Der fremde Ferdinand – Literarische Spurensuche von Heiner Boehncke und Hans Sarkowicz entdeckt Ferdinand Grimm

Kassel 12.01.2021 In Kassel kennt jeder die Brüder Grimm Jacob und Wilhelm, beide hochbegabt und erfolgreich, die übrigen vier Geschwister Carl, Ferdinand, Ludwig Emil und Charlotte sind dagegen den wenigsten bekannt. „Die andere Bibliothek“ hat …

Lesen Sie den gesamten Beitrag »
Energie

Bildung

Hessen

Kassel

Willingshausen

Home » Forschung

Alltagsrassismus macht Geflüchteten das Leben schwer

Kassel 28.11.2020 (wm) Rassismus und Diskriminierung erschweren Geflüchteten in Deutschland die Integration in den Arbeitsmarkt. Zu diesem Schluss kommt eine politikwissenschaftliche Studie der Universität Tübingen: Ein Team um Dr. Nikolai Huke hatte 64 Interviews mit Geflüchteten, Behörden, Beratungsstellen, Ehrenamtlichen und Gewerkschaften in sechs Regionen Deutschlands geführt. In den Gesprächen wurde wiederholt von Rassismuserfahrungen in Behörden, Berufsschulen, Betrieben oder bei der Wohnungssuche berichtet, die Betroffene als sehr belastend empfanden.

Geht es in öffentlichen Debatten um die Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt, ist Rassismus nur selten Thema. Im Mittelpunkt stehen meist Sprachkenntnisse, die Anerkennung von Qualifikationen, bürokratische Hürden oder Probleme mit dem Aufenthaltsstatus. In den qualitativen Interviews des Verbundprojekts – Gespräche, die Einzelschicksale untersuchen und offene Antworten ermöglichen – wurde deutlich, dass Rassismus im Alltag ebenfalls ein Integrationshindernis sein kann: Die Gesprächspersonen berichteten von abfälligen Bemerkungen, Pöbeleien und Ausgrenzung bis hin zu handfesten Auseinandersetzungen.

In Berufsschulen könnten Rassismuserfahrungen psychosomatische Beschwerden und Bildungsabbrüche verursachen, so Autor Nikolai Huke. In den Betrieben komme es zu Konflikten zwischen Beschäftigen. „In einigen Fällen wurden die von Diskriminierung Betroffenen entlassen, während diejenigen, die sich rassistisch äußerten, keine Sanktionen befürchten mussten. In Behörden erschweren Vorurteile und fehlende Sprachkenntnisse den Geflüchteten immer wieder Zugang zu Unterstützungsleistungen und machten sie von externer Unterstützung (z.B. durch Ehrenamtliche) abhängig.“

Auch hätten Geflüchtete es besonders schwer, eine Wohnung zu finden und müssten oft länger als nötig in Flüchtlingsunterkünften wohnen. Der Alltag dort sei mit zahlreichen Stressfaktoren verbunden, wie beispielsweise fehlenden Lern- und Rückzugsräumen. Das wirke psychisch belastend und erschwere eine berufliche Qualifizierung.

„Eigentlich sind Migration und Herkunftsverschiedenheit in den meisten Betrieben normaler Alltag. Die betriebliche Sozialintegration von Geflüchteten verläuft in der Regel konfliktarm“, sagt Huke. „Dennoch beobachten wir in unserer Forschung, dass Geflüchtete in verschiedenen Lebensbereichen Rassismuserfahrungen machen, die eine stabile Integration in die Arbeitswelt deutlich erschweren.“ Die Tatsache, dass ein Verlust des Ausbildungs- oder Arbeitsplatzes unter Umständen das Aufenthaltsrecht bedrohe, erschwere es Geflüchteten zusätzlich, sich gegen Rassismus in der Schule oder im Betrieb zu wehren.

„Wo es keinen gleichberechtigten Zugang gibt, stehen die Türen für ausgrenzende und rassistische Handlungen in Betrieben weit offen“, sagt Andrea Kothen von der Organisation Pro Asyl. „Ein Staat, der einen Teil der Bevölkerung diskriminierenden Regelungen unterwirft, muss wissen, dass das System in den Betrieben alltäglich Wirkung entfaltet.“ Rassismus, betont Petra Wlecklik von der IG Metall (Ressort Migration und Teilhabe), ist „ein gesamtgesellschaftliches Problem, dass in unseren institutionalisierten und auch in nicht-formalen Wegen des Zusammenlebens begründet ist und keinesfalls lediglich das Problem der Menschen ist, die davon betroffen sind. Nicht-rassistische Bildungsarbeit und interkulturelle Arbeit sollten von Unternehmensleitungen in den Mittelpunkt gestellt werden.“

Als Gegenmaßnahmen schlägt die Studie unter anderem vor, professionelle Antidiskriminierungs- und Rechtsberatungsstellen flächendeckend aufzubauen, die ehrenamtliche Begleitung von Flüchtlingen im Alltag zu fördern und Arbeitsmarktakteure wie Behörden und Berufsschulen für dieses Thema zu sensibilisieren.

Die Studie „Ganz unten in der Hierarchie. Rassismus als Arbeitsmarkthindernis für Geflüchtete“ ist unter www.welcome-democracy.de/arbeitsmarktintegration kostenlos als Download verfügbar.