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Armutskonferenz in Marburg – Gemeinsam handeln gegen Armut

Die Armutspyramide, aufgebaut von der Kulturloge Marburg, verdeutlichte die Auswirkungen von Armut. Foto Freya Altmüller

11.11.2021 (pm/red) Familien, die von Armut betroffen sind, soll es bessergehen, das ist das Ziel des Netzwerks „Familie und Armut“. Daher hat die Stadt Marburg gemeinsam mit mehreren Kooperationspartnern eine Marburger Armutskonferenz im Erwin-Piscator-Haus veranstaltet. Armut wurde Gehör verliehen und Betroffene sowie Expertinnen erhielten einen Raum zum Austausch und der Entwicklung von Strategien, um die Lebenssituation betroffener Familien zu verbessern, wird von der Stadtverwaltung informiert.

„Es ist unsere gesellschaftliche Aufgabe, allen Menschen soziale Teilhabe zu ermöglichen. Mit der Marburger Armutskonferenz gehen wir den Ursachen für Armut auf den Grund und entwickeln Lösungsstrategien. In Marburg soll nicht der Geldbeutel entscheiden, ob jemand am gesellschaftlichen Leben und an Bildung teilhaben kann“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies. „Dazu gehört Netzwerkarbeit, wie die von ‚Familie und Armut‘ mit der Marburger Armutskonferenz, um Betroffene und ihre Bedürfnisse ins Zentrum zu stellen und den sozialen Zusammenhalt, gegenseitige Anteilnahme und Solidarität untereinander zu stärken“, führte das Stadtoberhaupt weiter aus. Stadträtin Kirsten Dinnebier ergänzte: „Armut bedeutet Mangel an Teilhabe und Verwirklichungschancen. Sie ist keine Frage von individuellem Versagen und Schuld, sondern es geht darum, strukturelle Gegebenheiten zu verändern.“

Die Stadt Marburg hat die Armutskonferenz in Zusammenarbeit mit zahlreichen Kooperationspartnern veranstaltet, nachdem im vergangenen Jahr bereits ein Aktionstag zum Thema stattgefunden hat. Das Netzwerk „Familie und Armut“, bestehend aus Institutionen, Trägern, Vereinen und Privatpersonen, hat unter Leitung der städtischen Sozialplanerin Monique Meier eine Konferenz mit Livestream und dezentralen Aktionen zum Thema Armut organisiert. Sie betonte: „Nur ein gemeinsames Handeln in Kooperation mit vielen Netzwerkpartnern ist sinnvoll und wirksam.“ Als Sozialplanerin der Stadt setze sie sich durch kommunale Planung für die Armutsbekämpfung ein, „indem die soziale Infrastruktur bedarfsgerecht weiterentwickelt und so gesellschaftliche Teilhabe gefördert wird“.

Nach wissenschaftlicher Definition gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens zum Leben hat. Das führt zur häufigen Gleichsetzung von Armut mit Einkommensarmut. Dabei ist Armut auch der erschwerte Zugang zu zentralen gesellschaftlichen Bereichen: Wohnen und Arbeiten sowie Bildung und Kultur. Armutsbekämpfung wird daher von den Beteiligten verstanden als eine fortwährende, gemeinsame Aufgabe für mehr Chancengleichheit durch gezielte Strategien, Angebote und Maßnahmen.

Zu Beginn der Marburger Armutskonferenz gab es Grußworte der Paritätischen Mitgliedsorganisationen aus dem „Pilotprojekt zur Stärkung der digitalen Teilhabe Armutsbetroffener“. In diesem Projekt entstand der anschließend gezeigte Film „Wenn du mich fragst – Armut Gehör verliehen“. Betroffene berichten darin, was ihre Anliegen und Nöte sind.

Aufruf zu ambitionierter Sozialpolitik

Dr. Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband, stellte die Ergebnisse des Paritätischen Armutsberichtes vor, indem er digital zugeschaltet wurde. „Deutschland ist ein sozial und regional tief gespaltenes Land. Politik kann es sich nicht leisten, diese wachsende Kluft und brennende soziale Probleme wie Pflegenotstand, Wohnungsnot und die wachsende Armut zu ignorieren. Es braucht jetzt eine echte Offensive für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und eine ambitionierte Sozialpolitik, die alle mitnimmt und niemanden zurücklässt“, sagte er und ergänzte: „Vor allem braucht es entschlossene Maßnahmen, um Armut in diesem reichen Land abzuschaffen. Die Armut in Deutschland ist inzwischen auf neuem traurigem Rekordhoch.“

Andrea Martin, Fachbereichsleiterin für Integration und Arbeit beim Landkreis Marburg-Biedenkopf, zeigte eine Innenansicht aus dem Jobcenter. Sie sagte: „In der öffentlichen Diskussion zum Thema Armut steht Hartz IV im Fokus. Aber Armutsbekämpfung muss auch andere Systeme wie Kinderbetreuung und Schulen in den Blick nehmen, Armut entsteht nicht erst im Jobcenter.“

Es sind die Strategien zur Armutsbekämpfung, die im Mittelpunkt der Konferenz standen. Knapp 50 Gäste vor Ort und knapp 130 Zuschauer/innen online über Livechat traten mit den ExpertInnen in Austausch. In einigen Stadtteilgemeinden wurde die Konferenz gemeinsam im Livestream geschaut, um sich im Anschluss miteinander auszutauschen. Auf dem Podium diskutierten: Peter Schmidt, Fachbereichsleiter Soziales und Wohnen; Stefanie Lambrecht, Fachbereichsleiterin Kinder, Jugend, Familie; Najim Boussouf, Familienkasse Hessen und Karin Ackermann-Feulner, Netzwerk Familie und Armut. Moderiert wurde die Konferenz von Karin Buchner.

Lambrecht sagte, es sei die Aufgabe des Fachdienstes Kinder, Jugend, Familie, dazu beizutragen, dass junge Menschen an Kultur und Bildung teilhaben können, unabhängig von ihrem Hintergrund. Ackermann-Feulner als Vertreterin vieler freier Träger berichtete, dass die Bürokratisierung zugenommen habe und viele Ratsuchende Unterstützung beim Ausfüllen von Formularen bräuchten.

In diesem Zusammenhang wurde deutlich, dass auch niedrigschwellige Beratung und Hilfe in Bezug auf die Digitalisierung benötigt und auch schon angeboten werde. Boussouf von der Familienkasse Hessen sagte, es sei wichtig, dass Fördermöglichkeiten von Familien auch in Anspruch genommen werden. Der Kinderzuschlag etwa werde nur von 30 Prozent der Berechtigten genutzt. Eine Frau aus dem Publikum regte beispielsweise dazu an, dass Eltern etwa bei einer anstehenden Klassenfahrt das entsprechende Formular zum Antrag auf Finanzierungsunterstützung beigelegt werde.

Zusätzlich organisierte das Netzwerk mehrere dezentrale Aktionen, um das Thema Armut mit öffentlicher Wirksamkeit in den Fokus zu rücken. Unter anderem informierten Initiativen vor dem EPH. Die Referentinnen des Citypastoral machten mit Rikscha und Glücksrad und verkleidet als Heilige Elisabeth auf das Projekt „Elisabethtaler Marburg isst solidarisch“ aufmerksam. Die Kulturloge Marburg hatte eine sogenannte Armutspyramide aufgebaut, womit die Auswirkungen von Armut veranschaulicht wurden. Zudem waren der Verein Fairdirect mit dem Projekt „Fairkochen“, der Verein Arbeit und Bildung, der Kinderschutzbund und der städtische Fachbereich Soziales und Wohnen vertreten.