Einsamkeit im Alter: Eine Bratwurst beim Stadtfest mitzuessen, wäre schon schön gewesen

Marburg 15.07.2019 (pm/red) „Wir haben Dich nicht gefragt, ob Du zum Stadtfest mitkommen willst, es ist doch zu beschwerlich für Dich“. Es stimmt, denkt die angesprochene, ältere und behinderte Person. Es wäre zu beschwerlich, aber …

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Marburg, das Weltkulturerbe und die Banalisierung der Geschichte

Logo GastbeitragMarburg 1.6.2013 (red) Ob Wochentag oder Wochenende, Marburg erfreut sich eines wachsenden Stroms touristischer Besucher. Um solchen Zuspruch zu erzeugen, ist nicht wenig investiert worden. Stadtmarketing ist in Marburg angesagt und wird als Instrument zum Einsatz gebracht. Ob aktuell die Brüder Grimm, Stadtjubiläen oder andere zu Events geformte Angebote, die Stadt soll und will bespielt sein. Dass gewerbliche Interessen und wachsende Standortkonkurrenzen wesentlicher  Antrieb sind, bestreitet niemand. Mit Aspekten, Fragen und Hintergründen dazu beschäftigt sich dieser Gastbeitrag von Werner Girgert:

Wenn von Bilbao die Rede ist, geraten Tourismus-Manager und Lokalpolitiker aus aller Welt ins Schwärmen. Die baskische Provinzhauptstadt und ehemalige Stahlmetropole gilt als schillerndes Beispiel dafür, wie sich Kultur als Motor der Stadtentwicklung einspannen lässt. Seit der Eröffnung einer Dependence des New Yorker Guggenheim-Museums hat sich die siechende Industriestadt als neues Mekka des internationalen Kunsttourismus etabliert. Und seither wächst die Zahl der Kommunen, die auf Kultur und Spektakel als Impulsgeber im Wettbewerb um Investoren, Arbeitsplätze, Touristen und öffentliche Subventionen setzen.

Auch in Marburg hat der ‚Bilbao-Effekt‘ Wirtschaft und Politik nicht unbeeindruckt gelassen. Der ständig wachsenden Zahl von ‚Events‘ bietet der städtische Raum schon jetzt ganzjährig die Kulisse für eine besucherwirksame Dauerbespaßung, die die Kassen von Einzelhandel und Gastronomie klingeln lassen soll. Die professionelle Begleitmusik dazu haben die PR-Strategen der CIMA im vergangenen Jahr mit einem maßgeschneiderten Vermarktungskonzept für die Universitätsstadt beigesteuert. Das liest sich wie das Drehbuch zu einem Werbefeldzug für Tütensuppen oder Turnschuhe und verfolgt letztlich auch das gleiche Ziel: die Stadt als ‚Marke‘ im internationalen Standortwettbewerb bestmöglich zu positionieren. Dass eine Kommune kein Unternehmen ist, sondern ein politisches Gemeinwesen, gerät dabei leicht in Vergessenheit. Der Beifall, den das aufwändige Strategiepapier mit der dünnen Botschaft bei den politisch Verantwortlichen gefunden hat, lässt allerdings kaum Zweifel daran, dass die Politik des Spektakels den künftigen Kurs der Marburger Stadtentwicklung bestimmen wird.

Wenn aber jedes Provinznest mit Stadtfesten, Late-Night-Shopping, Kreativmesse und Mittelaltermarkt für sich wirbt, ist überregionale Aufmerksamkeit nur noch denen vergönnt, die mit kulturellen und sportlichen Großereignissen sowie prestigeträchtigen Auszeichnungen punkten können. Die eilends ins Spiel gebrachte Bundesgartenschau und die erneute Bewerbung um einen Platz auf der Unesco-Weltkulturerbeliste sollen auch Marburg ein Stück vom Kuchen sichern, der schließlich nur einmal verteilt werden kann. Dreimal ist Marburg in der Vergangenheit mit seinen Ambitionen auf die begehrte Welterbe-Auszeichnung bereits gescheitert. Nun soll statt des baulichen Ensembles aus Elisabethkirche, Altstadt und Schloss das geistig-kulturelle Erbe stärker in den Vordergrund rücken und Marburgs einzigartigen Status als Universitätsstadt untermauern. Dafür gibt es gute Gründe. Nicht nur, weil die Weltkulturerbeliste bereits überquillt vor herausragenden Baudenkmälern. Viel mehr noch, weil sich am Fuße der Marburger Altstadt inzwischen eine Ansammlung architektonischer Fehlgriffe aneinanderreiht, die wohl jeden Unesco-Experten schaudern ließe.

Image-Bildung in Zeiten globaler Städtekonkurrenz

Aber wer das zur touristischen Werbebroschüre aufgehübschte Bewerbungsgutachten des niederländischen Universitätshistorikers Professor Willem Frijhoff in die Hand nimmt, sucht die triste Center-Architektur auf all den bunten Bildern vergeblich. Schon beim ersten Durchblättern wird die selektive Aneignung des städtischen Raumes und seiner baulichen Zeugnisse deutlich. Sie trägt der Logik einer um  Aufmerksamkeit im globalen Städtewettbewerb buhlenden Image-Bildung durchaus Rechnung. Denn aus der Konkurrenz der Städte, so das Credo der Marketing-Strategen, gehen nur diejenigen als Sieger hervor, denen es gelingt, sich mit dem Besonderen und Authentischen von der Masse abzuheben. Doch das allein reicht nicht aus: In Zeiten eines globalen Kulturtourismus müssen die Zeugnisse der Vergangenheit und Gegenwart, die für die Einzigartigkeit des Ortes bürgen sollen, zugleich auch für ein internationales Publikum leicht verständlich und konsumierbar sein.

‚Urbanalisierung‘ nennt der Stadtforscher Francesc M. Muñoz diese selektive Herangehensweise an die Geschichte der Stadt und ihre bauliche Form, die mittlerweile das Stadtmarketing weltweit prägt. Vielfalt und Komplexität des Städtischen werden eingedampft zu einer banalen aber werbewirksamen Fiktion des Urbanen, die mit der politischen, ökonomischen und soziokulturellen Lebenswirklichkeit der Bewohner nur wenig zu tun hat. Alles, was das geschönte städtische Image stören und den potenziellen Besucher irritieren könnte, bleibt dabei außen vor. Dass dies in gleichem Maße für das materielle und das geistige Erbe gilt, wird in der Marburger Bewerbung um den Welterbestatus besonders deutlich bei dem bemühten Versuch, die enge Verbindung zwischen der Stadt und ihrer Universität auch auf geistig-kultureller Ebene herauszuarbeiten. Die rhetorische Inszenierung greift dazu auf den Begriff des „kulturellen Raumes“ zurück, der jedoch reichlich verschwommen bleibt und abwechselnd einmal das geistige Erbe, ein andermal die baulich-räumliche Prägung der Stadt und schließlich auch noch den Sozialraum bezeichnet.

Das begriffliche Durcheinander ist nicht allein der postmodernen Beliebigkeit geschuldet, mit der der ’spatial turn‘ in den Kulturwissenschaften bisweilen zelebriert wird. Die Schwierigkeiten resultieren aus dem Unternehmen selbst, die geistig-kulturelle Symbiose zwischen Universität und Stadt so aufzubereiten, dass sie die Anforderungen des Stadtmarketings erfüllt. Denn das immaterielle Erbe erweist sich in der Regel als sperrig und für den oberflächlichen Konsum weit weniger geeignet als die gebaute Architektur. Frijhoff kommt bei der Rekonstruktion von Entwicklungslinien in der Marburger Universitätsgeschichte deshalb nicht umhin, auf populäre und damit anschlussfähige Erzählungen sowie auf eingängige Zeugnisse der Baugeschichte zurückzugreifen. Kaum etwas eignet sich in Marburg dafür besser als die Wirkungsgeschichte der heiligen Elisabeth, an die mit der gleichnamigen Kirche eines der markantesten Bauwerke der Frühgotik erinnert. Der von allen tragischen Zügen bereinigte Einsatz der jungen Landgrafenwitwe für die Kranken und Ausgestoßenen der mittelalterlichen Gesellschaft dient in Frijhoffs Erzählung als Gründungsmythos für eine Entwicklungslinie, die Marburg als Zentrum der Krankenpflege und Armenfürsorge präsentiert und in den Errungenschaften der modernen Universitätsmedizin ihren Abschluss findet.

Universitätsgeschichte im Schatten der Stadtheiligen

Zur Produktion eines städtischen Images, das zur globalen Vermarktung taugt, eignen sich die Anleihen bei Elisabethkult und Krankenversorgung zwar allemal besser als die trockene Wissenschaftsgeschichte. Doch damit läuft das Gutachten nicht nur Gefahr, die geistig-kulturelle Verbindung zwischen Universität und Stadt zu banalisieren, um mit Muñoz zu sprechen. Mit der Krankenversorgung als dominantem Erzählstrang wird die Darstellung der Universitätsgeschichte einseitig verengt auf Medizin und Naturwissenschaften. Die Geisteswissenschaften dagegen zahlen den Preis dafür, dass sie sich einer leicht eingängigen Erzählung weitgehend entziehen. Sie geraten in ihrer Bedeutung für die Geschichte der Universität in den Hintergrund und werden, wie in populären Kurzdarstellungen üblich, auf ihre prominenten Vertreter und die passenden Anekdoten reduziert.

Wie jeder gute Reiseführer die Geschichte der Stadt um ihre sinnlich erfahrbaren profanen und sakralen Baudenkmäler gruppiert, bleibt auch Frijhoffs Gutachten auf den kulturellen Raum als gebauten Raum fixiert und tut sich schwer, sich von der imposanten baulichen Präsenz der Universität im städtischen Raum zu lösen. Die mit dem Begriff des kulturellen Raumes suggerierte Darstellung der sozialen und geistig-kulturellen Durchdringung von städtischer und universitärer Gesellschaft verliert sich unterdessen in biographischen Details und etwas Honoratiorenseligkeit. So bleiben Frijhoffs Ausführungen zum Austausch zwischen universitärer und außeruniversitärer Gesellschaft meist auf die Ebene der Eliten beschränkt. Auf Richter und Juraprofessoren, die sich im Marburger Stadtrat engagierten, oder die gemeinsame Mitgliedschaft in der Marburger Museumsgesellschaft. Und gelegentlich menschelt es sogar ein wenig. Etwa wenn es von dem russischen Universalgelehrten Michail W. Lomonossow, der die Marburger Brauerstochter Elisabeth Christine Zilch ehelichte, heißt, er verkörpere die enge Verbindung von Universität und Stadt auf besondere Weise.

Dass sich Frijhoff bei seinen Bemühungen, das Verhältnis von Stadt und Universität mit Leben zu füllen, so schwer tut, mag zu guter Letzt vielleicht auch der Tatsache geschuldet sein, dass sich das universitäre und außeruniversitäre Marburg über all die Jahrhunderte fremder geblieben sind, als es die gefällige These vom gemeinsamen geistig-kulturellen Raum nahe legt. Schon die Gründung der Universität war keine Angelegenheit des städtischen Bürgertums, sondern von der Obrigkeit veranlasst. Und damals wie heute überwiegt im Verhältnis des nichtakademischen zum akademischen Marburg häufig wohl eher das materielle Interesse als der geistige Austausch. Denn dass es um die Stadt ohne  Studenten und Professoren schlecht bestellt wäre, diese schnöde Erkenntnis trieb schon Landgraf Wilhelm VI.  bei  der Wiederherstellung der Universität im 17. Jahrhundert um, wie Frijhoff treffend betont.

Mittelschichtaffine Vermarktung des öffentlichen Raums

Genauso selektiv wie im Zugriff auf Geschichte und Architektur der Stadt sind die neuen Vermarktungsstrategien des Urbanen aber auch bei der Auswahl ihrer Adressaten. Die erlebnis- und freizeitorientierte Inszenierung des Städtischen zielt auf die zahlungskräftigen Mittelschichten, ob als Touristen oder Kunden. Unangepasste Nutzergruppen und all diejenigen, die sich die neuen urbanen Freizeit- und Erlebnisangebote nicht leisten können, sind in den Innenstädten, die sich in Zonen des Konsums verwandelt haben, weitgehend unerwünscht. Doch nicht nur, wenn Straßen und Plätze zur Bühne für Feste und Veranstaltungen werden, sind die Besucher in erster Linie als Konsumenten angesprochen. Selbst im städtischen Alltag ergreifen private Nutzungen vom öffentlichen Raum zunehmend dreister Besitz. Die Allgegenwart von Straßencafés und Außengastronomie signalisiert jedem, der nicht konsumieren will oder kann, dass man gern auf ihn verzichtet, während gleichzeitig die Kommunen das Bedürfnis nach kontrollierter Zerstreuung, mit dem sich der Besucher vom Land seit jeher in der Stadt bewegt, zum Maßstab einer restriktiven Ordnungspolitik machen.

Wem also nützt es, wenn Politiker und ihre Planer auf Kultur als Standortfaktor bauen? Der Soziologe Walter Siebel versucht eine Antwort: „Man kann so sich selbst und den Wählern gegenüber Handlungsfähigkeit beweisen und heterogene Interessen unter einen Hut bringen, wo sich aufgrund der Erosion der städtischen Öffentlichkeit, schwindender finanzieller Spielräume und der Struktur der stadtpolitischen Probleme keine tragfähigen Mehrheiten mehr ergeben.“ Verkauft wird die kulturorientierte Vermarktung der Städte von den verantwortlichen Akteuren aus Politik und Wirtschaft mit dem Versprechen, dass sich die Wohltaten gleichmäßig über alle Bürger ergießen sollen. Schon der flüchtige Blick auf die zahlungskräftigen Adressaten nährt die Zweifel daran. Die Auswirkungen auf den lokalen Arbeitsmarkt zumindest erweisen sich meist als dürftig. Bei der Mehrzahl der Jobs, die entstehen, handelt es sich um prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Gleichzeitig fehlen die ohnehin knappen öffentlichen Gelder, die in prestigeträchtige Projekte fließen, oft gerade dort, wo sie am dringendsten benötigt werden.

Zur Person:

Werner Girgert ist Journalist und Soziologe und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Themen der Stadtentwicklung.
—>Gastbeitrag des Autors zum Thema Wohnungsnot in Marburg: ‚Und sie bewegt sich doch: In der Marburger Wohnungspolitik deutet sich ein zögerlicher Kurswechsel an‘