Zum 150. Geburtstag von Otto Ubbelohde Ausstellung im Marburger Kunstverein

Marburg 16.9.2017 (pm/red) Anlässlich des 150. Geburtstags von Otto Ubbelohde in Jahr 2017 bietet der Marburger Kunstverein zusammen mit der Otto Ubbelohde-Stiftung und dem Kunstmuseum Marburg eine Ausstellung. Otto Ubbelohdes Werk als Landschaftsmaler und Graphiker …

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Stets dem Unerklärlichen auf der Spur – Buchvorstellung ‚In Deutschland angekommen: Marburg‘

Cover Kallouk In Deutschland angekommenMarburg 27.6.2013 (red) Als Gastbeitrag stellt Joachim Münch als alteingesessner Marburger das soeben erschienene Buch von Mohammed Khallouk vor. Der Rezensent bescheinigt darin dem aus Marokko kommenden Autor „eine unwahrscheinlich präzise Kenntnis der beschriebenen Lokalität mit all ihren historischen und gegenwärtigen Ereignissen und Besonderheiten“:
Wenn Immigranten aus der Islamischen Welt nach Europa gelangen und ihre Weltsicht in literarischer Form nach außen tragen, steht dabei zumeist eine Auseinandersetzung mit ihrem Herkunftsland und dem dortigen Leben im Vordergrund. Der Deutschmarokkaner Mohammed Khallouk, der zum politikwissenschaftlichen Studium aus Marokko nach Deutschland gekommen ist, nachdem er in seinem Ursprungsland bereits ein Arabistik- und Islamwissenschaftsstudium hinter sich gebracht hatte, setzt sich in seinem Buch ‚In Deutschland angekommen: Marburg‘ hingegen intensiv mit seiner neuen Heimatstadt, Marburg an der Lahn, auseinander.

In fragmentarischer Form gibt er seine Wahrnehmung vom Leben dieser Stadt, ihrer Geschichte und ihrer studentisch geprägten Mentalität aus seiner kulturellreligiös dem arabischen Raum entstammenden Sichtweise wieder. Einerseits ist er Teil der deutschen Gesellschaft geworden, andererseits steht er weiterhin seiner Ursprungsheimat und ihren Traditionen nahe. Insofern ist er Bewohner zweier Welten und ihm gelingt es, die Wirklichkeit Deutschlands mit den Augen eines Fremden zu sehen. Allein so kommen Wahrnehmungen zustande, die das Fremde im Bekannten und Gewohnten deutlich zu machen verstehen.

Das erste Fragment schildert seine Einreise nach Deutschland: Der Empfang an einem kalten Junitag und die Überprüfung durch die Polizei auf dem Flughafen haben etwas beunruhigend Unfreundliches. Er verspürt eine Kälte und Abweisung, die in absolutem Kontrast zu seiner bisherigen Vorstellungskraft vom Land der Dichter und Denker steht: „Alle scheinen sie darauf aus zu sein, ihm das Haar in der Suppe nachzuweisen, um ihn in Handschellen gefesselt wieder ins Flugzeug verfrachten zu können. Aber auch mit penibelster Sherlock-Holmes- Manier finden sie dieses Haar nicht. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als ihn zum Ausgang aus dem Flughafengebäude ziehen zu lassen.“

Aber nicht nur den unpersönlichen Flughafen, sondern auch das Studentenleben in Marburg, auf das er in den folgenden Fragmenten eingeht, erlebt er zuerst einmal von seiner Schattenseite. Die nächtlichen Partygeräusche im Studentendorf lassen den von der Reise erschöpften nicht seine ersehnte Ruhe finden.

Doch die Marburger Gesellschaft zeigt sich nicht immer nur kalt und unpersönlich. Reinhard Kiefer verweist in seinem Nachwort auf eine anrührende Szene, die im abendlichen Marburg spielt. Darin erleben zwei junge arabische Männer die Macht der Musik Johann Sebastian Bachs, die aus einer Kirche auf die Straße dringt. Einen alten Mann fesselt die Musik so stark, dass er gleichsam aus seiner Wirklichkeit in eine ganz andere entführt wird. „Die beiden arabischen Orientalistikstudenten schauen den Wartenden bewundernd an. ‚Wir haben doch gelernt‘, sagt der eine zum anderen, ‚die Worte des Korans bringen die Menschen in Verzückung. Der christlichen Kirchenchor in Marburg schafft das bei Einzelnen offenbar auch.‘“ (10)

Es wäre unverständlich, wenn Khallouk, der Islamwissenschaftler, am in der ältesten protestantischen Universitätsstadt überall sichtbaren Christentum und seinen verschiedenen Facetten achtlos vorbei ginge. Die Unterschiede zu seiner Religion, dem Islam, aber auch zum Judentum, zum Buddhismus des Dalai Lama, sowie untereinander fallen ihm sofort ins Auge. Die religiöse Pluralität erkennt er jedoch als Bereicherung und Herausforderung an. „Dort am Sternenhimmel offenbart sich die unerreichbare Größe Gottes. Er kennt so viele Facetten, seine Botschaft auf die Erde zu senden. Die Menschen müssen nur in der Lage sein, sie richtig zu deuten, dann können sie sich als Seher bezeichnen.“ (10)

Trotz des positiven Gesamteindruckes, die das praktizierte Christentum in Marburg Khallouk vermittelt hat, kann er sich kritische Anfragen nicht verkneifen. So merkt er im Hinblick auf deutsche Scheidungsraten an: „Die kirchliche Trauung scheint nur noch wenige deutsche Paare vor dem späteren Ehebruch zu bewahren. Vielleicht hilft den Christen der Glaube, dass die Sünde im Vorhinein vergeben wird. In dieser Hinsicht ist das Christentum offenbar sehr praktisch, denn für die heute begangenen Sünden – in und außerhalb der Ehe – soll Jesus schon vor zweitausend Jahren gelitten haben. Die Muslime haben es da nicht so einfach. Das göttliche Gericht nach dem eignen Tod sollte jeder stets vor Augen behalten.“ (34)

Kallouk kommt es jedoch nicht auf eine theologische Auseinandersetzung des Islam mit dem Christentum an, er bringt stattdessen seine Verwunderung angesichts eigener Unzugänglichkeit und eingestandenen beschränkten Wissens über die andere Religion zum Ausdruck. Vor diesem Hintergrund ist er stets Suchender, der sich nicht durch die Vorgaben von Anderen eine Sichtweise aufdrängen lässt, zugleich aber den steten Respekt für die Ansichten der Anderen als nachahmenswertes Markenzeichen der Marburger Wissenskultur hervorhebt: „Die Religionswissenschaft hat an der Marburger Universität ebenfalls lange Tradition. Man studiert die verschiedenen Weltreligionen und erkennt, dass Gott nicht durch Pastoren und Bischöfe zu allen Menschen dringt. Auch nicht durch Rabbis. Auch nicht durch Imame. Die göttliche Botschaft ist den Völkern in den verschiedensten Formen geoffenbart worden.“

Trotz seiner Offenheit gegenüber der religiösen Vielfalt in Marburg bleibt der Autor seiner islamisch geprägten, streng monotheistischen Grundsicht treu. Besonderes Unverständnis bringt diese, wie der evangelische Theologe Reinhard Kiefer im Nachwort betont, der Trinitätslehre im Christentum gegenüber. Khallouk löst diesen theologischen Grundkonflikt zwischen den beiden Weltreligionen auf eine ungewöhnliche Weise, wie folgende Szene zeigt, aus der er zugleich einen unkonventionellen Weg erkennen lässt, mit der ihm unbekannten, ja fast unheimlichen Liberalität der Marburger Gesellschaft gegenüber von der Standardnorm abweichenden sexuellen Ausrichtungen umzugehen: „Vor dem Tor der Baptistenkirche haben sich homosexuelle Frauen und Männer versammelt. Sie skandieren: ‚Nein zu Homophobie. Nein zum religiösen Konservatismus. Die schwule und die lesbische Liebe sind auch gottgewollt.` Als er mit den Sonntagszeitungen unterm Arm an dem Protestzug vorbeigeht, reibt er sich verwundert die Augen. Plötzlich geht ihm ein Licht auf: ‚Jetzt weiß ich, warum die Christen die Trinitätslehre brauchen‘, sagt er sich. ‚Ein Gottvater, der die Heterosexuellen liebt, reicht nicht aus. Gottsohn ist für die Liebe der Schwulen und der Heilige Geist für die Liebe der Lesben. So haben sie alle ihren liebenden Gott.‘“ (37)

Das Buch präsentiert für einen nicht seit Geburt dort ansässigen eine unwahrscheinlich präzise Kenntnis der beschriebenen Lokalität mit all ihren historischen und gegenwärtigen Ereignissen und Besonderheiten. Nicht selten offenbart der Autor bei der Schilderung sein Unverständnis und muss sich ehrlich eingestehen, nicht überall eine Erklärung parat zu haben. Dennoch ist er stets bemüht, das ihm Unerklärliche nicht von vorn herein an ’sinnwidrig‘ abzuqualifizieren und aus dem Verhalten der Anderen, Lehren für das Eigene zu ziehen. Insofern ist er tief mit der Marburger Forschermentalität verbunden. J.W. Münch

Mohammed Khallouk: In Deutschland angekommen
160 Seiten, brosch.
Rimbaud Verlag, 2013
ISBN 978-3-89086-438-9
Ladenpreis 15,00