Einsamkeit im Alter: Eine Bratwurst beim Stadtfest mitzuessen, wäre schon schön gewesen

Marburg 15.07.2019 (pm/red) „Wir haben Dich nicht gefragt, ob Du zum Stadtfest mitkommen willst, es ist doch zu beschwerlich für Dich“. Es stimmt, denkt die angesprochene, ältere und behinderte Person. Es wäre zu beschwerlich, aber …

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Der 1. Mai gestern und heute

Marburg 24.4.2016 Gastbeitrag von Ursula Wöll. Na klar, auch dieses Jahr werde ich zur gewerkschaftlichen Maikundgebung gehen. Das ist Tradition. Meist treffe ich verschollene alte Bekannte. Man schwätzt, während die RednerInnen Reden halten. Man geht im Bewusstsein, seine „Pflicht“ getan zu haben, froh nach Hause. Dass jedes Fußballspiel ungleich mehr Leute anlockt, übersieht man gerne. So war das nicht immer. In den ersten Jahrzehnten war dieser Tag mit großen Hoffnungen verbunden. Man fühlte sich stark, weil ja weltweit gleichzeitig die Forderungen nach humanen Arbeitsbedingungen erhoben wurden. „Aus mehreren tausend Kehlen erklang die Arbeitermarseillaise. Begeisterung ergriff die Massen, als sie in ein vom Genossen Neumann ausgebrachtes Hoch auf die internationale Verbrüderung einstimmten. Jeden Denkenden durchzuckte ein Ahnen von einer nicht mehr fernen, gerechteren und besseren Zukunft„, so schildert eine Zeitung die Maidemonstration von 1891 in Elberfeld. Stattdessen dann 1914 der Erste Weltkrieg, in dem die Brüder aufeinander schossen. 1891 konnte man nicht ahnen, wieviel Enttäuschungen zukünftig zu verkraften waren.

Arbeiterdemonstrationen von 1886 auf dem Haymarket. Zeitgenössische Zeichnung

Arbeiterdemonstrationen von 1886 auf dem Haymarket. Zeitgenössische Zeichnung

Plakat HaymarketIn Amerika, wo die Ausbeutung der Arbeiter extrem war, fing alles an. Hier war Chicago die Stadt mit dem größten Arbeiterelend und die eigentliche Geburtsstätte des 1. Mai  Ohne die Arbeiterdemonstrationen von 1886 auf dem Haymarket, bei denen die Polizei Demonstranten erschoss und in deren Folge sieben unschuldige Sozialrevolutionäre zum Tod durch den Strang verurteilt wurden, wäre die weltweite Tradition des 1. Mai nicht entstanden. Bereits 1884 hatten die amerikanischen Gewerkschaften beschlossen, am 1. Mai 1886 für den Achtstundentag auf die Straße zu gehen. Doch erst die Justizmorde und die durch sie ausgelöste weltweite Empörung sorgten dafür, dass der Internationale Arbeiterkongress vom 14. bis 21. Juli 1889 in Paris beschloss, ab 1890 den 1. Mai zu einem internationalen Kampftag für kürzere Arbeitszeiten zu machen. Der Kongress, aus dem die Zweite Internationale hervorging, bezog sich mit diesem Beschluss ausdrücklich auf die Chicagoer Haymarket-Tragödie.

August SpiesAugust Spies hatte also rechtbehalten. Er war einer der Gehängten und hatte noch unter dem Galgen gerufen: „Bald wird unser Schweigen im Grab mehr bewirken als all unsere Reden.“ So steht es in seiner von Heinrich Nuhn aus Rotenburg/Fulda 1992 veröffentlichten Biografie und mittlerweile auch im Internet. Wie ein weiterer Gehängter, Georg Engel aus Kassel, war August Spies Hesse. Auch er war unweit von Marburg geboren und aufgewachsen, nämlich in Friedewald bei Bad Hersfeld. Die Gemeinde hat ihm dort 1993 einen Gedenkstein gesetzt. Nachdem sein Vater verstorben war, wanderte August 1872 mit 16 Jahren aus. So wie viele andere, allein in diesem Jahr verließen 125.650 Menschen das junge Kaiserreich. Die meisten gingen wie Spies nach Amerika. Neben einer materiellen Verbesserung träumte er vom Land der Freiheit und Gerechtigkeit. Als Sohn eines Försters hatte August  eine relativ gute Schulbildung, die seine Erwartungen schnell als Mythos entlarvte. Als Tramp lernte er zunächst die Neue Welt kennen,  Ende 1873 ließ er sich dann in Chicago als Polsterer nieder. 1876 holte er seine Mutter und die vier jüngeren Geschwister nach.

In der Boomtown am Michigansee waren die Arbeits- und Wohnbedingungen der Lohnarbeiter besonders mies. August kam gerade rechtzeitig, um am 22. Dezember 1873 die Brotdemonstration von 20.000 hungernden Arbeitslosen zum Rathaus zu erleben. Die Stadt  war als Eisenbahnknotenpunkt in wenigen Jahren um das doppelte gewachsen. Sie zählte nun 600.000 Einwohner, so dass Menschen im Überfluss verfügbar waren. Sie wurden als Lohndrücker und Streikbrecher benutzt  Um noch schneller noch reicher zu werden, beschäftigten die Bosse sogar Kinder. 11 Stunden Arbeit und mehr waren die Regel, übrigens auch im Kaiserreich. Noch 1903/04 streikten 8.000 TextilarbeiterInnen im sächsischen Crimmitschau 22 Wochen lang für den Zehnstundentag.

In seinem Roman „Der Dschungel“ vermittelt Upton Sinclair einen realistischen Eindruck von dem Arbeiterelend im Chicago jener Jahre. Der schreiende Gegensatz von reich und arm politisierte den jungen Einwanderer August Spies, der schließlich Chefredakteur der sozialrevolutionären „Arbeiter-Zeitung“ und ein gefragter, weil glänzender Redner wurde. Kurz, ein Dorn im Auge des herrschenden Filzes aus Wirtschaftsbossen, Polizei und Justiz.

Die größte Demonstration für den Achtstundentag mit 80 000 TeilnehmerInnen fand am 1. Mai 1886 also in Chicago statt, und zwar ohne Zwischenfälle. Erst am Montag, dem 3. Mai und am Dienstag, dem 4. Mai entwickelte sich, was als Haymarket-Tragödie in die Geschichte einging. Am 3. Mai schossen Polizei und Pinkerton-Detektive auf die TeilnehmerInnen einer erneuten Kundgebung, die sich mit Streikbrechern vor der Erntemaschinenfabrik McCormick anlegten. Die Schüsse töteten etliche Arbeiter, was zu einer neuen Manifestation am 4. Mai führte. Auf ihr redeten auch August Spies und Albert Parsons. Als sich diese Veranstaltung bereits friedlich auflöste, wurde eine Bombe in die Reihen der Polizisten geworfen. Von wem, ist bis heute unbekannt.

Inserat Unterstuetzung das Marburger 560x90Die angeklagten Sozialrevolutionäre konnten es nicht gewesen sein. Manche ihrer Entlastungszeugen wurden vom Gericht gar nicht zugelassen, denn der Prozess suchte nicht die Wahrheit, sondern verurteilte die zum Anarchismus tendierende Gesinnung der Männer. Sekundiert wurde Richter Gary dabei von hetzerischen Artikeln der  „Chicago-Tribune“. Man wollte der erstarkenden Arbeiterbewegung den Garaus machen. Am Ende wurden sieben Männer zum Tode verurteilt und am 11. November 1887 vier von ihnen gehängt:  August Spies aus Friedewald, Redakteur und Herausgeber der Arbeiter-Zeitung. Der in Amerika geborene Albert Parsons, Redakteur und Herausgeber  des englischsprachigen „Alarm“. Der 1834 in Kassel geborene Georg Engel, Redakteur und Herausgeber des „Anarchist“. Der aus Bremen stammende Adolph Fischer, der als Schriftsetzer bei der Arbeiter-Zeitung arbeitete. Louis Lingg, aus Mannheim stammend, der fünfte zum Tod Verurteilte, brachte sich vor dem Erhängen qualvoll in seiner Zelle um. Zwei der sieben Verurteilten wurden zu lebenslangem Zuchthaus ‚begnadigt‘.

Nur Jahre später wurden die Urteile durch den neuen Gouverneur von Illinois als Justizmorde anerkannt, die toten Opfer rehabilitiert und alle weiteren Gefangenen entlassen. Heute erinnert  in Chicago ein Denkmal auf dem Friedhof und eine Skulptur auf dem Haymarket an die fünf Ermordeten. Die letztere steht genau an der Stelle des Wagens, auf dem die Redner damals standen. Doch welche Moral ziehe ich aus der Geschicht‘? Werde ich mit diesem historischen Wissen nun engagierter an Maifeiern teilnehmen?

Motto 1.Mai 2016Diesmal heißt ihr bundesweites Motto: „Zeit für Solidarität“. Schön, aber allgemein. Wo bleibt aber die Solidarität, wenn immer aufs neue Prozentforderungen gestellt werden, wie jetzt 6 % im Öffentlichen Dienst? Wäre es nicht solidarischer, eine lineare Forderung zu stellen oder gar nur die unteren Gruppen und die Hartz-4-Bezüge kräftig anzuheben, damit die Lohnschere nicht immer weiter aufgeht? Und müssten die Gewerkschaften nicht viel deutlicher auf die Bedrohung unseres Lebens durch die Zerstörung des Planeten hinweisen, anstatt das Mantra des Wachstums mitzubeten?  Warum sind die internationalen Organisationen wie der Europäische Gewerkschaftsbund EGB so leise? Ja, wie heißt überhaupt die globale gewerkschaftliche Vereinigung? Das sind so meine Fragen. Vielleicht sollte der DGB im Anschluss an die Maifeiern ein Diskussionsforum anbieten, auf dem die TeilnehmerInnen solche Fragen stellen können?

In Marburg beginnt die Demonstration zum 1.Mai um 11 Uhr am Gewerkschaftshaus in der Bahnhofstraße, Route über den Marktplatz zur Elisabeth-Blochmann-Platz. Dort ab 12.30 Uhr Kundgebung und Maifeier.

—>Bericht 2016 in Marburg Hunderte zum Tag der Arbeit auf den Beinen