Strohballen statt Beton – Mönche bauen nachhaltiges Gästehaus

Kassel 06.04.2021 Gastbeitrag von Ursula Wöll Der Klimawandel ist allgegenwärtig und wirksame Maßnahmen werden diskutiert. Neben einer Energieerzeugung mit Windkraft und Sonnenenergie und einer Verkehrswende hat das Bauen einen gewichtigen Anteil an einer umweltfreundlichen oder …

Lesen Sie den gesamten Beitrag »
Energie

Bildung

Hessen

Kassel

Willingshausen

Home » Ausstellungen, Forschung, Kultur

art@science im Kunstverein – Publikumszuspruch in Marburg bestätigt Neugier auf Kunst und Wissenschaft

a@s Betrachtergruppe II 900Marburg 29.11.2014 (red) Ein Interview mit Harald Kimpel, Kurator der Ausstellung art@science im Marburger Kunstverein, die am Donnerstag, 11. Dezember – letzter Öffnungstag – ein Künstlergespräch mit Ingrid Hermentin bietet:
Redaktion Wann, Herr Dr. Kimpel, haben sie als Kurator die aktuelle Ausstellung art@science im Marburger Kunstverein begonnen? Wie viel Vorlauf hat es und braucht es, um eine solche Gruppenausstellung hier mit drei Künstlern zu verwirklichen?

Kimpel: Alle Beteiligte – Ulysses Belz, Ingrid Hermentin und Norbert Pümpel – kenne ich seit langem aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und bin mit ihnen kuratorisch wie publizistisch immer wieder in Verbindung gewesen. Diese drei künstlerischen Positionen einmal in einer Ausstellung zusammenzuführen, war aus meiner Sicht nicht nur naheliegend, sondern wegen der Aktualität ihres gemeinsamen Ansatzes auch dringend erforderlich. Nun sind aber auf dem Weg von der Idee zum Konzept und vom Konzept zur Ausstellung entscheidende Schritte zu absolvieren, die sich nur in einem längeren gemeinsamen Prozess entwickeln.

a@s Cover BegleitbuchWenn dann auch noch ein Begleitband in Zusammenarbeit mit einem Verlag – hier dem Marburger Jonas Verlag – entstehen soll, werden Textproduktion und herausgeberische Koordination erforderlich – von produktionstechnischen Sachzwängen nicht zu reden. Hinzu kommen organisatorische Faktoren wie die rechtzeitige Einbindung des Vorhabens in die terminliche und finanzielle Jahresplanung des Kunstvereins, Antragsfristen für die Unterstützung durch Sponsoren und vieles mehr. Alles in allem dauert es von der Planfassung bis zur Eröffnung gut und gerne zwei Jahre, während deren man ein solches Projekt im Gepäck hat. Eine thematische Gruppenausstellung ist also für alle Beteiligten ein etwas anstrengenderes Format…

Redaktion: Bei der letzten documenta (d13) in Kassel waren Naturwissenschaftler unmittelbar vertreten und hatten einen prominenten Ort im Fridericianum. Dazu wurde u.a. die These vertreten, dass Kunstverständnis und Interpretationen in der Naturwissenschaft Anleihe nehmen könnten. Dies ist nun keine neue Erkenntnis und Ansicht, war vielmehr eine Vergegenwärtigung im Rahmen der Weltkunstausstellung documenta in Kassel. Warum bringen sie diese Ausstellung nach Marburg und präsentieren sie im Herbst 2014 im Marburger Kunstverein?

Kimpel: Unsere Ausstellung und die von ihr vertretenen drei Positionen sind Symptome eines Trends im aktuellen Kunstbetrieb, der in ganz unterschiedlichen Formaten die Schnittstelle von Kunst und Wissenschaften thematisiert. Das Thema ‚Kunst und Wissenschaft‘ liegt momentan sichtlich in der Luft, und das Verhältnis der beiden Methoden der Welterkenntnis und -darstellung wird von diversen Institutionen im internationalen Rahmen intensiv diskutiert. In diesem Zusammenhang argumentierte die d13 allerdings genau entgegengesetzt zu unserem Marburger Projekt: Sie implantierte Forscher mitsamt deren Apparaturen und Vergegenständlichungsmethoden unmittelbar in die Ausstellung.

a@s Totale 900 dbau1026Im Marburger Kunstverein sind im Gegensatz dazu jetzt künstlerische Ansätze versammelt, die sich auf jeweils individuelle und medial sehr unterschiedliche Weise mit den Methoden, Resultaten und insbesondere auch ethischen Grundlagen aktueller Forschungszweige befassen. Wissenschaft wird also nicht zur Kunstform umdefiniert und nach ästhetischen Kriterien okkupiert, sondern im Licht der Kunst mit individuellen künstlerischen Verfahren reflektiert und kritisch kommentiert. Und wo könnte ein solcher Ansatz besser verstanden werden als in der Wissenschaftsstadt Marburg?

Panorama Innenstadt, Oberstadt mit Hörsaalgebäude im VordergrundZwei der künstlerisch in Anspruch genommenen Bezugswissenschaften selbst – Synthetische Biologie und Quantenphysik – waren dann im Rahmen der Ausstellung repräsentiert durch die Vortragsveranstaltung im Rahmenprogramm. Sie verkörperten sozusagen den Science-Teil in unserer Titelkonstruktion ‚art@science‘. Die beiden Marburger Naturwissenschaftler sollten bei dieser Gelegenheit gerade eben nicht die Kunstvereinskunst erklären, sondern – was sie auch getan heben – ihre eigenen Forschungsansätze erläutern, die ja die Grundlage der gezeigten Kunstwerke darstellen. Die Vermittlung zwischen beiden Systemen der Wirklichkeitsinterpretation – dem objektiv naturwissenschaftlichen und dem subjektiv künstlerischen Ansatz – ist an unsere Begleitpublikation delegiert, die ja – ebenfalls zweigleisig – die beiden Aspekte gleichwertig darlegt.

Redaktion: Welche Kriterien haben bei der Auswahl der Künstler zu Grunde gelegen? Bei der in Marburg lebenden Ingrid Hermentin ist dies eindeutig. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit naturwissenschaftlicher Forschung, wie sie bei SYNMIKRO, dem Marburger LOEWE-Zentrum für Synthetische Mikrobiologie, stattfindet. Warum also Ulysses Belz und Norbert Pümpel?

Ingrid Hermentin hat sich in ihrem speziellen Medium, der Computergrafik, in permanenter Auseinandersetzung mit der aktuellsten biologischen Forschung eine besondere Position im Rahmen einer naturwissenschaftlich orientierten Kunstpraxis erarbeitet. Norbert Pümpel ist studierter Physiker und baut seine künstlerische Arbeit seit den 1970er Jahren ebenso konsequent auf die Beschäftigung mit dem modernen physikalischen Weltbild auf. Ulysses Belz‘ Hinwendung zur Kognitionswissenschaft und deren Problemlagen ist zwar etwas jüngeren Datums, aber nicht weniger intensiv. Seine ‚Metakognitive Malerei‚ erhebt den Anspruch, gänzlich neue Ausdrucksformen für ein prinzipiell a-visuelles neuronales Geschehen zu entwickeln.

[metaslider id=59380]

Diese drei Positionen – zusammengefasst unter dem Etikett ‚Wissenschaftsästhetik‘ – stehen exemplarisch für den zu beobachtenden Trend, Wissenschaft und Kunst, Forschung und Ästhetik nicht als kontroverse, sich gegenseitig ausschließende Sphären zu begreifen, sondern als zwei einander ergänzende Formen des erkenntnisorientierten Denkens und Handels in einem gemeinsamen kulturellen Raum. Und damit ist Marburg im Hinblick auf die überregional geführte Debatte vorn dran!

Redaktion: Die Ausstellung im Kunstverein ist flankiert von einem gelungenen Begleitbuch mit Autorenbeiträgen zum Thema art@science. Neben Führungen am Samstagnachmittag gehören drei ‚Sonderveranstaltungen‘, ein Vortragsabend und zwei Künstlergespräche dazu. Das ist außergewöhnlich. Dem Marburger Kunstverein kommt es dabei ohne Zweifel zu – wie dies Vorsitzender Dr. Gerhard Pätzold bei der Eröffnung zum Ausdruck brachte – in der Wissenschaftsstadt Marburg aktuelle Brücke(n) für eine zeitgemäße Kunst(rezeption) zu bauen. Kunst und Wissenschaft / art@science sind eigentlich sogar ein ‚Heimspiel‘ in der traktionsreichen Universitätsstadt Marburg. Wie wird dies vom Publikum rezipiert und angenommen?

Bereits der Publikumszuspruch bei der Eröffnung hat uns bestätigt, dass die Neugier auf dieses zugegebenermaßen etwas ungewöhnliche Format groß ist. Die Zumutung, die die Ausstellung an die Erwartungen eines Kunstausstellungspublikums bedeutet, scheint also durchaus akzeptiert zu werden. Selbstverständlich ist uns bewusst, dass die Thematik der Ausstellung und die Formen ihrer ästhetischen Umsetzung nicht ganz einfach sind.

Daher der zusätzliche Aufwand einer Begleitpublikation, die nicht nur wie ein herkömmlicher Katalog die Ausstellung wiederholt, sondern die drei Positionen und den thematischen Ansatz mit einem darüber hinausgehenden Informationsangebot unterfüttert und somit über die Laufzeit der Ausstellung hinaus gültig sein soll. Und die beiden Künstlergespräche bieten zusätzlich Gelegenheit, die Teilnehmenden direkt zu befragen, um Informationen und Verständnishilfen aus erster Hand gewinnen zu können.

Redaktion: Wie geht es weiter mit ihrem Engagement in Marburg? Ihre Ausstellung ‚Schädelstätten‘ hat nicht gerade wenig Aufmerksamkeit in Marburg und zugleich in einer größeren Öffentlichkeit gefunden. Können die Marburger in absehbarer Zeit mit einer weiteren Ausstellung – gewissermaßen aus der Werkstatt des Kunstwissenschaftlers Dr. Harald Kimpel – rechnen?

Sehr gern werde ich auch in Zukunft mit dem Marburger Kunstverein zusammenarbeiten – die Ausstellungsräume (um die uns andere Kunstvereine durchaus beneiden) sehe ich immer wieder als eine große Chance: Sie ermöglichen nicht nur, sondern sie fordern auch heraus… Konkret gesagt: Für 2016 plane ich ein Projekt zur Antikenrezeption: ‚Antike reloaded‘, in dem sich mehrere Künstlerinnen und Künstler mit aktuellen künstlerischen Verfahren mit den Bildwelten und ästhetischen Vorstellungen der griechischen und römischen Antike auseinandersetzen. Und auch da könnte wieder eine Beziehung zur in Marburg installierten Wissenschaft – der Klassischen Archäologie – aufgenommen werden. Eine spezielle Rolle wird bei diesem Projekt der Graphiker Klaus Schinkmann mit seiner Lithografie-Serie ‚Olympia‘ spielen. Mehr möchte ich dazu aber heute noch nicht verraten…

Vielen Dank für das Gespräch Herr Kimpel.

Biografisches Harald Kimpel
Dr. phil., geb. 1950 in Kassel. Studium Kunstpädagogik, Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Europäische Ethnologie in Kassel und Marburg. Als Kunstwissenschaftler beim Kulturamt Kassel tätig. Kurator und Autor mit Schwerpunkt Gegenwartskunst sowie alltags- und kulturgeschichtliche Themen.