erst jüngst am 26. Februar veröffentlichte —>Oxfam-Studie ‚Behind the Brands‘ hat das Grundparadox der Welternährungsproblematik erneut auf drastische Weise verdeutlicht. Während die zehn größten Lebensmittel- und Getränkehersteller der Welt täglich über 800 Millionen Euro Gewinn erwirtschaften, sind 80 Prozent der Menschen, die als „chronisch hungrig“ bezeichnet werden, in der Landwirtschaft tätig.

Der Nahrungsmittelmarkt boomt also – eine Branche, die weltweit größer ist, als der Energiesektor. Nur die eigentlichen ProduzentInnen dieser Lebenswichtigen Güter, Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, werden offenbar nicht vom Boom um ihre Waren erreicht. Laut Oxfam geben sich die Lebensmittelkonzerne bei der Formulierung von Firmenzielen zwar problembewusst, doch keines der Unternehmen habe sich klar verpflichtet, Bauern einen fairen Preis für ihre Produkte zu zahlen.

Auch bei der Pacht oder dem Kauf von Landflächen für den Anbau von Palmöl, Soja oder Zuckerrohr missachteten die meisten Konzerne die Rechte der lokalen Bevölkerung – das sogenannte Land Grabbing, ‚Landraub‘. Mit Blick auf die Hungerproblematik als solche, ist jedoch selbst die rücksichtslose Firmenpolitik großer Lebensmittelmultis nur ein Teilaspekt. Auch neokoloniale Abhängigkeiten, Naturkatastrophen, Kriege oder verfehlte Wirtschafts- und Entwicklungszusammenarbeit können akute und strukturelle Nahrungsmittelkrisen bedingen. —>Übersicht zur Hungerproblematik findet sich auf der Seite Weltargrarbericht 2008

Diese komplexen Zusammenhänge und Probleme der ‚Welternährung‘ verstehen zu wollen und gleichzeitig nach Möglichkeiten für das eigene Handeln zu suchen – das war die große Hausforderung, der sich das Bildungsprogramm im Rahmen von ‚abgeerntet‘ stellen wollte. Denn im Alltag sind wir uns selten darüber bewusst, wie viele politische, klimatisch-geographische, soziale oder ökonomische Prozesse und Kontexte verwoben sind, die die Notlagen der von Hunger betroffenen Menschen herbeiführen.

Begleitprogramm: am wichtigsten sind die Fragen, nicht die Antworten

Um zumindest eine Annäherung an die großen Zusammenhänge zu ermöglichen, behandelte ein Workshopkonzept, das vornehmlich an Berufs- und OberstufenschülerInnen gerichtet war, fünf Themenfelder: Die ◆ Industrialisierung der Landwirtschaft als ‚grüne Revolution‘, die Zweischneidigkeit der ◆ vermeintlichen Vorteile von Agrokraftstoffen und ◆ grüner Gentechnik, aber auch die ◆ Möglichkeiten und Grenzen der Prinzipien des fairen Handelns wurden intensiv diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei ◆ die Situation der Kleinbäuerinnen und Kleinbauern, die die eindeutigen VerliererInnen der eingeschlagenen Entwicklungen sind.

Weltspiel-Schulgarten-AG-Gladenbach-Foto-L.KoblofskyIn weiteren Workshops für Kinder und Jugendliche ging es vornehmlich um die Herkunft und Verteilung von Lebensmitteln sowie um globale Unterschiede und Gemeinsamkeiten der persönlichen Speisekarte. Aber auch über die Schwierigkeiten eines ‚fairen‘ Zugangs zu Lebensmitteln und Gütern und daraus entstehende Verteilungsungerechtigkeiten wurde nachgedacht.

Bei allen Workshops, Sensibilisierungseinheiten und Diskussionen war ausdrücklich nicht das Ziel, verbindliche Antworten auf Problemlagen zu bieten oder gar Verhalten zu diskreditieren. Denn die Frage nach einer für alle Menschen zufrieden stellenden ‚Welternährung‘ wirft weitere Fragen auf, die nicht leichtfertig, im Vorbeigehen beantwortet werden können:

  • Was hat eine Autofahrt in Marburg mit dem Tortillapreis in Mexiko zu tun?Tragik_Welthunger-Joel-Cohen
  • Gibt es einen Zusammenhang zwischen meinem eigenen Fleischkonsum und der Knappheit von Wasser** und Land in Brasilien?
  • Warum hungern etwa 900 Millionen der sieben Milliarden Menschen, obwohl die landwirtschaftliche Produktion derzeit mindestens 10 Milliarden ernähren könnte?
  • Kann grüne Gentechnik vielleicht das Hungerproblem lösen?

Was hat der Hunger in der Welt mit mir zu tun?

Workshop-zum-Welthunger-Foto-L.KoblofskyMit solchen Fragen an die Lebenswelt der TeilnehmerInnen anzuknüpfen und zur gemeinsamen Reflexion einzuladen, war das Hauptanliegen der Veranstaltungen. So stand das Interessieren, Aktivieren, Motivieren im Vordergrund unserer Projekte. Nicht zuletzt angesichts der durchweg sehr positiven Resonanzen hoffen wir, dass uns dies ein Stück weit gelungen ist.
Auch uns hat die Ausstellung noch einmal eindrucksvoll vor Augen geführt, dass die quälenden Probleme des Welthungers und der globalen Ungleichheiten nicht nur in den Übungen der Bildungsprogramme, sondern auch im persönlichen Alltagshandeln zum Nachdenken anregen sollten.

***Joel Cohen in Spiegel-Online 2011: „Die Tragik besteht darin, dass es im Grunde reichlich Nahrung gibt. Wir könnten sogar neun, zehn, elf Milliarden Menschen satt machen“, sagt Joel Cohen von der New Yorker Rockefeller University. „Das Getreide ist da, schon heute.“ Aber nur 46 Prozent würden gegessen. „34 Prozent werden an Tiere verfüttert, der Rest ist Biosprit und Schmierstoff.“ Eine Milliarde Menschen habe ständig Hunger. „Kein Wunder, wenn wir mehr als die Hälfte unserer Nahrungsmittel lieber an Vieh und Maschinen als an Menschen verfüttern“, meint Cohen.—>Artikel von Markus Becker im Volltext

Zusammenhang Fleischkonsum und Knappheit von Wasser**
Für die Produktion eines einzigen Kilos Rindfleisch (1000 Gramm) werden etwa 15.000 (fünfzehntausend) Liter Wasser benötigt! —>Magazin Focus
Laut Verbrauchsstatistik des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie isst jede/r der etwa 82 Millionen Deutschen neun Kilogramm Rindfleisch pro Jahr (= 135.000 Liter Wasser pro Kopf, allein für in Deutschland verkauftes Rindfleisch) —>Webseite Verband Fleischwarenindustrie 

Der Autor Johannes Maaser M.A. ist freiberuflicher Bildungsreferent. Er arbeitet als Lehrbeauftragter am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität und hat für das Ausstellungsprojekt ‘abgeerntet’ verschiedene Workshops durchgeführt. In Marburg hat er Kultur- und Religionswissenschaft, sowie Friedens- und Konfliktforschung an der Philipps-Universität studiert.