Sommer-Sonntag 2020 im Bergpark Willhelmshöhe

Kassel 14.09.2020 (yb) Wer wollte Beschwerde führen oder jammern – jedenfalls nicht in diesen Tagen über das Wetter in unseren Breitengraden mitten in Deutschland. Während in der Karlsaue in Kassel downtown am Sonntag ein Literarischer …

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Tempo mit dem Tempolimit – Schluss mit dem Gezacker

Kassel 30.12.2019 Gastbeitrag von Ursula Wöll | Die Mehrheit der Bevölkerung ist für ein generelles Tempolimit, das hat wenigstens der BUND herausgefunden. Natürlich denkt niemand dabei an eine Reduzierung auf 12 km per Stunde, mit denen einst die drei Könige ganz entspannt reisten und auch ans Ziel kamen. Der BUND fordert eine Limitierung auf maximal 120 km per Stunde auf allen Autobahnen. Das ist sehr vernünftig, denn dann würden 5 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr weniger in die Luft geblasen und nicht nur 1 bis 2 Millionen weniger wie bei Tempolimit 130 km, das in Berlin im Gespräch ist. Mit einer derart schüchteren Reduzierung will man einerseits die Autoindustrie und andererseits die Autonarren nicht verärgern.

Nicht nur die Autoindustrie bremst
Es ist vor allem die Autoindustrie mit ihren immer größeren und schnelleren Modellen, die sich hinter den Kulissen gegen jedes Limit sträubt. Und die Politiker gewisser Parteien küssen ihr die Füße. Während in ganz Europa bis auf Malta bereits gesetzliche Tempolimits gelten, will unser Verkehrsminister da einfach nicht ran. So was Bescheuertes! (Ob er auf einen Job spekuliert, wenn er endlich seinen Posten aufgibt?) In Holland etwa fährt man maximal 100 km per Stunde und in der Schweiz seit langem höchstens 120 km. Und man fährt gut so: Mit weniger Lärm, weniger Sprit, weniger Stress und weniger Unfällen.

Unvernünftig sind aber auch die Autokäufer, die sich immer häufiger eine SUV-Kiste anschaffen. Haben sie es etwa nötig? Wollen sie mit den Wuchtbrummen etwas kompensieren? Offenbar, denn anders lassen sich derart irrationale Käufe nicht erklären. Das Selbstwertgefühl soll aufpoliert werden. Sind doch die meisten von uns ein Rädchen im täglichen Getriebe, das nur dann auffällt, wenn es nicht funktioniert. Wer möchte da nicht ein wenig Beachtung auf sich ziehen und aus der grauen Masse herausstechen? Durch schnittiges Überholen die Nase vorn haben? Durch das neueste Modell den Konkurrenzkampf um das größte Gefährt für sich entscheiden?

Auf unser unbefriedigtes Bedürfnis nach Einzigartigkeit stellt die Autoindustrie ihre Werbung ab. Hier nur einige Zitate: Ein SUV  „zieht die Blicke auf sich“, ist „vielseitig und innovativ“ oder „zu jedem Abenteuer bereit“. Je nach Lage verbindet unser Unbewusstes mit letzterem Versprechen eine gefahrvolle Eroberung der Wildnis oder eine im sexuellen Bereich. Wer dann am Steuer hoch über den anderen thront, fühlt sich haushoch überlegen. Und wenn er die anderen überholen kann, erst recht wie der Größte. Selbst im Stau kann er noch auf seine Nachbarn herabblicken. Mir kam dazu ein Vers des Dichters Friedrich Hölderlin in den Sinn. Vom Hölderlin aus dem Kutschenzeitalter, der einige Jahre in Frankfurt und Bad Homburg lebte und dessen 250. Geburtstag wir 2020 feiern:
„Spottet ja nicht des Kinds, wenn es mit Peitsche und Sporn,
auf dem Rosse von Holz, mutig und groß sich dünkt.“

Haben oder Sein
In seinem Bestseller „Haben oder Sein“ hat der Sozialpsychologe Erich Fromm diese psychologische Falle, die von der Werbung ausgenutzt wird, aufgedröselt. Das Haben ersetzt nicht das Sein. Nur wenn wir solidarisch handeln und nicht konkurrieren, sind wir im Reinen mit uns und relativ glücklich. Das Wohl der anderen ist uns dann wichtig, also das Wohl unserer ZeitgenossInnen und unserer Nachgeborenen. So reflektiert eingestellt, wäre ein Gesetz über ein Tempolimit schnell unterschrieben. Angesichts des drohenden Klimakollapses mutet es absurd an, diesen Akt auf die lange Bank zu schieben. Zumal er keinen einzigen Euro kostet.

Das Thema ist übrigens ein genuin europäisches. In der EU gäbe es überall das gleiche Limit, dank einer Telefonkonferenz und einer Abstimmung im EU-Parlament. Wie einfach und fix das über die Bühne gehen könnte! Verkehrsschilder erübrigen sich ja. Wie entspannt und CO2-sparend könnte man reisen, wenigstens im Vergleich zu den bisherigen Machtspielen auf unseren Straßen. Am schönsten reist es sich allerdings im Zug. Oder im Kopf, also im Sessel mit einem spannenden Buch.
Für 2020 wünsche ich den LeserInnen: Eile mit Weile!