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Wachsende Diskussion um Parkplatzprobleme in Marburg – Syndrom einer fehlenden Stadtentwicklungspolitik

dbaz1010_0003-Verkehr-Elisabethstrasse140127 (yb) In der Stadt Marburg ist in der letzten Zeit erneut eine lebhafte Debatte um Parkplätze in Gang gekommen. Zu recht, müssen doch gleich in mehreren Bereichen der Stadt und ihrer zukünftigen Gestalt Defizite in quartiernahen Abstellmöglichkeiten insbesondere für PKW und beinahe genauso auch für Fahrräder festgestellt werden. Diese nicht neue Debatte beschreibt zum einen konkrete Missstände und sich bereits abzeichnende Unterversorgung in zukünftigen Stadtquartieren der Innenstadt. Zum anderen offenbart sich darin ein Mangel an Planung und fehlendem Willen (oder Fähigkeit) die gewollte Stadtentwicklung als Ganzes zu denken und sich vor Augen zu führen.

In vorausgegangenen Diskussionen war es vor allem die Marburger CDU, die mit dem Parkplatzthema kommunalpolitisch Punkte sammeln wollte. Doch eine mitunter verkürzte und zu wenig konkrete Argumentation seitens der Vortragenden wollte und konnte der Parkplatzfrage als CDU-Thema keine adäquate Wahrnehmung bescheren. Die Wahrnehmung und Relevanz der Diskussion nimmt jetzt deutlich an Fahrt auf. Woran liegt das? Was steckt dahinter? Was trägt dazu bei, dass ein beschreibbares Parkraumdefizit inzwischen mehr Aufmerksamkeit erfährt als noch vor Jahresfrist?
So beschäftigt das Thema Parken für Senioren inzwischen auch die AG 60+ der SPD, nachdem zuvor aus dem heterogenen und uneinigen bürgerlichen Lager des Marburger Stadtparlaments unter anderem die Erreichbarkeitsfrage via PKW für ältere und weniger fußmobile Menschen mit auf die Tagesordnung gehoben worden ist.

Blick vom Parkhaus Pilgrimstein auf den jetzigen Pakrplatz auf dem vormaligen Gelände der Marburger Baurerei, an die alleine noch der Schornsteinstummel erinnert. Hinter dem Mühlgraben Hörsaalgebäude und Uni-verwaltungsgebäude. Foto Hartwig Bambey

Blick vom Parkhaus Pilgrimstein auf den inzwischen weitgehend entfallenen Parkplatz auf dem vormaligen Gelände der Marburger Baurerei, an die der inzwischen abgebrochene Schornsteinstummel erinnert hat. Foto Hartwig Bambey

Unmittelbarer Auslöser für die erneuten und anhaltenden Diskussionen von Fragen und Anliegen zur Parkraumversogung war der weitgehende Wegfall des Brauereiparkplatzes am Pilgrimstein zu Füßen des dortigen Parkhauses. Wie schon bei Einrichtung dieses Parkplatzes durch die Stadt angekündigt, handelte es sich bei der Nutzung des Geländes der früheren Marburger Brauerei als Parkplatz lediglich um eine Zwischenlösung. Der Großteil der Fläche soll als Baugrund für einen Neubau des Deutschen Sprachatlas dienen. Inzwischen wurde der Schornsteinstummel abgebrochen und das Baufeld eingerichtet. Damit sind in der Innenstadt gut und gerne 100 Parkpätze in bester Lage entfallen.

Der zwischenzeitliche Brauereiparkplatz hatte sich großer Beliebtheit erfreut. Angesicht der Lage, seiner Ausstattung und eines offensichtlichen Bedarfs an Parkraum konnte dies nicht verwundern. In den Jahren davor waren zudem die Parkplätze am Lahnuferbereich entlang der Uferstraße allesamt beseitigt worden. Einer „naturnahen“ Uferraumgestaltung an der Lahn hatte die rot-grüne Kommunalpolitik deutlichen Vorrang gegenüber einer Nutzung als Abstellflächen für PKW eingeräumt.

Blick zum Parkhaus Pilgrimstein vom Hörsaalgebäude kommend (Foto H.Bambey)

Blick zum Parkhaus Pilgrimstein vom Hörsaalgebäude kommend mit dem vormaligen Brauereiparkplatz. Foto Hartwig Bambey

Die aktuelle Diskussion hat also mit dem Wegfall einer relevanten Zahl von Parkplätzen eine durchaus reale Grundlage. Einen Aspekt hat dabei die veröffentlichte Idee einer Erweiterung des Parkhauses Pilgrimstein vor kurzem eingenommen. Mittels eines Anbaus zunächst in nördlicher Richtung vorgeschlagen, dann nach Intervention durch den Oberbürgermeister in südlicher Richtung befürwortet, erschien es machbar bis zu 150 Parkplätze zusätzlich zu schaffen. Divergierend waren die Überlegungen hinsichtlich Nutzer. Es gab den Vorschlag in dem Parkhaus Raum für Dauerparker aus der Oberstadt zu schaffen. Dem widersprach der Oberbürgermeister und forderte die Schaffung wechselnd nutzbarer Parkplätze für ein breites Publikum.

Nicht genug mit einer flatterhaften Diskussion um eine aufwändige Parkhauserweiterung. Im Vorfeld der anstehenden Januarsitzung der Stadtverordneten gab es Diskussionen um gleich mehrere Anträge an das Stadtparlament. Die „Bürger für Marburg“ würden gerne einen Runden Tisch zum Anliegen Parkraum-Marketing einrichten. Von ihnen kommt zudem der Vorschlag der Sperrung des Pilgrimstein für den motorisierten Individualverkehr.

Visualisierung Neubau Deutscher SprachatlasCDU und Bürger für Marburg wollten eruiert wissen, ob in Verbindung mit Universitätsbauten auf dem vormaligen Brauereiparkplatz Parkplätze (für Fahrräder und KFZ) sich im Untergeschloss realisieren lassen könnten. Weil die Bauplanungen für den Neubau Deutscher Sprachatlas längst abgeschlossen sind und eine weitere Bebauung seitens der Universität dort (Neubau für Juristen) inzwischen von deren Präsidentin zurückgezogen und ausgeschlossen worden ist, gibt es dafür keine Grundlage.

Viele Diskussionen aber keine Perspektive

Marburg ist also derzeit und einmal wieder mit Auseinandersetzungen um eine adäquate Parkraumversorgung gut beschäftigt. Land kommt dabei so recht keines in Sicht. Denn an ebenerdigem Baugrund gar für eine großflächige Parkplatzanlage mangelt es nun einmal in der dichtbebauten Universitätsstadt. Einigkeit besteht alleine in der Absicht auf dem derzeitigen Parkplatz der Unibibliothek ein Parkdeck zu errichten, womit der aktuell lediglich ebenerdigen Nutzung wohl zwei weitere Nutzetagen für PKW hinzugefügt werden können. Diese Maßnahme wäre jedoch keine innenstadtnahe Lösung. Schon gar nicht mit Blick auf den Campus Firmanei mit dessen kommenden Herzstück in Gestalt der neuen Universitätsbibliothek am Alten Botanischen Garten in mehr als einem Kilometer fußläufiger Entfernung.

An weiteren Ideen und Plänen für zusätzlichen Parkraum in Marburg existiert die Absicht das Parkdeck am Hauptbahnhof aufzustocken. Damit kann nur eine überschaubare Anzahl von Parkplätzen geschaffen werden. Gleiches gilt für geäußerte Ideen das kleine Parkdeck am Barfüßertor zu erweitern oder ein Parkdeck in einer Baulücke in der Universitätsstraße zu schaffen.

Zusammen betrachtet kreist die Diskussion um Anliegen und Problemlage ohne dass eine Perspektive in Sicht geraten würde. Selbst mit dem Bau eines Parkdecks auf dem Parkplatz der Universitätsbibliothek, gelegen jenseits der Stadtautobahn, würden per Saldo nur Parkplätze geschaffen, die es vordem schon einmal innenstadtnäher (am Lahnufer und Brauereiparkplatz) gegeben hat.

Der ruhende Verkehr in Marburg ist und bleibt also eine ungelöste Gemengelage und wirft kein gutes Licht auf (nicht vorhandenen) Willen und Fähigkeit der Rot-Grünen Rathauskoalition sich mit den diesbezüglichen Belangen der Stadtentwicklung wirklich auseinanderzusetzen.

Dabei gäbe es triftige Gründe sich aus Gründen der Stadtentwicklung mit der beklagten Parkraumnot zu beschäftigen. Insbesondere die Grünen ziehen sich kurzatmig und kurzfristig auf Erkenntnisse zum „modal split“ zurück, wonach die Studierenden nun einmal weit überwiegend zur Fuß, per Bus und Fahrrad unterwegs sind. Auch wenn dies, belegt durch Untersuchungen, zutreffend ist, kann nicht übersehen werden, dass in wenigen Jahren sich eine neue, veränderte und verschärfte Situation bieten wird.

Modell vom Campus Firmaei mit neuer Universitätsbibliothek im Vordergrund präsentiert im Rahmen des Wettbewerbsverfahrens für die neue Bibliothek. Foto und Bearbeitung Hartwig Bambey. ->für Großdarstellung auf das Foto klicken

Modell vom Campus Firmaei mit neuer Universitätsbibliothek im Vordergrund präsentiert im Rahmen des Wettbewerbsverfahrens für die neue Bibliothek. Foto und Bearbeitung Hartwig Bambey.

Die Philipps-Universität und die Stadt Marburg selbst nehmen derzeit sehr viel Geld in die Hand, um bauliche Großprojekte zu verwirklichen. In diesem Jahr soll Baubeginn für die neue Universitätsbibliothek am Alten Botanischen Garten sein. Der langgezogene Neubau soll rund 1.000 Nutzerarbeitspätze bieten. Hinzu kommt eine dreistellige Zahl von Beschäftigten. Wer jedoch umgebenden Parkraum sucht, kann nicht fündig werden. Zusammen mit dem Studienbetrieb von zahlreichen Instituten, die an den zukünftigen Campus Firmanei verlagert werden, wird dort ein neuer und zusätzlicher Publikumsverkehr in der Größenordnung von mehreren Tausend Menschen enstehen und verkehrlich zu organisieren sein.

Vieles spricht dafür, dass sich als grob fahrlässige Unterlassung erweisen wird dem Land Hessen als Bauherrschaft in Gestalt der Philipps-Universiät Baugenehmigungen zu erteilen ohne von den Vorschriften der städtischen Stellplatzordnung Gebrauch zu machen. Dabei geht es um viele Millionen Euro, die das Land bei Unterlassung der Anlage adäquater Stellplätze als finanzielle Ablösung entrichten müsste. Diese Millionen Euro fehlen der Stadt Marburg, denn irgendwo muss für die PKW zussätzlicher Raum geschaffen werden. Das kostet.

Planansicht StadthalleNicht genug mit solcher Unterlassung gegenüber Universität und Land Hessen. Die Stadt Marburg baut derzeit für mehr als 30 Millionen Euro ihre Stadthalle um und aus. Dort werden zumindest 600 zusätzliche Besucherplätze entstehen, zudem wird in der Stadthalle neu die Touristinformation eingehaust. Zusätzliche Parkplätze für diese Schwerpunktmaßnahme der Stadt sind ebenso Fehlanzeige.

In wenigen Jahren wird mit dem neuen Campus Firmanei und der baulich erweiterten Stadthalle – dazu das sanierte Hülsen-Haus mit einem neu gestalteten Universitätsmuseum – eine erhebliche Verdichtung dieses inneren Kerns der Stadt Marburg zu Füßen der Oberstadt mit sich bringen. Viel neues und zusätzliches Stadt- und Universitätsleben werden Raum suchen und sich Bahnen brechen. Doch der planerische Umgang seitens der Stadt geht über je projektbezogene Einzelbetrachtung „klein klein“ viel zu wenig hinaus und verzichtet dabei auf angemessene begleitende Verkehrsplanungen und Ausstattung.

Dies ist der entscheidende Hintergrund, vor dem die „leidige“ Parkraumfrage, über die artikulierten Anliegen und Argumente hinaus blickend, betrachtet werden sollte. Doch das wird verweigert. Solche Verkürzung und allein jeweils nur projektorientiertes Handeln in der Stadt Marburg wird jedoch nicht darüber hinwegtäuschen können, dass sich in Marburgs Mitte vieles verändern und verdichten wird. Am Ende werden an neuen Verkehrsführungen und an einer Organisation des ruhenden Verkehrs (Parkraumbeschaffung) kein Weg vorbei führen. Im Moment gelingt es offenbar in der Wahrnehmung davon abzulenken. Noch. Doch die Parkplatzdiskussion dieser Tage könnte sich als hilfreich und notwendig erweisen.

Tiefgarage im Stadtzentrum als Option und Hypothek

Dabei liegt mit dem Vorschlag zum Bau einer Tiefgarage in der Biegenstraße / Bereich Stadthalle und Hörsaalgebäude eine mehr als brauchbare Idee auf dem Tisch. Es bleibt abzuwarten welchen Verlauf die Diskussionen nehmen werden. In den vergangenen Jahren musste womöglich der dicke Brocken der Stadthallensanierung mit rund 35 Millionen Euro statt anfänglich benannter 16 Millionen den Wählern erst einmal verkauft werden. Es fehlte neben ganzheitlicher Sicht wohl am Mut alle Zahlen auf den Tisch zu legen.

Das könnte sich ändern und müsste sich ändern, wenn in Marburgs zukünftiger Mitte ein atmosphärisches Miteinander organisiert werden soll – die dafür in unserer Gesellschaft nun einmal nicht wegzudenkenden Automobile dabei zum Parken unterirdisch abgestellt. Derzeit sieht es eher danach aus, dass Egon Vaupel diese Aufgaben seinem Nachfolger als Oberbürgermeister hinterlassen und damit aufbürden wird.

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