EnRich: Zukunftskonzept für geschlechtersensible Forschung

01.03.2024| Im Wortlaut.  Es stellt sich zunehmend heraus, dass geschlechterrelevante Aspekte für objektive und zuverlässige Ergebnisse von wissenschaftlicher Forschung von großer Bedeutung sind. Mit dem Projekt „EnRich“ will die Philipps-Universität Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dabei unterstützen, …

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Stadtautobahn Marburg im Fokus – Eine Stadt bearbeitet ihr Trauma

Vierspurig aufgeständert zerschneidet die Nord-Süd-Achse der Stadtautobahn B3a das Stadtgebiet.

Vierspurig zerschneidet die Nord-Süd-Achse der B3 als Stadtautobahn das Kerngebiet von Marburg im Lahntal, im Bahnhofsbereich als Betonhochstraße aufgeständert.

Marburg 18.6.2013 (yb) Die Stadtautobahn Marburg ist ins Gerede gekommen. Auf den vier Fahrspuren rollen nicht alleine Kraftfahrzeuge mitten durch die Stadt. Angestoßen von der im Sommer 2010 ins Leben gerufenen Bürgerinitiative Stadtautobahn hat eine Vielzahl von Veranstaltungen erfolgreich Anstöße gegeben. Ob öffentliche Veranstaltungen mit Befragung der Oberbürgermeister-Kandidaten, Vorträge und Lärmspaziergang, oder  Lärmkartierungen und provozierende Postkartenserie, dazu gedruckte Flyer zur Hintergrundinformation: Mit Elan und Zuversicht aus lärmend lastender Betroffenheit haben sich DBAX0602-092B3awelche zusammengetan um das gleichermaßen im Alltagsleben Verdrängte wie kontinuierlich Dröhnende zum bewußten Thema und Problem im Stadtleben zu machen.
Um es vorweg zu sagen, das ist über alle Maßen gelungen und hat beinahe unabsehbar viel zur Folge.

Eine mehrfach und anhaltend in die Diskussion gebrachte ‚Tunnellösung‘ per Verlegung der Fahrbahnen unter die Erde, wird inzwischen offen diskutiert, doch leider mit bedenklich verkürzender und simplifizierender Denkweise.
Aber der Reihe nach.

Wenn aktuell die Marburger CDU-Fraktion einen Antrag formuliert mit dem Ziel „die Prüfung der Realisierbarkeit einer Untertunnelung der B3a im Stadtgebiet Marburg in Angriff zu nehmen„, ist daran zunächst bemerkenswert, dass lösungsorientierte Ideen und Vorschläge es in das bürgerliche politische Lager gebracht haben. Zugleich bringt diese CDU-Initiative ans Licht, dass die seit mehr als 16 Jahren regierende Rot-Grüne Parlamentsmehrheit in Marburg diesbezüglich offenbar eine große Lücke gelassen oder bereitet hat. Das trifft zu. Weder SPD noch GRÜNE haben sich in der Universitätsstadt bisher diesbezüglich klar positioniert. Mehr noch es gab und gibt Ablehnung (wg. vermeintlicher Aussichtslosigkeit und behaupteten unbezahlbar hohen Kosten) besonders von Seiten der GRÜNEN mitzuteilen.

Gezeichnetes Szenario für Marburg wieder ohne Stadtautobahn aus der Arbeit der Diplom-Ingenieure Luttrop und Metzger, die bereits in 2006 vorgelegt worden ist.

Gezeichnetes Szenario für Marburg wieder ohne Stadtautobahn aus der Arbeit der Diplom-Ingenieure Luttrop und Metzger, die bereits in 2006 vorgelegt worden ist.

Es war alleine Oberbürgermeister Egon Vaupel, der Problemdruck, Problematik und Potential erkannte und angegangen ist, einen Fachreferenten holte und das Verdrängte und Ungedachte ebenfalls früh zum Thema machte. In anderen Städten – wie etwa Tuttlingen mit dem 1000 Meter langen Kreuzstraßentunnel – verwirklichte Lösungen konnten in Marburg nach und nach ins Gespräch gebracht werden. Zuletzt haben 2012 und im Mai 2013 von den Lokalen Agenda 21-Gruppen angeregte studentische Semesterarbeiten an der Technischen Hochschule Mittelhessen Teilszenarien betrachtet, die auch öffentlich vorgestellt wurden.

Unmißverständliche Forderung seitens der Bürgerintiative als Aufkleber, um Lärmbelastung für Marburg zu reduzieren.

Forderung der Bürgerintiative Stadtautobahn, um Lärmbelastung für Marburg zu reduzieren.

Spätestens seit der Kommunal- und Oberbürgermeisterwahl  im März 2011 schmerzte der Stachel im Fleisch, waren Forderungen unüberhörbar geworden und es wurden Folgehandlungen notwendig. Forderungen nach Tempolimit 80 / 60 km wurden vom Land Hessen abgewiesen. Eine Tempobegrenzung auf 100 Stundenkilometer konnte 2012 eingeführt werden und wird zudem mit Radarkontrollen überwacht und sanktioniert. Neben einer gewissen Absenkung der Lärmbelastung kommt damit ein Millionenbetrag aus Bußgeldern jährlich in die Stadtkasse.

Im Zuge verschiedener beharrlich geführter Diskussionen ist dazu das Thema Lärmschutzwände an das Land Hessen herangetragen worden. Kleine ‚Lösung‘ und die bisher fruchtlos.
Aktuell beginnt ‚HessenMobil‘  einen Teilabschnitt der Fahrbahnen in Stadtmitte mit neuem zugleich Fahrgeräusche dämpfenden Oberflächenbelag zu beschichten. ‚Flüsterasphalt‘ lautet das Zauberwort. Rund 2,9 Millionen Euro werden für den Straßenbelag aufgewendet. Es soll eine spürbare Absenkung der Geräuschbelastung in diesem Teilbereich in Aussicht stehen.

Es ist gelungen das Trauma der Stadt Marburg im Lahntal – eine seit Jahrzehnten wirkende funktionale Zerschneidung des Stadtraums und schmerzliche Belastung mit wachsenden Durchgangsverkehren im Kontext landespolitischer Logistik-Politik – auf die Tagesordnung zu hieven, politische Reaktionen und gewisse praktische Maßnahmen unvermeidlich zu machen. Das ist eine Menge.

Es droht eine verkürzende Fixierung auf die Hochbrücke

Und doch ist es nicht hinreichend. Stadtpolitik und vor allem deren Träger in den Parteien und im Parlament hinken hinterher. Vor allem droht eine verkürzende Wahrnehmung auf den Bereich der Hochbrücke in Bahnhofsnähe.  Dort ist die Bahnhofshalle bereits in ansehnlichen Zustand versetzt, Bahnsteige und Zuwegung sind seitens der Bahn in Arbeit und der Vorplatz ist in baulicher Umgestaltung seitens der Stadt. Es droht akut eine verkürzte Wahrnehmung des Kardinalproblems Stadtautobahn auf den Bereich der Hochbrücke. Diese ist als riesiges Betonbrett erlebbar und wird sogar zunehmend schmerzlich kontrastieren zu den im Vollzug befindlichen städtebaulichen und gestalterischen Aufwertungen in ihrem Umfeld.

Studierende haben (wie zuvor schon der erfahrene Mobilitätswissenschaftler Prof. Herkt als Referent) rund 120 Millionen Euro als Kosten ermittelt. Fragt sich wofür? Den Ingenieurstudenten wurde eben nicht eine Gesamtbetrachtung angetragen, also eine Tunnelführung im Stadtgebiet von Marburg von Afföller etwa 2,5 Kilometer nach Süden an den geisteswissenschaftlichen Instituten, zentralen Wohnbereichen, Sportanlagen der Universität, Aquamar und Campingplatz vorbei.

So findet sich in der OrtsPresse (v. 17.6.2013) eine Zuschreibung an den Oberbürgermeister eines terminzufällig mit dem Thema beauftragten Schreibers. Egon Vaupel wolle, wird behauptet, eine – verkürzende und bei weitem nicht hinreichende – Tunnellösung lediglich im Bahnhofsbereich. Dem muss und müsste deutlich widersprochen werden. Eine solche Minivariante würde zweifellos weniger Finanzmittel des Bundes und Landes erfordern. Der Beseitigung des Trauma Stadtautobahn Marburg würde sektoriell damit gewisse Linderung zuteil. Doch keineswegs läge darin die gebotene Lösung und Erlösung einer lebendigen und prosperierenden Stadt und ihrer schall- und verkehrsbelasteten Bewohner.

dbau0614_0119-Radvergnuegen-suedwaertsDie Menschen und BürgerInnen werden sich weiter selbst kümmern müssen, zu Gunsten einer Lösung und nicht lediglich um partieller Linderung willen. Vorbild können ihnen dabei junge (zudem temporäre) Marburger Studierende sein.  Diese haben am vergangenen Freitag zunächst die Sperrung der Fahrspuren der Stadtautobahn für eine Fahrraddemo juristisch erkämpft, um dann mit Freude und Gefühlen von Befreiung, ja Freiheit, wenigstens eine Viertelstunde lang auf den asphaltierten Pisten radeln zu dürfen.
Die Arbeiten am großen Trauma der Stadt Marburg erfordern weiter Kraft, Zeit und geistige Orientierung.

—>Bericht Fahrrad- und Skate Demo Marburg brachte radelnde Verkehrsdemonstration auf die Stadtautobahn

 

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